Dr. Hontschiks Diagnose

Heilloses Chaos

  • schließen

Ist Datenschutz nur was für Gesunde?

Im Jahr 2005 wurde die gematik gegründet, die „Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte“, um den gesetzlichen Auftrag des damals neu beschlossenen §291b des Sozialgesetzbuches V zu erfüllen: Entwicklung von Datenkonfigurationen und Hardwarekomponenten zum Betrieb einer umfassenden Telematikinfrastruktur im gesamten Gesundheitswesen. Das ist jetzt 14 Jahre her!

Außer der fantasielosen und furchterregenden Idee, sämtliche Gesundheitsdaten auf zentralen Servern abzuspeichern, die dann mit hunderttausendfach installierten Peripheriegeräten in Arztpraxen, Krankenhäusern, bei Physiotherapeuten und Apotheken abgerufen werden können, ist in all den Jahren nichts herausgekommen. Es ist bei der Idee geblieben. Immerhin sind bis jetzt aber schon etwa zwei Milliarden Euro in den Sand gesetzt worden.

Als Jens Spahn Gesundheitsminister wurde, war eine seiner ersten Amtshandlungen die Trockenlegung dieses Sumpfes. Der Bund übernahm 51 Prozent der gematik-Anteile und ein neuer Geschäftsführer wurde eingesetzt: ein Internist, IT-Spezialist, Pharma-Manager bei Ratiopharm, TEVA und Shionogi in einer Person, kurz: ein Tausendsassa. Seitdem gibt es kein Halten mehr und keine Tabus. Gemäß der erklärten Devise von Jens Spahn, dass Datenschutz nur etwas für Gesunde ist, wurden nun Gesundheits-Apps, also Handy-Applikationen, zu Leistungen der Krankenkassen erklärt, verschreibungspflichtig wie Medikamente oder Krankengymnastik. Jetzt überschlugen sich die Ereignisse:

Im Februar 2018 ging die Techniker-Kasse mit ihrem Partner IBM mit „TK-safe“ an den Start, einer elektronischen Gesundheitsakte, die mit Hilfe der TK-App genutzt werden kann. Die TK kooperiert dabei auch mit der Gesundheits-App Ada, die im Verdacht steht, ihre Daten ohne Wissen und Einverständnis der Nutzer*innen an Facebook weiterzugeben. Im September 2018 hat sich die DAK mit dem Partner Allianz gleich ganz und gar einer App mit Namen Vivy anvertraut. „Mit der Vivy-App verwalten Sie einfach und sicher medizinische Daten auf Ihrem Smartphone .“ Vivy wurde sofort scharf kritisiert, da IT-Sicherheitsforscher eine große Zahl an Sicherheitslücken fanden, die sogar von Laien genutzt werden konnten. Auch die Verschlüsselung konnte umgangen werden, und Trackingdaten wurden an ausländische Server abgegeben.

Im Februar 2019 starteten die AOK und der Netzausrüster Cisco ein Gesundheitsnetzwerk, das ihren Versicherten die digitale Speicherung all ihrer Gesundheitsdaten ermöglicht. Im November 2019 wird die zweitgrößte Krankenkasse Deutschlands das Projekt „Barmer eCare“ starten. Für diese elektronische Patientenakte arbeitet die Barmer Ersatzkasse mit IBM zusammen. Und 87 Betriebskrankenkassen mit verschiedensten IT-Lösungen machen den Wildwuchs komplett.

Wie dieses Chaos wieder entflochten werden kann, weiß niemand. Aber alles sei ja ganz einfach zu bedienen, sicher und vor unbefugtem Zugriff geschützt. Alle Daten seien in den besten Händen. Ziemlich viele Hände sind das, eng verflochten mit US-amerikanischen Großkonzernen.

Wollte man alle Datenkatastrophen allein des letzten Jahres aufzählen, so würde diese ganze Zeitung nicht dafür ausreichen. Nicht aus Eigennutz, sondern zum Schutz ihrer Patient*innen beteiligen sich daher mehr als ein Viertel aller Ärzt*innen nicht an der gesetzlich vorgeschriebenen Online-Vernetzung ihrer Praxen, obwohl sie dafür inzwischen mit spürbaren Honorarabzügen bestraft werden. Es ist ihnen unverständlich, warum hierzulande das Konzept der zentralen Server immer weiter verfolgt wird, die doch keinem Hackerangriff standhalten können. Estland könnte ein Vorbild sein, der erste komplett digitalisierte Staat Europas. Dort wird allerdings nichts und nirgends zentral gespeichert, sondern immer nur da, wo Daten entstehen. Niemand kann unbefugt Daten abfragen. Es ist jederzeit nachprüfbar und transparent, wer wann wo und warum Daten produziert oder abgefragt hat. Blockchain-Technologie nennt man das.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland hat 14 Jahre und einige Milliarden Euro gebraucht, um jetzt im unsichersten Bereich zu landen: im Bereich der Apps. Ich rufe Sie auf: Machen Sie da nicht mit! Löschen Sie alle Gesundheits-Apps, wenn Sie schon welche haben. Behalten Sie Ihre Daten für sich. Im Netz und auf Ihrem Smartphone gibt es keine Privatsphäre.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion