AFP_1WU756_310820
+
„Ich bin stolz auf mein Land, aber schäme mich für meine Regierung“, skandiert die Menge in der Hauptstadt Port Louis.

Mauritius

Ölkatastrophe vor Mauritius stürzt Insel in die politische Krise

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
    schließen

Zu lange hat die Regierung auf Mauritius bei der Ölkatastrophe weggesehen – nun fordern Zehntausende lautstark ihren Rücktritt.

  • Auf Mauritius kommt es zu Protesten gegen die Regierung
  • Politikerinnen und Politikern wird Untätigkeit im Umgang mit der Havarie vom 25. Juli vorgeworfen
  • Der finanzielle Schaden, den das Unglück anrichtete, wird sich noch lange nicht beziffern lassen

Das Schiffsunglück vor der Küste von Mauritius führt zur politischen Krise auf der Insel. Am Samstag versammelten sich rund 100 000 Menschen in den Straßen der Hauptstadt Port Louis, um den Rücktritt der Regierung unter Premierminister Pravind Jugnauth zu fordern.

Schiffsunglück vor Mauritius: „Wendepunkt in der Geschichte des Landes“

Die mehrheitlich in Schwarz gekleideten Demonstrierenden hielten Schilder mit der Aufschrift „Ich bin stolz auf mein Land, aber schäme mich für meine Regierung“ in die Höhe. Sie warfen den Politikerinnen und Politikern Untätigkeit und Inkompetenz im Umgang mit der Havarie vom 25. Juli vor.

Ein 65-jähriger Demonstrant sagte der britischen Tageszeitung „Independent“, er habe in seinem Leben noch nie so viele Menschen gesehen. Und die Tageszeitung „Le Mauricien“ des knapp 1,3 Million Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Inselstaats sprach von einem „Wendepunkt in der Geschichte des Landes“.

Entzündet hatte sich der neuerliche Zorn der Mauritierinnen und Mauritier an den mehr als 40 Delphinen und Walen, die im Lauf der vergangenen Wochen sterbend oder bereits tot an die Küste geschwemmt wurden.

Ölkatastrophe vor Mauritius: Entscheidungen der Regierung sind umstritten

Ein Labor auf Mauritius untersuchte zwei der verendeten Delphine, konnte aber offenbar keine Schwerölbestände in ihren Kadavern nachweisen. Zehn Tage nach dem Auflaufen des 300 Meter langen japanischen Frachters MV Wakashio auf ein Korallenriff waren rund 1000 Tonnen Schweröl und Diesel aus dem Wrack geströmt.

Die Demonstrierenden in Port Luis werfen ihrer Regierung zahlreiche Versäumnisse vor. So soll der Frachter, der bereits Tage vor der Havarie direkten Kurs auf die Insel gehalten hatte, nicht rechtzeitig gewarnt worden sein, dass er auf Land laufen könnte. Ein Vorwurf, den die Regierung bestreitet.

Vorgeworfen wird der Regierung außerdem, dass der Frachter zehn Tage lang auf dem Korallenriff festsaß, ohne dass versucht wurde, ihn aufs offene Meer zu schleppen oder zumindest seine Treibstofftanks leer zu pumpen. Die Regierung begründet das mit schwerem Seegang. Auch die Entscheidung, einen Großteil des Wracks nach ihrem Auseinanderbrechen zu versenken, ist umstritten.

Unglücksschiff Wakashio: Viele Fragen sind offen

Durch das Versenken des Schiffes, das zuvor in zwei Teile gebrochen war, sind vermutlich weitere Giftstoffe ins Meer geraten. Sie könnten für den Tod der Delphine und Wale verantwortlich sein. Bekannt wurde außerdem, dass am Tag des Unglücks ein Geburtstagsfest auf der Wakashio stattfand. Der indische Kapitän wurde inzwischen verhaftet.

Um ein Schiff absichtlich zu versenken, müssen internationalen Konventionen zufolge zahlreiche Bedingungen erfüllt sein. So muss etwa feststehen, welche Gefahrenstoffe sich noch auf dem Schiff befinden und ob ein weniger gefährliches Recyceln des Wracks tatsächlich ausgeschlossen ist.

Die Menschen werfen den Verantwortlichen viele Versäumnisse vor.

Keine der Fragen wurden im Fall der Wakashio öffentlich beantwortet, bevor ihr Vorderteil am vergangenen Montag unter Zustimmung der mauritischen Regierung aufs offene Meer geschleppt und an einem ubekannten Ort versenkt wurde. Die Versenkung war illegal, urteilt das US-Magazin „Forbes“.

Der finanzielle Schaden, den die Havarie der Wakashio anrichtete, wird sich noch lange nicht beziffern lassen. Mit dem Meerpark „Blaue Bucht“ und dem Feuchtgebiet Pointe d’Esny sind gleich zwei einzigartige Ökotope von der Katastrophe betroffen. Sie werden von der Ölpest für viele Jahre gezeichnet sein.

Japanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schlugen jetzt vor, die verschmutzen Mangrovensümpfe Baum für Baum mit der Hand zu reinigen, weil die Mangroven beim Einsatz von Chemikalien leiden könnten. Die Kosten für eine solche Reinigungsarbeiten muss nach der internationalen Bunkers Konvention die Reederei der Wakashio, Nagasaki Shippings, tragen.

Doch der Umfang ihrer Verpflichtung zum Schadensersatz ist begrenzt. Mit guten Anwälten, meinen Fachleute, könne der japanische Reeder mit einer Entschädigungszahlung von 18 Millionen US-Dollar davonkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare