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Heizt Helgoland bald mit Wind?

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Von: Oliver Ristau

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Die Nordseeinsel Helgoland von Nordwesten her aufgenommen (Archivbild).
Die Nordseeinsel Helgoland von Nordwesten her aufgenommen (Archivbild). © dpa

Eine Studie empfiehlt für Helgoland ein weltweit einzigartiges Projekt zur Wärme-Erzeugung. Bisher basiert die Energieversorgung der Insel auf ökologisch fragwürdigen Technologien. Von Oliver Ristau

An Wind herrscht kein Mangel auf Helgoland - schon gar nicht im Herbst und Winter, wenn die steife Brise Bewohnern und Touristen stärker um die Ohren bläst als in anderen Regionen Deutschlands. Bisher jagt er allerdings ungenutzt über den knapp zwei Quadratkilometer großen roten Sandsteinfelsen in der Nordsee hinweg.

Die Energieversorgung der Insel basiert auf ökologisch fragwürdigen Technologien aus dem vorigen Jahrhundert. Dieselaggregate und ein Heizölkraftwerk sind die einzigen Energielieferanten. Bis vor 20 Jahren wurde auf Helgoland noch Schweröl verbrannt, eine besonders schmutzige und heute fast nur noch in Entwicklungsländern eingesetzte fossile Stromquelle.

"Wir verbrauchen jedes Jahr 6,4 Millionen Liter Diesel und stoßen damit zu viel Kohlendioxid und Feinstaub aus. Damit muss Schluss sein", sagt Helgolands Bürgermeister Frank Botter: "Bei unseren Wetterbedingungen schreit alles förmlich nach Windkraft."

Allerdings herrscht in den Spitzenzeiten, wenn im Sommer Hunderttausende Ausflugsgäste die Insel besuchen, oft Flaute. Da kann der Wind nicht helfen. Aber er stürmt im Winter, wenn die Inselbewohner beinahe unter sich sind und Wärme brauchen. "Windangebot und Wärmebedarf unserer Insel passen ideal zueinander", sagt Kay Martens von den Versorgungsbetrieben Helgoland. "Diese Kraft sollten wir nutzen." Allerdings wird Windenergie bisher ausschließlich zur Stromgewinnung verwendet. Als Wärmequelle hat sie noch niemand entdeckt.

Weltpremiere für Windenergie als Wärmequelle

Helgoland setzt nun auf die Weltpremiere. Denn nach einer Studie der Innovationsstiftung Schleswig-Holstein zur künftigen Energieversorgung der Insel könnte der Strom von ein oder zwei zu installierenden Windrädern reichen, um Wasser zu erhitzen, das durch das existierende Fernwärmenetz der Insel zu den Helgoländer Heizungen gepumpt wird. Dabei würde die Windkraft einen Elektrodenkessel - eine Art gigantischen Tauchsieder - unter Strom setzen.

"Bisher gibt es so ein Konzept weltweit noch nicht", sagt Werner Möhring-Hüser, Autor der Studie. Der Einsatz als Wärmequelle sei ungewöhnlich, rechne sich aber - weil der aufwendige Schiffstransport des Heizöls entfällt und langfristig mit steigenden Ölpreisen zu rechnen ist. Die Windkraftanlagen, rät er, könnten bei der Hafeneinfahrt an der Südspitze aufgestellt werden.

Vorbehalte gegen Windräder auf der Insel

Doch auf der vom Fremdenverkehr abhängigen Hochseeinsel gibt es Vorbehalte gegen rotierende Riesen, die womöglich die Aussicht behindern. Befürchtungen, die Touristen könnten deshalb wegbleiben, nimmt auch Bürgermeister Botter ernst. Zumal das Eiland bereits in der Vergangenheit eine Windkraftanlage mit wenig Erfolg betrieb. "Da ist mehrmals der Blitz eingeschlagen", erinnert sich der SPD-Mann. Außerdem hätten die Schwankungen der Windkraft regelmäßig zu Stromausfall geführt. Der Rotor wurde abgebaut.

Doch diesmal geht es ja ums Heizen - da könne kein Stromnetz zusammenbrechen. Und: "Die Rückkehr zum eigenen Ofen ist für einen Luftkurort auch keine Alternative", sagt Botter. Ob es etwas wird mit der Windkraft auf Helgoland, liegt nun beim Innenministerium in Kiel. Schleswig-Holstein als verantwortliches Bundesland muss solchen Veränderungen der Landschaft zustimmen.

Das bisherige Verbrennen von Öl zur Stromgewinnung ist Botter auch ökonomisch ein Graus. Wegen der hohen Ölpreise der jüngsten Vergangenheit ist der Strom mit rund 23 Cent je Kilowattstunde deutlich teurer als auf dem Festland - obwohl es auf Helgoland keine Mehrwertsteuer gibt. Das könnte sich bald ändern. Denn die Insel wird dieses Jahr erstmals in ihrer Geschichte mit der Küste verkabelt. Für 20 Millionen Euro lässt der Energiekonzern Eon eine 55 Kilometer lange Stromleitung zur Hochseeinsel legen. Dann, freut sich Bürgermeister Botter, gibt es endlich Energiepreis-Wettbewerb für die rund 1500 Helgoländer.

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