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Martin Sellner Heimat Defender
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Martin Sellner, Chef der Identitären Bewegung Österreich, ist einer der Protagonisten von „Heimat Defender“.

Nerds und Nazis

„Heimat Defender“: Obskure Computerspiele und rechtsextreme Onlinekulte

  • Marcel Richters
    VonMarcel Richters
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Das Computerspiel „Heimat Defender“ bietet rechten Spielern die Möglichkeit, selbstbestimmt gegen die Feinde der eigenen Ideologie vorzugehen.

  • Die Geschichte hinter dem Computerspiel „Heimat Defender“ ist an rechtsextreme Erzählungen angelehnt
  • Spieler*innen können als Martin Sellner, Alex Malenki, Outdoor Illner und „der dunkle Ritter“ antreten
  • Die Macher von „Heimat Defender“ stehen in engem Kontakt mit der Alt-Right

Computerspiele haben schon lange ihr Image als Freizeitvergnügen für Sonderlinge abgelegt. Mehr als jeder dritte Mensch in Deutschland spielt regelmäßig, die Anteile der Geschlechter sind dabei nahezu gleich. Das ergab eine Auswertung des Marktforschungsinstituts GfK.

Allerdings: In einigen Fällen lohnt es sich doch genauer hinzuschauen, ob es nicht doch Sonderlinge sind, die sich mit Spielen beschäftigen. So auch im Fall der Macher von „Heimat Defender“, das ab Mitte September auf der Plattform Steam erhältlich sein soll.

Die Macher von „Heimat Defender“ stehen weit rechts

Auf den ersten Blick wirkt das Spiel wie viele, die sich aufgrund ihres Retro-Looks derzeit großer Beliebtheit erfreuen. Mit seiner pixeligen 2-D-Grafik erinnert es an die Anfangsjahre der Computerspiele, ein so genanntes Jump’n’Run, bei der sich eine kleine Figur springend und laufend immer weiter nach rechts über den Bildschirm bewegt. Ziemlich weit rechts stehen allerdings auch die Macher von „Heimat Defender“.

Hinter dem Spiel stehen der Verein „Ein Prozent“ und „Kvltgames“ (ausgesprochen Kultgames). „Ein Prozent“ existiert seit 2015 und hat es sich als Netzwerk zum Ziel gesetzt, mithilfe von Spenden rechtsextremes Gedankengut möglichst weitreichend in die Tat umzusetzen. „Kvltgames“ ist Teil der „Kvltgang“, einer Gruppe von Designern und Musikern, die nach eigenem Bekunden „politische Bewegungen in ganz Europa“ unterstützen und „Inhalte für andere Aktivisten“ erstellen wollen.

Die Geschichte hinter „Heimat Defender“ ist an rechtsextreme Erzählungen angelehnt

Einer dieser Inhalte ist also „Heimat Defender“. Die Geschichte hinter dem Spiel ist an rechtsextreme Erzählungen angelehnt. Ein globaler Konzern – die „Globohomo Corporation“ – hat im Jahr 2084 die Macht in Europa übernommen, die Bürgerinnen und Bürger sollen versklavt und zu sogenannten „NPCs“ gemacht werden. NPCs ist eine Abkürzung aus dem Englischen für Non-Player Charakters und steht für Nicht-Spieler-Charaktere. Sind keine Spieler mehr, keine handelnden Akteure, sondern folgen willenlos der Agenda finsterer Kräfte. Diese finsteren Kräfte werden beispielsweise personifiziert durch Direktor Zoon oder Commander Kurz. Direktor Zoon hat große Ähnlichkeit mit Fernsehmoderator Jan Böhmermann, der sich bereits mehrfach öffentlich gegen Rechtsextremismus positioniert hatte. Commander Kurz erinnert unweigerlich an den jüdischen US-Milliardär George Soros, der mit seinem Einsatz für eine liberale Gesellschaft schon lange zum Feindbild der Rechten gehört.

