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Hellboy kämpft mit Kippe, Wumme und zynischen Sprüchen für das Gute.

Hellboy-Schöpfer Mike Mignola

„In den dunklen Dingen liegt eine große Schönheit“

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Hellboy-Schöpfer Mike Mignola über den Einfluss finsterer Märchen, böser Nazis und realer Politik auf seine Comics.

Vor 25 Jahren ging ein Comic-Held in Serie, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: Der riesige rote „Hellboy“ wechselte als Ausgeburt der Hölle die Seiten, kämpft seither in Graphic Novels und Hollywood-Blockbustern mit Kippe, Wumme und zynischen Sprüchen für das Gute – und wurde so zur erfolgreichsten Superhelden-Neuerfindung der Nachkriegszeit. Im Interview spricht sein Schöpfer, der US-Zeichner und Autor Mike Mignola (58), über seine Faszination für deutsche Schauergeschichten, den Einfluss von Donald Trump auf seine Comics und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse.

Mister Mignola, am Wochenende ist es genau 25 Jahre her, dass Sie den wohl außergewöhnlichsten Helden der jüngeren Comic-Geschichte in Serie schickten: Hellboy – ein Dämon aus der Hölle, der die Seiten wechselt und in der Menschenwelt gegen das Böse kämpft. Ist Ihre Figur so erfolgreich, weil sie das alte Comic-Schema „Gut gegen Böse“ ironisch bricht?
Ach, wissen Sie, über solche Symbolik habe ich keine Sekunde nachgedacht, als ich ihn erfand: Ich brauchte nur eine coole Figur, mit der sie auf einem Fan-Treffen für meine Signierstunde werben konnten. Damals war ich noch beim DC-Verlag als Batman-Zeichner angestellt.

Und wieso gerade einen „Hellboy“?
Mir gefielen einfach die Formen, die ich diesem Monster gab – schon auf der allerersten Zeichnung waren zum Beispiel seine Hörner abgesägt. Dazu gab es noch keine Geschichte, das hatte ich nur bei Trollen gesehen, die Comic-Altmeister Jack Kirby gezeichnet hatte. Und um einen Witz zu machen, schrieb ich ihm „Hellboy“ auf die Gürtelschnalle. Als Augenzwinkern.

Mike Mignola.

Inzwischen wissen wir, dass Hellboy sich die Hörner selbst abfeilt, weil er mit seiner Existenz als Höllenkreatur hadert und unter den Menschen nicht auffallen will. Muss ein moderner Superheld von Selbstzweifeln geplagt sein?
Nein, ich wollte eigentlich gar keine Figur schaffen, die die ganze Zeit über ihr Schicksal und ihren Platz in der Welt brütet. Für mich bestand einfach die ganze Schönheit der Hellboy-Comics in dem Witz, dass er mit seiner Gestalt und nicht zuletzt seiner knallroten Farbe einem Abbild des Teufels gleicht – aber der Gute ist. Und der andere Witz bestand in der absurden Prämisse, dass er aber unter den Menschen herumläuft, ohne dass sie davon Notiz nehmen.

Später ist er fast eine Art Promi.
Er ist einfach ein Ermittler für paranormale Verbrechen und macht seinen Job. Ich wollte nur Monstergeschichten zeichnen, und es sollte mir vor allem Spaß machen, die Hauptfigur zu zeichnen.

Nach 25 Jahren wird Hellboy von der Prophezeiung verfolgt, dass „Biest der Apokalypse“ zu sein und einst den Weltuntergang herbeizuführen. Er will das widerlegen, indem er für das Gute kämpft…
Ich hatte mir nie Gedanken über seine innere Motivation gemacht – davon abgesehen, dass er von einer Gruppe aufgezogen wurde, die Monster bekämpft hat. Was sonst soll er da sonst schon tun? Über die Jahre ließ ich dann aber immer mehr Leute mit diesen Prophezeiungen auftauchen, hauptsächlich, weil mir nichts einfiel, worüber die Schurken sonst sprechen könnten. Aber Hellboy hat es für die meiste Zeit der Comicserie abgelehnt, darüber nachzudenken – auch, weil ich darüber nicht nachdenken wollte, wohin das führt und wie man das alles enden lassen soll.

