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Heiße Angelegenheit

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Von: Johannes Dieterich

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Unproblematische Partie: Janny Sikazwe bei der WM 2018 in Sotschi. imago images
Unproblematische Partie: Janny Sikazwe bei der WM 2018 in Sotschi. imago images © Imago Images

Wie Schiedsrichter Janny Sikazwe seinen verfrühten Abpfiff beim Afrika-Cup verteidigt

Wer sich über Janny Sikazwe lustig macht, zeigt, dass er keine Ahnung hat. Und zwar von den mörderischen Temperaturen, die an Kameruns Atlantikküste herrschen. Nicht zufällig wird die Region „Afrikas Achselhöhle“ genannt. Dort beugt sich die Küstenlinie im rechten Winkel, und das Thermometer steigt oft auf 40 Grad – bei einer Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent. Dort tropft der Schweiß nicht, er fließt.

So auch bei der Begegnung im Afrikanischen Fußballcup zwischen Tunesien und Mali in der Küstenstadt Limbe. Die Begegnung startete um 14 Uhr Ortszeit, was allein schon ein Verbrechen ist, und zog sich bei erbarmungsloser Hitze über fast zwei Halbzeiten und genauso viele Elfmeter (Mali verwandelte seinen, Tunesien nicht) bis zur 85sten Minute hin. Zu diesem Zeitpunkt pfiff Schiedsrichter Janny Sikazwe das Match ab, für ihn war die Spielzeit offenbar zu Ende.

Inzwischen wissen wir, dass der Unparteiische sein letztes Stündlein gekommen sah. „Bereits beim Aufwärmen war klar, dass das nicht gut gehen konnte“, erzählte Sikazwe nun bei seiner Rückkehr nach Sambia: „Wir versuchten zu trinken, aber das Wasser löschte den Durst nicht. Alles, was ich anzog, war unerträglich heiß. Meine Sprühdose, die Kopfhörer und die Pfeife brannten vor Hitze, ich hätte sie am liebsten weggeworfen.“ Doch weil man als Schiedsrichter darauf getrimmt sei, „wie ein Soldat zu sein“, kämpfte sich Sikazwe durch. Zumindest bis zu jener 85. Minute, als er gerade noch über genügend Luft für die zwei finalen Pfiffe verfügte.

Davon wollten die Tunesier allerdings nichts wissen. Sie lagen 0:1 zurück und gaben dem Schiedsrichter erregt zu verstehen, dass sie noch fünf Minuten Zeit zum Ausgleich hätten. Sikazwe ließ sich breit schlagen: Es folgten die schlimmsten Minuten seines bisherigen Lebens. „Ich habe schon Kollegen gesehen, die zu einem Match ins Ausland reisten und in einem Sarg zurückkamen. So stellte ich mir auch meine Heimkehr vor.“ Sein Körper habe sich partout nicht mehr abgekühlt: „Ich stand kurz vor dem Koma.“ Da tat Sikazwe, was jeder vernünftige Mensch in seiner Lage tun würde: er pfiff erneut ab. Dieses Mal waren es nur noch 17 Sekunden bis zum Ablauf der 90 Minuten – von den fünf Minuten Nachspielzeit einmal abgesehen.

Die Reaktion der Tunesier fiel diesmal noch erhitzter aus. Sie rückten dem Unparteiischen auf die kochende Pelle, der Coach drehte ihm sogar den Arm um, damit er einen Blick auf seine Armbanduhr werfe. Doch Janny Sikazwe befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem entrückten Zustand: „Ich hörte Stimmen und Lärm, ich wusste aber nicht, woher sie kamen.“ Endlich wurde er von Ordnungskräften abgeschirmt in die Kabine geleitet – nur, um kurz darauf zu erfahren, dass die Match-Verantwortlichen eine Nachspielzeit angeordnet hatten. Zum Glück Sikazwes wollten nun aber auch die Tunesier nicht mehr. Sie blieben trotzig in ihrer Kabine.

Für den Sambier hielt die Hölle auch in den kommenden Tagen an. Der Präsident des Afrikanischen Fußballverbands suchte ihn auf, Ärzte untersuchten ihn auf Herz und Nieren, ohne allerdings etwas Ernsthaftes zu finden. Schließlich wurde der Protest der Tunesier abgewimmelt, und Janny Sikazwe durfte in seine kühlere Heimat zurückkehren. Dort begrüßte er seine Familie und „das sambische Volk“ mit den Worten: „Ihr habt Glück, dass ihr noch mit mir reden könnt. Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können.“

Sogenannte Fußballexperten schmähen Sikazwes Darbietung als „eine der schlechtesten Schiedsrichter-Leistungen in der Geschichte“ (die britische „Sportsmail“). Der Held von Limbe lässt sich davon aber nicht beirren: „Lass sie reden“, sagt er: „Wir danken Gott, dass wir noch leben.“

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