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Ha! Ho! Heja, heja, he!

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Von: Thomas Stillbauer

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„Sie schreiben auf ihre eigene Weise eine Geschichte des Fußballs.“
„Sie schreiben auf ihre eigene Weise eine Geschichte des Fußballs.“ © Susanne Bolik

Ein Buch voller verrückter Fußball-Plattencover.

Irgendwann in den 90ern, erinnert sich Pascal Claude, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Da brachte ihm ein WG-Mitbewohner etwas vom Flohmarkt mit: eine Single, den „FCZ-Song“ der Dorados. Die Schweizer Unterhaltungsband gab es zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr; das Lied war bereits 20 Jahre alt. Und Claude stand etwas verlegen mit der 7-Inch da. Der Kumpel hatte geglaubt, das perfekte Mitbringsel gefunden zu haben – den missing link, das Verbindungsstück zwischen Fußball und Single-Schallplatten, den beiden großen Leidenschaften des Beschenkten. Aber was sollte der junge Mann, Jahrgang 1970, mit einem etwas albernen Lied über den FC Zürich anfangen, das so beginnt: „F-C-Z, go-go-go! F-C-Z, go-go-go!“

Und dennoch: Pascal Claudes Interesse war geweckt. Mit wachsender Faszination und schwindender Überheblichkeit nahm er zur Kenntnis, dass es eine regelrechte Szene von Fußballliedern auf Vinylscheiben gab. Und vor allem: die Plattencover. „Sie schreiben auf ihre eigene Weise eine Geschichte des Fußballs“, schwärmt er: „Sie zeugen von Aufstiegen, Meistertiteln, Finalteilnahmen und Stadioneröffnungen“, aber nicht nur das. Sie dokumentierten auch den Wandel des Balls vom schweren braunen Lederklumpen zum leichten eleganten Spielgerät, schildert Claude, und: „Jede Hülle ist ein Stück Gebrauchsgrafik und eine Zeugin ihrer Zeit.“

Das wird unschwer erkennen, wer etwa die Single „Ti saluto Italia“ der serbischen Interpretin Snezana Babic (kurz: Sneki) auf der rechten Hälfte dieser Zeitungsseite bestaunt. Eine solch laszive Pose, wie sich jemand dem Torpfosten hingibt, dürfte abseits des zeitlichen Zusammenhangs mit der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 nicht mehr häufig zu sehen gewesen sein. Aber auch das Design, in dem Domingos Pereira auf dem Rasen dargestellt ist, der nicht ganz austrainiert wirkende Herr mit der portugiesischen Flagge (ganz rechts), sucht nach 1970 seinesgleichen. Franz Beckenbauer dagegen, oben, mit seinem „1:0 für die Liebe“ ... zeitlos elegant. Oder nicht?

Ironie, sagt Christian Hahn, sei eine nützliche Haltung im Umgang mit dieser Art Kunst. Natürlich nicht seitens der Interpreten, Fußballgott bewahre! Aber ins Publikum zog gegen Ende des alten Jahrtausends eine Erkenntnis ein: „Nichts bot sich für eine heiter-ironisch gebrochene Betrachtung des Fußballs besser an als das Fußballlied.“

Hahn betreibt südöstlich von Frankfurt das „Büro für Erinnerungskultur“ und hat sich unter anderem mit dem Eintracht-Frankfurt-Museum auf die Suche nach den Wurzeln des Fußballfanatismus gemacht. Pascal Claude lernte er, selbst passionierter Plattensammler, auf Vinylbörsen kennen. Es ergab sich, dass sie gemeinsame Abende organisierten, an denen der Schweizer in der Kulisse eines Fußballtors die kauzigen Fanlieder auflegte und den Zuhörern von seiner Passion erzählte.

Mit dem Frankfurter Grafiker Harald Pridgar hatte Hahn schon 2013 den Band „Näht auf wenn ihr Adler seid“ herausgebracht: ein Kompendium mit Fotos schöner Klub-Aufnäher, angelehnt natürlich an den Fangesang „Steht auf, wenn ihr Adler seid“, der in jedem Eintracht-Spiel mindestens drei Mal durchs Waldstadion dröhnt. Bald darauf schien ihnen nichts logischer, als Claudes Sammlung ebenfalls zum Buch zu adeln. Der Kölner Walther-König-Verlag musste nicht lang überredet werden.

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Pascal Claude, geboren 1970 in der Schweiz, sammelt Fußballgeschichten und seit mehr als 20 Jahren auch Fußball-Singleschallplatten. © Susanne Bolik

Klar, dass das Resultat mit rund 900 Fotos von Plattenhüllen quadratisch ist wie sein Gegenstand, nur viel dicker. Auch klar, dass Fußball-Kolumnist Pascal Claude darin auch auf seine Anfänge als Sammler zurückblickt. Wie er als Junge hinter Autogrammkarten her war und seine Gesuche voller Zutrauen adressierte: „Ian Rush, FC Liverpool, Liverpool, England“. Wie er geschlagene drei Jahre auf die Antwort von Trevor Steven (FC Everton) warten musste. Wie ihn schließlich das Geschenk seines WG-Kameraden animierte, bewusst nach Singles mit Fußballsongs zu suchen – und wie er Exemplare aus mehr als 40 Ländern zusammentrug. Darunter Sensationen wie den Spartak-Moskau-Boogie des Ansambles Bim-Bom, den ein Freund „von einer wilden Reise durch Ossetien“ mitbrachte.

Seit Jahren stellt Claude seine Funde ins Internet. Der Clou: Unter der Adresse www.45football.com lassen sich die Platten nicht nur sehen, sondern auch hören. Aber Vorsicht, wer damit einmal begonnen hat, wird wochenlang versinken zwischen Gerd Müllers „Dann macht es bumm“, Jimmy Hartwigs „Mama Calypso“ und dem „Mann mit der Mütze“, einst eingesungen von Udo Jürgens und der deutschen Nationalmannschaft zum rührseligen Ausstand des Bundestrainers Helmut Schön. Unvergesslich auch das „Ha! Ho! Heja, heja, he!“ im Song zur Weltmeisterschaft 1974: „Fußball ist unser Leben, der König Fußball regiert die Welt.“ Schon damals eigentlich nur mit Ironie zu verarbeiten.

Aber es gibt auch durchaus coole Produkte: Das Stück „Dance With The Lion“ des Kameruner WM-Stars Roger Milla kann sich sehen und hören lassen. Jedenfalls im Vergleich zum „Rummenigge, Rummenigge, Tag und Nacht“ des Duos Cleo und Wolfgang (B-Seite: „Aerobic Blues“). Oder zum, sagen wir: leicht überproduzierten „Gazza Rap“ des Briten Paul Gascoine. Unantastbar genial dagegen die Eintracht-Hymne „Schwarz-weiß wie Schnee“ der Metal-Band Tankard, die schon früh und visionär auf die Folgen des Klimawandels anspielte. Also zwischen den Zeilen.

Eine Zeitreise durch die Fußballgenese sieht Christian Hahn in der Sammlung: „Natürlich ist das skurril, aber es geht über das Schenkelklopfen hinaus.“ Die Freunde überlegten, ob sie dem Buch eine CD mit Musikexempeln beilegen sollen. Aber das hätte die Idee einer Hommage an die Single konterkariert. Monatelang dauerte das Scannen und Freistellen der Plattencover für den Druck, alles aus der Schweiz abgeholt und einzeln bearbeitet, dann in „absurde Kategorien“ (Hahn) eingeteilt und grafisch kombiniert. „Es gibt selbst für Fußball-Nerds noch viel zu entdecken“, sind sich die Macher einig und teilen auch ihre Zielgruppe in drei Sparten ein: „Fußballfans, Musikfans und Designvögel – wir gehören jeweils zu allen drei.“

Pascal Claude hat inzwischen herausgefunden, warum er einst so lang auf das Autogramm des Engländers Trevor Steven warten musste. Dessen Klub FC Everton, nahm jedes Jahr eine Single auf: „Er hatte also schlicht keine Zeit für Autogramme.“

Buchpräsentation am 14. Oktober, 20 Uhr, in der Darmstädter Buchhandlung Lesezeichen.

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