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„Ich sehe Mode als Chance, mich selbst auszudrücken.“

Christiane Arp im Interview

Helene Fischer und Karl Lagerfeld als Blickfang: „Vogue“ setzt neue Akzente 

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„Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp will Dinge anders machen. So wie beim Coverbild von Helene Fischer, das deren Fangemeinde zum Brodeln gebracht hat.

Frau Arp, den 40. Geburtstag der „Vogue“ begießen Sie nicht nur heute Abend auf einer Party in Berlin – auch jede Ausgabe in diesem Jahr ist sehr individuell gestaltet, oft mit starken weiblichen Charakteren auf dem Cover, darunter Miuccia Prada, Isabella Rossellini oder Angelique Kerber. Ist dieser Fokus nur dem Jubiläum geschuldet – oder auch der Zeit, in der wir leben? Schließlich ist sie geprägt von emanzipatorischen Debatten und einem Feminismus, der sich endlich neu formiert.
Natürlich sind das sehr präsente Themen – die wir allerdings schon früher bespielt haben als mit unseren Jubiläumsheften. Vergangenes Jahr im August haben wir zum Beispiel ein Heft mit dem Titel „#whatmatters“ gemacht – „was wirklich zählt“. Darin wurden 13 weibliche Charaktere vorgestellt, die in der Mode arbeiten und ihre Position, ihren Namen, ihren Erfolg dazu nutzen, großartige Dinge zu bewegen. Ich selbst wurde 1961 geboren, in eine Zeit, in der man sich als Mädchen viele Fragen selbst stellen musste. Über Sexualität, über die Position der Frau. Ich bin in einem kleinen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen, wo es ganz und gar nicht selbstverständlich war, dass man als ältestes Mädchen der Familie Abitur macht, dass man frei entscheidet, was man machen möchte. Aber ich durfte all das leben. Und irgendwann habe ich festgestellt, dass wir nicht Gefahr laufen dürfen, als Frauen wieder mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Auch darum muss es heute in der „Vogue“ gehen. Wir konnten uns viele Jahre leisten, uns nur mit uns selbst zu beschäftigen, hedonistisch zu sein. Diese Zeiten sind vorbei.

Hat sich das Rollenbild, dass die „Vogue“ präsentiert, nicht schon mit Ihrem Start als Chefredakteurin vor 16 Jahren verändert?
Meine Vorgängerin Angelica Blechschmidt war eine großartige Frau. Aber wenn Sie uns beide nebeneinander sahen, dann konnte der Kontrast nicht größer sein. Ich persönlich habe nie an Diktate geglaubt – auch nicht an modische Diktate. Ich sehe Mode als Chance, mich selbst auszudrücken, als Kommunikationsmittel. Diese Macht, die Mode haben kann, möchte ich vermitteln. Ich möchte Frauen dazu bewegen, mutig zu sein, Dinge auszuprobieren, sich auszuleben. Aber natürlich haben sich ohnehin die Zeiten geändert und auch Angelica hätte heute sicherlich die neue Kraft des Feminismus zum Tenor des Heftes gemacht.

Müssen Modemagazine, die sich dezidiert an Frauen richten, also zwangsläufig eine Position in den aktuellen Debatten einnehmen?
Die Frage, ob wir das müssen, stellt sich mir nicht. Für mich ist klar, dass das eine unserer Aufgaben ist. Wer sich an Frauen als Hauptleserinnen wendet, sollte Frauen stärken. Das muss man dem Heft ansehen.

Helene-Fischer-Ausgabe sorgt für Aufregung

Wie sieht man das der „Vogue“ denn an?
Generell glaube ich auch in Zeiten starker medialer Umbrüche noch immer, dass gerade Print die Kraft hat, zu überraschen. Mit einem Blickwinkel, einer Geschichte, einem Charakter, den die Leserinnen und Leser so nie gefunden hätten. Diese Kraft sieht man ja gerade an unserer Ausgabe mit Helene Fischer. An diesem einen Coverbild, das die große Fangemeinde dieser Frau zum Brodeln gebracht hat – im Guten wie im Schlechten.

Helene Fischer war auf dem Cover der ersten Jubiläumsausgabe in diesem Jahr, sehr natürlich fotografiert von Peter Lindbergh, quasi ungeschminkt, kaum retouchiert. Auch das ist eine feministische Aussage – die der „Vogue“ und Ihnen allerdings nicht nur Lob eingebracht hat.
Mir war klar, dass das, was ich da gemacht habe, auch vielen nicht gefallen wird. Eben weil die meisten Menschen ein komplett anderes Bild von dieser Frau haben. Mir hat besonders imponiert, dass sich Helene überhaupt darauf eingelassen hat. Denn vermutlich war sich niemand so sehr darüber bewusst, welche Reaktionen das hervorrufen würde, wie sie. Das zeigt Stärke, den Mut, etwas auszuprobieren. Und das ist eine Aussage, die die „Vogue“ treffen soll.

Karl Lagerfeld in der „Vogue“-Juliausgabe

In der aktuellen Juliausgabe geht es allerdings um einen starken Mann, statt einer starken Frau. Das Heft ehrt Karl Lagerfeld, der im Februar verstorben ist.
Es ist ein Heft über, aber auch für Karl. Das hätten wir sicherlich auch in jedem anderen Jahr so gemacht, wenn er gestorben wäre. Für mich war Karl ein Jahrhundertmensch. Ich sehe es als großes Privileg, so jemanden kennengelernt zu haben.

Sie haben oft eng mit Karl Lagerfeld zusammengearbeitet und augenscheinlich auch ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm gepflegt. Können Sie beschreiben, was der Mode durch seinen Tod verloren gegangen ist?
Karl hat sich immer die Neugierde eines Kindes erhalten. Er hatte seinen Finger immer am Puls der Zeit, das hat man an seinen Modenschauen gesehen. Denken Sie nur an die Inszenierung eines feministischen Protestes, die Karl für Chanel schon 2014 gemacht hat. Er hat überall hingeguckt und hatte ein unglaubliches Gespür für die Veränderungen unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Eben weil er so neugierig war. Das ist es, was ich in unserer Branche vermissen werde.

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Neben den ganz Großen arbeiten Sie immer wieder auch mit den ganz Kleinen zusammen. Auf der Fashion Week in Berlin etwa präsentieren Sie im „Vogue Salon“ seit 2011 junge Marken einem Fachpublikum.
Ich halte jede Form von Bühne für immens wichtig für junge Talente. Das ist der Grund, warum ich die Fashion Week immer unterstützt habe und unterstütze. Nicht nur als „Vogue“-Chefredakteurin, sondern auch als Präsidentin des Fashion Council Germany. Ich will schaffen, dass Deutschland auch wahrgenommen wird für Mode in und aus diesem Land. Denn es gibt großartige Designerinnen und Designer hier, jüngere und etabliertere, welche die in Deutschland oder im Ausland arbeiten. Denken Sie nur an René Storck, der zwischen Frankfurt und Paris arbeitet, oder Julia Jentzsch, die mit ihrem Label in New York sitzt. Das sind zwei ganz großartige Beispiele, von denen es viele gibt.

Wie kann es dann sein, dass Deutschland nach wie vor nicht als interessanter Modestandort wahrgenommen wird? Was fehlt?
Wir haben all diese modischen Facetten, wir haben das Talent, es gibt nicht den einen deutschen Stil. Was aber fehlt, ist die konsolidierte Unterstützung. Wir müssen Talente endlich unterstützen. Und mit „wir“ meine ich die Politik, die Industrie, die Medien. Daran, dass meine Stimme jetzt ein bisschen fordernder wird, merken Sie, dass ich nicht müde werde, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln und etwas an der Wahrnehmung deutscher Mode zu verändern.

Wir haben viel über Veränderung gesprochen, in Bezug auf Rollenbilder, Ihre Zeitschrift, die Branche unseres Landes. Aber was war für Sie eigentlich die stärkste Veränderung, die die Mode selbst durchlaufen hat, seit sie „Vogue“-Chefin sind?
Der Turnschuh. Der ist nicht nur in allen Lebensbereichen angekommen, sondern er hat auch verändert, wie wir uns bewegen. Selbst zwischen Schuhen mit einem nur kleinen Absatz und dem Turnschuh besteht ein großer Unterschied in der Bewegung. Das ist die wohl größtmögliche modische Veränderung.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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