Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Mann mit Hut vor einem Altar.
+
Der Trend zu neuen Sekten in Frankreich kann an sich nicht überraschen. Die Corona-Pandemie steigert die allgemeine Verunsicherung und schürt Ängste.

Heilssuche im Abwegigen

Wegen Corona: Hunderte Sekten schießen in Frankreich aus dem Boden – mit dramatischen Folgen

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
    schließen

In Frankreich haben Sekten, Gesundbeter und Wunderheiler seit der Corona-Krise einen starken Zulauf. Nun will die Regierung eingreifen.

Lorient - Ulysse Ha Duong wollte eigentlich nur lernen, wie man in der Wildnis überlebt. Doch dann verwechselte jemand im Survival Camp zwei Pflanzen und der 25-jährige Bretone starb an einer Vergiftung. Acht weitere Menschen aus dem Camp im Sommer 2020 konnten im Krankenhaus gerettet werden.

Der tragische Todesfall in dem Camp in der Nähe von Lorient wirft ein Schlaglicht auf den gefährlichen Boom einer ganzen Branche. Wie die französische Ministerin für Bürgerfragen, Marlène Schiappa, diese Woche erklärte, sind in Frankreich im Verlauf der Covidkrise rund 500 Sekten und ähnliche Gruppen aus dem Boden geschossen. „Darunter sind neue Gurus, die sich der Pandemie bedienen, um angebliche Heilmethoden anzubieten, die in Wahrheit in psychologischer Unterwerfung oder Geld-Abzocke bestehen“, sagte Schiappa. Als Folge kündigte sie eine „Verstärkung“ der nationalen Anti-Sekten-Mission (Miviludes) an. Konkreter dürfte sie in den nächsten Tagen werden.

Der Trend zu neuen Sekten kann an sich nicht überraschen. Die Pandemie steigert die allgemeine Verunsicherung und schürt Ängste. „Wenn die Leute in Situationen geraten, die sie nicht mehr meistern, verfallen sie in extreme oder gar wahnwitzige Glaubenshaltungen“, erklärt Didier Pachoud vom Opferhilfe-Verein Gemppi. Er hält die Zahl von 500 neuen Sekten noch für untertrieben, da es eine hohe Dunkelziffer gebe. Einigkeit herrscht, dass die Sektenopfer zahlreich sind. Schiappa schätzt sie in Frankreich auf 140 000. Darunter sind besonders viele Frauen und junge Menschen.

Corona-Pandemie: Sekten-Anhänger in Frankreich hungern sich auf unter 40 Kilo runter

Die Krise verändert die Nachfrage und damit auch die Sekten. Laut Schiappa sind religiöse Gruppen wie Scientology in der Minderheit. Heute locken kleine Gruppen oder Einzelpersonen mit mehr oder weniger esoterischen Gesundheitsversprechen. Fachmann Pachoud zählt auch meditative Erfahrungen wie Vipassana (buddhistisch: „Einsicht“) oder Reiki dazu. Auch wenn sie nicht unbedingt ins Nirwana münden, sondern eher in die Privatinsolvenz oder die Gesprächstherapie, wie zuletzt bekanntgewordene Fälle belegen, haben sie in der Covidzeit regen Zulauf.

Ähnlich verhält es sich mit sogenannten „Gesundheitskuren“ wie dem Extrem-Fasten oder Rohkost-Therapien. Letztere haben dem Youtuber Thierry Casasnovas schon Hunderte Anzeigen von Angehörigen bei Miviludes eingebrockt, weil sich Teilnehmer:innen seiner Kurse auf unter 40 Kilogramm runterhungerten. Indes: Gegen Safttrinken hat die Kontrollstelle kaum eine Handhabe.

Französische Verschwörungstheoretiker machen 5G-Netz für Covid-19 verantwortlich

Betrügerische Covid-Heilmittel hat Miviludes in Frankreich bisher nicht festgestellt. Evangelikale Gruppe predigen lediglich, Covid treffe nur die, „die nicht an Gott glauben“. Verschwörungstheoretiker wie Jean-Jacques Crèvecoeur machen die Wellen der neuen Handy-Generation 5G für das Aufkommen des Virus verantwortlich. Auch der Genfer Naturheiler Christian Tal Schaller benutzt die Covidkrise, um bei seinem frankophonen Publikum für seine Praktiken (Schamanismus, Urintherapie) zu werben. In seinem neuen Buch scheut der selbsternannte „Docteur“ nicht vor der Frage zurück, ob die Anti-Covid-Impfungen einen „planetaren Genozid“ darstellten.

In ihrem Jahresbericht hält Miviludes fest, dass auch altbekannte Sekten wie die Zeugen Jehovas heute verstärkt über die sozialen Medien Kontakt zu einem Covid-Publikum suchten. Seit Beginn der Pandemie laufen auf Betreiben der Mission zwei Dutzend Justizverfahren gegen andere Personen und Gruppen, die aus der Covidkrise Kapital zu schlagen versuchen. Und zwar sehr konkret: Individuelles Coaching durch Wunderheilende, sogenannte Magnetiseure und Kundige des Schamanentums kostet laut Miviludes im Dauerabo „bis zu 100 000 Euro“.

Pascale Duval von der Union der Sektenopfer (Unadfi) hält zudem für gefährlich, dass die Grenzen zwischen Sektentum, Heil-Business und Verschwörungstheorien in der Pandemie fließend seien. Das sei auch deshalb beunruhigend, weil anfällige Menschen heute ein komplettes Gegenmodell zur Gesellschaft angeboten bekämen – inklusive körperlicher und seelischer Pseudobetreuung. (Stefan Brändle)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare