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14. Juni 1945: Zwei US-amerikanische Soldaten verewigen sich an der Wand jenes Eckzimmers im zweiten Stock, in dem Adolf Hitler zur Welt gekommen sein soll.

Adolf Hitler

Haus der Geschichte

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Braunau am Inn ist für immer mit dem Namen Adolf Hitler verbunden, hier wurde er geboren. Die österreichische Stadt muss mit diesem Erbe leben. Die Frage ist nur, wie.

25 Sehenswürdigkeiten gibt es in Braunau am Inn. So steht es in einer Broschüre des örtlichen Tourismusvereins, der den Bürger zu einem „Kulturrundgang“ durch die österreichische Kleinstadt am Grenzfluss zu Deutschland einlädt. Der Rundgang führt vorbei an Kriegerdenkmal und Eisernem Ross, an dem Wassertor mit den alten Festungsmauern und dem Steffl, der Stadtkirche St. Stephan. Nummer 13 in der Liste „Sehenswertes altes Braunau“ ist ein etwas heruntergekommenes Bürgerhaus mit verwitterten Fensterrahmen, von dessen gelb angestrichener Fassade die Farbe blättert: Das Hitler-Haus, wie sie das dreistöckige Gebäude hier nennen.

Vor gut 120 Jahren hieß das Hitler-Haus noch „Gasthof zum Pommer“. In der oberen Etage waren Wohnungen eingerichtet. In einer davon wurde am 20. April 1889, einem bewölkten und kühlen Karsamstag, um halb sieben Uhr abends Adolf Hitler geboren. Wie es heißt, sei der Junge im Eckzimmer im zweiten Stock zur Welt gekommen. Nach Kriegsende nutzte die Stadt das Gebäude als Bücherei und Schule, bevor im Mai 1977 eine Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte einzog.

Seit knapp einem Monat steht das Hitler-Haus wieder leer – und Braunau vor der Frage, wie es mit dem ungeliebten Erbe künftig umgehen soll. Denn selbst wenn die Geschichte mit dem Eckzimmer nicht stimmen sollte, eines ist sicher: Nie war eine Geburt folgenreicher für das Schicksal einer Gemeinde – Betlehem und Mekka ausgenommen.

„Sag mal, Junge, wo ist denn hier das Geburtshaus vom Führer?“ Johannes Waidbacher lacht, als er den verschwörerischen Tonfall der alten deutschen Männer imitiert. Die kamen früher mit Bussen über den Inn und suchten nach dem Haus, trauten sich aber nur, die Kinder auf der Straße nach dem Weg zu fragen. „Wir haben uns einen Spaß draus gemacht und die quer durch die Stadt sonstwohin geschickt“, sagt Waidbacher. „Ich möchte nicht wissen, in wie viel deutschen Fotoalben das falsche Haus eingeklebt ist.“

Dann lacht er wieder, dieser jungenhafte Mann von 45 Jahren, der seit einem halben Jahr Bürgermeister von Braunau ist. Einer Stadt, mit 750 Jahren die älteste und mit mehr als 16?000 Einwohnern die größte Gemeinde im Innviertel, der Region in Oberösterreich, an der Grenze zu Deutschland. Kleine Gässchen und gotische Gebäude prägen das Stadtbild, hier steht der dritthöchste Kirchturm des Landes. Und ein wunderschönes Rathaus, zu dessen Einweihung am 30. Juni 1903 Kaiser Franz Josef I. kam und vom Balkon aus seinen Untertanen zuwinkte. Schräg gegenüber führt eine Gasse zu dem Kerker, in dem vor zweihundert Jahren der Nürnberger Buchhändler und bayerische Volksheld Johann Philipp Palm saß, bevor ihn Napoleon erschießen ließ, weil er eine Schmähschrift gegen den französischen Kaiser vertrieben hatte.

„So viel Geschichte“, sagt der Bürgermeister. „Und doch sind wir für alle nur Hitlers Geburtsstadt.“

Dabei hat Adolf Hitler keine drei Jahre in Braunau gelebt. Schon Anfang 1892 wurde sein Vater Alois Hitler, ein Beamter des k.u.k. Finanzdienstes, zum Zollamtsoberoffizial befördert und von Braunau nach Passau auf die deutsche Inn-Seite versetzt. Die Familie kehrte nie wieder nach Braunau zurück.

Hitler dürfte daher kaum konkrete Erinnerungen an die Stadt gehabt haben. Zwar bezeichnete er es in seinem Buch „Mein Kampf“ als „glückliche Bestimmung“, in Braunau geboren worden zu sein, an der Grenze der zwei deutschen Staaten, „deren Wiedervereinigung“ er als „Lebensaufgabe“ ansah. Bei seinem ersten Besuch nach der Annexion Österreichs nahm er sich jedoch kaum Zeit für die Stadt. Einer regionalen Zeitung zufolge traf er am 12. März 1938 um 15.50 Uhr in Braunau ein, fuhr im offenen Wagen über den Stadtplatz zu seinem Geburtshaus, hielt dort kurz an, ohne auszusteigen, und ließ dann den Wagen weiter nach Linz fahren. Es blieb das einzige Mal, dass die Braunauer den Mann noch einmal zu Gesicht bekamen, der ihrer Stadt bis heute ein Stigma aufgedrückt hat.

Knapp 200 Kilometer westlich von diesem Ort, in einem Wiener Café, erzählt Peter Draxler davon, was es heißt, ein Braunauer zu sein. Der 30-Jährige ist aufgewachsen in der Stadt am Inn, heute lebt er als Journalist in Wien. „Wenn ich früher mit Jugendlichen von anderswo zusammenkam, hatte ich zwei Antwortmöglichkeiten auf die Frage nach meinem Wohnort: Sagte ich Braunau, hieß es, ach, die Hitler-Stadt – seid ihr da nicht alle rechts? Oder ich sagte, ich bin aus einem kleinen Dorf bei Salzburg. Dann hatte ich meine Ruhe.“

Peter Draxlers Erfahrungen teilen viele Menschen in der Stadt. In einer Umfrage hatten kürzlich 40 Prozent der Braunauer angegeben, oft bis sehr oft auf Hitler angesprochen zu werden. Weitere 43 Prozent sagten, sie werden hin und wieder mit diesem Thema konfrontiert, wenn sie über ihren Wohnort reden. Immerhin jeder dritte Einwohner glaubt, dass es Vorurteile in der Öffentlichkeit gegenüber den Bürgern aus Braunau gibt.

Eines dieser Vorurteile ist, dass Braunau eine braune Stadt sei. Tatsächlich aber war das auch früher nicht der Fall. So lange noch freie Wahlen möglich waren in Österreich, erreichte die NSDAP in der Stadt nie mehr als sieben Prozent. Und selbst bei der Volksabstimmung über den Anschluss an Deutschland im April 1938 gab es noch mehrere Gegenstimmen, österreichweit seinerzeit einmalig. Nach dem Krieg wandelte sich die Stadt sogar zu einer Hochburg der Sozialdemokraten. Eine Art rote Insel im eher schwarz geprägten Innviertel. Seit 1955 stellt die SPÖ die Mehrheit im Gemeinderat, die Grünen sind hier derzeit drittstärkste Kraft.

Nachlesen lässt sich das in Peter Draxlers Diplomarbeit der Insbrucker Universität im Fach Politikwissenschaften. Sie heißt „Glückliche Bestimmung“ und analysiert die Vergangenheitsbewältigung in Adolf Hitlers Geburtsstadt. Mehr als 200 Braunauer Bürger hat Draxler dafür mittels Fragebögen interviewt, mit anderen Einwohner führte er lange Gespräche. Das Ergebnis seiner Untersuchung fasst Draxler so zusammen: „Hat die Stadt früher verschämt geschwiegen, geht sie jetzt offener um mit ihrem Erbe.“ Dass Hitlers Geburtshaus vor nicht allzulanger Zeit in die Tourismus-Broschüre aufgenommen wurde, sei ein Beispiel dafür.