In Ihrer Arbeit finden sich viele Bezüge zu Deutschland: Zum einen, weil die düsteren Sagen und Märchen aus dem alten Europa Sie faszinieren. Zum anderen, weil es in der Entstehungsgeschichte von Hellboy Nazis waren, die ihn aus der Hölle heraufbeschworen. Und schließlich soll Ihr markanter Stil auch von den deutschen Expressionisten der 1920er Jahre inspiriert sein. Wie kam es dazu?
Ich bin einigen von ihnen in meinem Kunststudium begegnet – insgesamt eine unschätzbare Erweiterung meines Horizonts. Seit ich wieder mit echter Malerei angefangen habe, habe ich eher mein altes Faible für die Impressionisten im Kopf. Die meisten anderen Comiczeichner erleben das ja nicht, sodass sie meist nur andere Comics imitieren. Auf die Märchen und Mythen war ich zuvor schon als Grundschüler gekommen, als ich in der Bibliothek auf Bücher wie „Dracula“ stieß – die ich wieder und wieder ausleihte und die mich bis heute nie mehr losließen. Für mich liegt in diesen dunklen, mysteriösen Dingen eine große Schönheit.

Was hat Sie an diesen Geschichten so früh so begeistert?
Ich vermute, dass es für mich die Flucht aus der Realität war, weil meine Mutter gerade jung verstorben war. Und mich faszinierte wohl tatsächlich der Blick auf das pure Böse. Daher auch die Nazis bei Hellboy: Ich hasse es zwar geradezu, irgendwelche Verbindungen zur wahren Welt herzustellen. Besonders solche Dinge wie Neonazis und so weiter, das finde ich zu verstörend – weil sie real sind. Aber andererseits wollte ich Hellboy in der Welt der DC-Comics meiner Kindheit ansiedeln.

Aus reiner Nostalgie?
Ja, er sollte mit einem Fuß in diesen simpleren Zeiten stehen, diesen Zeiten des einfachen Gut-gegen-Böse, simplen Symbolen. Aber schon in den alten DC-Comics waren die Schurken meisten Nazis. Wenn du ohne viel Erklärung böse Figuren einführen willst, greifst du am besten zu Nazis.

Sind Sie eigentlich jemals selbst in Europa gewesen, um sich die echten deutschen Wälder oder transsilvanischen Schlösser anzusehen?
Ja, aber nach Transsilvanien habe ich es leider nie geschafft – aber fast. Ich habe viel Zeit in Prag und Budapest verbracht. Ein gewisses Gefühl für das alte Osteuropa habe ich also bekommen, aber bis nach Rumänien bin ich nie gekommen. Das liegt auch daran, dass ich leider ein sehr schlechter Tourist bin.

Wie das?
Ich war damals in Prag, um das Filmset von „Hellboy“ zu besuchen – und am Wochenende blieb ich einfach im Hotel. Ich mache einfach allein keine Ausflüge. Wäre ich länger da gewesen und ein Freund hätte mich mitgenommen, wäre ich sicher auch zu den historischen Schauplätzen berühmter Sagen gefahren. Aber irgendwie stand die Rückreise immer so schnell wieder an …

Glauben Sie, jede Figur hat Ihre Zeit? Und wenn ja, warum ist Hellboy die Heldenfigur unserer Generation?
Vielleicht steckt auch dahinter dieses Bedürfnis, unserer derzeit so angsteinflößenden Welt zu entfliehen. Fantasy und Science Fiction ist dafür perfekt. Ich sehe Hellboy ja nicht als klassischen Superhelden, aber man muss auch sagen, dass Hollywood in den Nullerjahren sehr erfolgreich mit Superheldenfilmen wurde – das begann etwa, als Präsident George W. Bush nach dem 11. September 2001 die alte Gut-gegen-Böse-Rhetorik auch in der Politik neu beschwor.

Der riesige rote Hellboy wechselte als Ausgeburt der Hölle die Seiten.

Apropos Präsident: In der Comic-Branche wird zurzeit viel über Donald Trump geredet. Ihr Nachfolger als Batman-Zeichner bei DC Comics, Sean Murphy, hat angekündigt, in seinen neuen Geschichten auf die Trump-Ära einzugehen – in einer Comicreihe von Robert Sikoryak tritt er bereits als Schurke auf, der echte Trump-Zitate von sich gibt. In der neuen Batman-Verfilmung soll Alec Baldwin den Vater des Helden als Trump-artigen Immobilienmillionär spielen ...
Und ich erinnere mich noch an die Aufregung darüber, dass Trumps Antrittsrede sehr an eine Ansprache des Superschurken „Bane“ aus einem Batman-Film hatte – bis hin zu wortgleichen Sätzen.