Gegen diese Gehirnwäsche treten in „Heimat Defender“ vier Protagonisten an, alle namhafte Mitglieder der rechtsextremen Szene. So können Spieler*innen als Martin Sellner, Alex Malenki, Outdoor Illner und „der dunkle Ritter“ antreten. Malenki und Sellner sind Vordenker der Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird. Der „dunkle Ritter“ ähnelt frappierend dem Verleger und Ein-Prozent-Mitgründer Götz Kubitschek und Outdoor Illner ist das Pseudonym eines rechten YouTubers, der sich mit Prepping und dem Leben in der Wildnis beschäftigt. Die vier werden als Freiheitskämpfer inszeniert, womit eine weitere Erzählung der rechten aufgegriffen wird: Die der unterdrückten Meinungen. Nicht umsonst ist das Spiel auch im Jahr 2084 angesiedelt, in Anlehnung an den Klassiker 1984 von George Orwell.

Ort der Handlung von „Heimat Defender“ sind vor allem dystopische Großstädte „voller Antifa-Zonen“. Aber auch gerne von Rechtsextremen genutzte Landmarken wie das Völkerschlachtdenkmal sind zu sehen. Nur steht dort nicht mehr Erzengel Michael vor dem Eingang, sondern eine antiziganistische Karikatur einer Roma-Frau mit schwulstigen Lippen und großen Goldohrringen.

„Heimat Defender“: Computerspiel als Propagandamittel

Was aber bringt Rechtsextreme dazu, auf Computerspiele als Propagandamittel zu setzen? Nach eigenem Bekunden ist „Heimat Defender“ schließlich das erste Spiel seiner Art. Ein Aspekt ist sicherlich, dass dank der „Kvltgang“ das Know-How vorhanden ist und ein Spiel denkbar niedrigschwellig zu vertreiben und zu nutzen ist. Während Rechtsrock-Konzerte meist klandestin organisiert sind und allein aufgrund ihres Publikums eine hohe Zugangsschwelle haben, lässt sich ein Spiel in Pixel-Optik leicht programmieren und läuft auf den meisten Heim-PCs.

Ein anderer Aspekt aber scheint noch viel wichtiger: Die Verbindung zwischen Gamer-Kultur und Rechtsextremismus. „Natürlich ist die Gaming-Community nicht per se rechtsoffen“, wie die Publizistin Veronika Kracher erklärt. Im Gegenteil, es gibt auch klar antifaschistische Spiele wie „Through the Darkest Times“. Dennoch ist rechtsextremes Denken in einigen Teilen der Community virulent, Kracher erklärt. Sie hat sich bereits intensiv mit diesem Teil der Community auseinandergesetzt und unter Anderem das Buch „Incels - Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ verfasst. Kracher macht klar: Spätestens seit dem sogenannten „Gamergate“ von 2014 gibt es enge Verbindungen zwischen bestimmten Teilen der Gaming-Szene und rechtem Gedankengut.

Enge Verbindung zwischen Gaming-Szene und rechtem Gedankengut

Ausgangspunkt des Gamergates, so erläutert Kracher, war eine positive Rezension auf einer linken Gaming-Website für ein von einer Frau programmiertes Spiel, das sich mit dem Thema Depressionen auseinandersetzte. Frauen, die in der Szene eine große Bedeutung erlangen, das sorgte für einen Beißreflex, wie Kracher sagt „Die Gaming Community ist eine Community, die sich in den letzten Jahrzehnten sehr ‚männlich‘ entwickelt hat“, erläutert die Publizistin. Für einige Gamer sei daher das Gefühl entstanden, dass sie jetzt nicht mehr ihr Jungs-Ding durchziehen können.

Schnell entwickelte sich ein frauenfeindlicher Sturm der Entrüstung, der sich als Gamergate verselbstständigte und damit einen entscheidenden Moment für die Entwicklung einer neuen rechten Jugendbewegung in den USA darstellte, der „Alt-Right“. Diese Alt-Right fand auch schnell in Europa Anhänger und sammelt sich in Internetforen wie 4chan und Krautchan. Dort tauschen sie frauenfeindliche Witze, oftmals aus Frustration, weil sie sich vom anderen Geschlecht abgelehnt fühlen. Dann führt die eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schnell zu einer anderen. „Frauenfeindlichkeit ist eine Einstiegsdroge in die rechte Szene“, erklärt Kracher.

Ein Schreenshot aus dem Spiel „Heimat Defender“ erinnert an die frühen Jahre des Computerspiel-Zeitalters.

Die Macher von „Heimat Defender“ stehen in engem Kontakt mit der Alt-Right

Dass die Macher von „Heimat Defender“ in engem Kontakt mit der Alt-Right stehen, zeigen schon Leitbegriffe im Spiel. Gegner der eigenen Ideologie auch außerhalb von Spielen als „NPCs“, also willenlose Gefolgschaft der „globalisierten Agenda“ zu bezeichnen, ist ebenso gebräuchlich, wie von der vermeintlichen globalen kulturellen Homogenisierung durch Konzerne und Organisationen als „Globohomo“ zu sprechen. Auch die NPCs sind eine Anspielung aus der Internetkultur und auf den in rechten Kreisen verbreiteten Gedanken, dass das Streben nach einer diversen Gesellschaft nur durch „Gehirnwäsche“ zu erreichen ist.

Die Äußerungen von Fans und Machern des Spiels in sozialen Netzwerken zeigen die Verbindungen zu den rechten Teilen der Gaming-Szene ebenfalls. Es ist eine eigene Sprache, die diese Subkultur inzwischen entwickelt hat. „Das wird episch und lustig wie getriggert die Linken SJW sind“, schreibt beispielsweise der Nutzer „Deutschland zur Ehre“ auf YouTube. „Man sieht, dass eindeutig Begriffen aus der Alt-Right und der Gaming-Kultur genutzt werden“, erläutert Kracher den Kommentar. Sowohl triggern, also eine verärgerte Reaktion auslösen, als auch SJW, also Social Justice Warrior, Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, sind feste Begriffe in der Szene.

Einer der Verantwortlichen für das Spiel, der unter dem Pseudonym dotl0ki auftritt fragt seine Follower bei Instagram: „How blackpilled are you currently?“ und zeigt damit, dass nicht nur er, sondern auch seine Gefolgschaft bestens mit den Vokabeln der rechten Gamer-Szene vertraut sind. Die Blackpill-Ideologie ist in der Alt-Right weit verbreitet und unter antifeministischen Gruppierungen eine zentrale Idee. Sie versinnbildlicht den Gedanken, dass das Leben hoffnungslos ist und der vermeintliche Kampf gegen eine vermeintlich dem Feminismus verfallene Welt verloren ist, wer die „schwarze Pille“ genommen hat, hat das erkannt und zählt zu dem kleinen Kreis der „Erleuchteten“. Auch hier findet sich das verbindende Element der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Kracher dazu: „Es gibt Onlinenischen, wo die Macher anknüpfen können.“

„Heimat Defender" verknüpft rechtsextreme Propaganda mit Gewaltfantasien

Vor diesem Hintergrund bietet „Heimat Defender“ den Spielern nun die Möglichkeit, aus ihrer vermeintlichen Hoffnungslosigkeit auszubrechen und wieder selbstbestimmt zumindest virtuell gegen die Feinde der eigenen Ideologie vorzugehen. So verknüpft das Spiel rechtsextreme Propaganda mit Gewaltfantasien, vermeintlicher Selbstermächtigung und Personenkult rund um Sellner, Kubitschek und andere Protagonisten der „neuen“ Rechten.

Dass die Verbindung von rechtem Hass und Computerspielen nicht nur virtuell bleibt, zeigten die Anschläge von Halle und Christchurch, die nicht nur von den Attentätern gefilmt wurden und mit ihren Bildern stark an ein Computerspiel erinnerten, sondern auch in der Alt-Right-Szene gefeiert wurden. Bleibt nur zu hoffen, dass sich durch „Heimat Defender“ nicht noch weitere Rechtsextreme aufgerufen fühlen, ihre Fantasien in die reale Welt zu übertragen. (Von Marcel Richters)

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