Florian Kotanko, der 60 Jahre alt ist und am Braunauer Gymnasium Draxlers Direktor war, hat diese Entwicklung selbst miterlebt. „Die entscheidende Zäsur für diese Stadt war der Gedenkstein, den der damals neu ins Amt gekommene Bürgermeister Gerhard Skiba 1989 vor dem Hitler-Haus aufstellen ließ“, sagt Kotanko. „Das hat die Stadt nach Jahrzehnten der Sprachlosigkeit zum Reden gebracht.“

Der etwa ein Meter lange, hüfthohe Stein, der seit 22 Jahren auf dem Gehweg vor dem Hitler-Haus steht, ist ein Granitblock aus dem Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen. „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen“ steht darauf. „Eine harmlose Inschrift, sollte man meinen, doch von den Stadtratsfraktionen der konservativen Parteien ÖVP und FPÖ hagelte es damals Proteste“, erzählt der Schuldirektor. Auch viele Bürger der Stadt seien empört gewesen. „Skiba hatte ein Tabu gebrochen. Vier Jahrzehnte lang hatte hier wie überall im Land kaum jemand über die Nazi-Zeit geredet, schließlich sah sich Österreich noch immer als das erste Opfer Nazideutschlands.“ An den Touristengruppen, die sich tagtäglich vor dem Hitler-Haus drängten und gegenseitig fotografierten, seien die Braunauer mit abgewandtem Gesicht vorbei gegangen. Einzig ein paar Andenkenhändler hätten Gewinn aus dem unseligen Erbe geschlagen, indem sie Aschenbecher und Porzellanteller mit der Aufschrift „Hitlers Geburtsstadt Braunau“ verkauften.

Nun plötzlich aber, seit der Stein dort stand, sei gestritten und diskutiert worden, erinnert sich Kotanko. Auch das eher konservative Regionalblatt habe sich in die Debatte eingemischt. Nicht Braunau solle sich schämen, sei da in einem Leitartikel des Chefredakteurs zu lesen gewesen, sondern „die Helden des Tausendjährigen Reiches“, die nun wieder die Meinung in den Gemeindestuben diktieren wollten. Das war als ein Frontalangriff auf die unzähligen ehemaligen NS-Kollaborateure im Land zu verstehen, die jede Aufarbeitung zu verhindern suchten.

Tagung zum "unerwünschten Erbe"

Auch Schuldirektor Kotanko wurde aktiv. 1992 organisierte er gemeinsam mit anderen ein international besetztes Symposium in Braunau.* „Unerwünschtes Erbe“ lautete der Titel. Es ging um die Frage, wie stigmatisierte Städte mit ihrer Geschichte umgehen, so unterschiedlich diese auch verlaufen sein mag. Referenten aus Vichy und Nürnberg waren gekommen, aus Auschwitz und Dachau und aus Bautzen.

Die Tagungen zu wechselnden Themen der Zeitgeschichte finden seit damals jährlich statt. „Zeitgeschichte-Tage“ nennt sich die Reihe, die von Kotanko und seinem Verein organisiert wird, der die Geschichte Braunaus in der NS-Zeit und danach erforscht. Anfangs, so erinnert er sich, hatte es in der Stadt Widerstand gegen die mit öffentlichen Geldern finanzierte Veranstaltungsreihe gegeben, weil sie den Namen Braunaus in den Medien immer wieder in Verbindung mit Hitler und der NS-Zeit bringt. Inzwischen aber habe sich das gelegt, sogar die rechtspopulistische FPÖ stimme jetzt im Gemeinderat den Subventionen für die Tagung zu.