Ist Trump der ideale Comic-Bösewicht?
Nein, er wäre zu dumm für einen echten Superschurken. Es stimmt aber, dass man Trump und all dem, was draußen in der wahren Welt vor sich geht, kaum noch entkommen kann. All dem Rassismus, dem schieren Hass und den absurden Lügen, die von dieser grauenvollen Person ausgehen. Eigentlich ermöglichen meine Bücher mir ja die Flucht aus der Wirklichkeit, und deshalb bin ich sehr froh, dass wir Hellboy gerade haben sterben lassen und ihm für die neuen Geschichten gerade Abenteuer in der Hölle schreiben und zeichnen. Aber wir leben in beängstigenden Zeiten, und wahrscheinlich sickert etwas von dieser Atmosphäre auch in meine Bücher ein.

Was könnte das denn sein?
Schwer zu sagen. Vielleicht war meine Idee, in den aktuellen Geschichten die Welt zu zerstören und neu aufzubauen ja meine unterbewusste Botschaft für das wahre Amerika, das womöglich Donald Trump sogar wiederwählt: Dass wir zu weit gegangen sind und neu anfangen müssen.

Im April kommt der neue „Hellboy“-Film weltweit in die Kinos. Allerdings nicht das ausstehende Finale der Trilogie von Kultregisseur Guillermo del Toro mit Ron Pearlman als Hellboy, sondern ein Neustart mit ganz neuem Team. Auch Sie waren mit del Toros Umsetzung unzufrieden, obwohl sie sehr erfolgreich war. Wird der neue Film besser?
Ich war bei beiden Projekten zu tief eingebunden, um objektiv zu sein. Mit del Toro hatte ich vorher schon an der Optik anderer Filmen gearbeitet, und ich war froh, dass er sich als Hellboy-Fan entpuppte und eine eigene Vision für ihn hatte. Mir war auch klar, dass er sich von meiner Vorlage entfernen würde, auch wenn mich das oft schmerzte. Aber ich war zu vielen Kompromisse bereit – und achtete bei den folgenden Comics umso strikter darauf, dass wir nicht die Filmversion übernahmen: Bei del Torro raucht Hellboy Zigarre, bei mir auf jeden Fall nichts als Zigaretten!

Kommt der neue Film Ihren Vorstellungen näher?
Ich habe versucht, mir gar nicht erst eigene Vorstellungen einer Verfilmung zu machen. Der neue Film erzählt die Geschichte noch einmal neu, und bezieht sich dabei viel stärker auf die Comics als del Torro es tat. Insofern konnte ich bei meinem Besuch beim Filmset in Bulgarien nun tatsächlich die Seiten aus meinen Comic zum Leben erwachen sehen.

Wie fühlte sich das an?
Es war wirklich kaum zu glauben, ich stand da sicher mit einem breiten, dummen Grinsen im Gesicht. Und doch freue ich mich vor allem darauf, zu meinen eigenen Projekten zurückzukehren. Ich habe mir sogar schon eine neue Hellboy-Geschichte ausgedacht, die ich unbedingt mal wieder selbst zeichnen will. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr selbst gezeichnet – höchste Zeit, dass ich das mal wieder versuche!

Zur Info

Am 23. März 1994 hatte „Hellboy“ seinen ersten Auftritt in einer neuen Comicserie, die heute zu den erfolgreichsten des Genres gehört, mehrere Ableger hat und drei Mal verfilmt wurde (2004, 2008 und 2019), zudem gibt es zwei Animationsfilme von 2006 und 2007.

Hellboy-Erfinder Mike Mignola wurde 1960 in Berkeley, Kalifornien, geboren, studierte Kunst und begann seine Karriere als Zeichner von Monstern und später einer Batman-Reihe für DC. Inzwischen ist sein „Hellboy“ so erfolgreich, dass Mignola auch andere Autoren und Zeichner Geschichten mit seinen Figuren erzählen lässt, wodurch das Hellboy-Universum immer weiter wuchs. Neue Serien und Spin-Offs entstanden, so etwa B.P.R.D., Abe Sapien oder Lobster Johnson – heute gibt es mehr als 50 Comicbände aus Mignolas Umfeld, manche enger, manche nur lose verknüpft mit der Hellboy-Figur.

Mignola ist mehrfach preisgekrönt, für sein Album „The Amazing Screw-On Head“ erhielt er sogar den US-Comicbranchen-Oscar „Eisner Award“ für das beste Humor-Album.

In Deutschland ist Mignolas Werk beim Verlag Cross Cult erschienen, der gerade auch neue „Hellboy“-Sammelbände veröffentlicht hat.

Der neue Film „Hellboy: Call of Darkness“ kommt am 11. April ins Kino.

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