Nicht jeder in der Stadt sieht die Situation so optimistisch. Klaus Prexl ist Chef des Braunauer Tourismus-Vereins. „Wer geht denn hin zu diesen Zeitgeschichte-Tagen?“, fragt er. „Braunauer Bürger sind das kaum.“ Zwar stelle sich niemand mehr quer, wenn es um Vergangenheitsaufarbeitung gehe, aber die meisten Einwohner würden es vorziehen, passiv zuzuschauen als sich einzubringen. „Die wollen gar nichts hören von Hitler und den Nazis, die wollen eher, dass Schluss ist mit den alten Geschichten.“

Er selbst habe das erfahren müssen, als er vor elf Jahren sein Amt antrat. „Ich wurde damals von einem Journalisten nach meinen Zielen als Tourismuschef der Stadt gefragt“, erzählt er. „Ich sagte, ich möchte einen Golfplatz für Braunau und ein Hitler-Museum. Als das Interview erschien, gab es einen Aufschrei. Sogar der Bürgermeister Skiba rief mich damals an, ob ich denn verrückt sei.“

Braunau hat vielleicht gelernt, mit Hitler zu leben. Aber in den Verdacht zu kommen, ihn zu verehren – dagegen wehren sie sich hier. Im Juli erst hat der Gemeinderat Hitler die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Obwohl er eigentlich nie Ehrenbürger von Braunau war, sondern nur von einer kleinen Nachbarstadt, die in den Dreißigerjahren eingemeindet wurde. Über den Vorgang gab es auch gar keine Akten mehr. Der Gemeinderat stimmte trotzdem für den Antrag. Eine „vorsorgliche Maßnahme“, sei das gewesen, erklärten die Mitglieder später.

Doch seit das Hitler-Haus leer steht, stellt sich die Frage nach dem Museum tatsächlich neu. Fertige Konzepte gibt es bereits für die künftige Nutzung. Eines sieht ein „Haus der Verantwortung“ vor, in dem ein Dokumentationszentrum untergebracht werden soll und eine Bildungs- und Begegnungsstätte.

Bürgermeister Waidbacher verdreht die Augen, wenn er den Begriff „Haus der Verantwortung“ hört. Er kenne dieses Konzept. „Aber wofür sollen wir denn die Verantwortung übernehmen?“, fragt er hitzig. „Dafür, dass Hitler in diesem Haus geboren wurde? Wenn das erstmal dransteht an der Fassade, heißt das doch, dass Braunau auch die Verantwortung für Weltkrieg und Holocaust übernimmt. Das geht doch nicht.“ Hitler habe als Kleinkind in dieser Stadt gelebt, seine prägende Zeit jedoch verbrachte er woanders, in Linz, Wels, München. „Braunau muss sich für nix schämen“, sagt der Bürgermeister, „wir sind kein Täterort, hier gab es keine Lager, keine Gräueltaten wie etwa in Mauthausen.“

Johannes Waidbacher hat sich in Rage geredet. Man merkt, dass er sich nicht zum ersten Mal dieser Diskussion stellen muss. „Ich sehe unsere Verantwortung darin, Geschichte zu bewahren“, sagt er schließlich etwas milder. Er wünsche sich ein Dokumentationszentrum im Hitler-Haus, das ganz konkret zeigt und erzählt, wie die Menschen in Braunau und Umgebung Weltkrieg und Nazizeit erleben und erleiden mussten. „So können wir auch die junge Generation erreichen und die Menschen hier, die sich noch immer schwer tun mit dem Haus und der Vergangenheit.“

Doch zuerst muss er sich mit dem Eigentümer des Gebäudes einigen, denn das Haus ist in Privatbesitz: Nach dem Krieg bekam die Gastwirtsfamilie Pommer das Haus zurück, das ihnen Hitlerdeutschland abgepresst hatte. Die Besitzer schlossen einen unbefristeten Mietvertrag mit dem österreichischen Bundesinnenministerium ab, das seinerseits das Haus an die Stadt untervermietete. Wenn nun aber ein Museum im Hitler-Haus eingerichtet werden soll, was unweigerlich mit Baumaßnahmen einhergehen würde, müsste der Mietvertrag erneuert oder das Haus gekauft werden. Die Verhandlungen darüber gestalten sich schwierig.

Bürgermeister Waidbacher ist dennoch optimistisch. Schließlich hat Braunau an dem Gebäude ein besonderes Interesse. „Wir wollen dieses Haus nicht verlieren“, sagt Johannes Waidbacher. „Es gehört zu unserer Stadt.“

* Aktualisierung: Florian Kontanko weist darauf hin, dass die Tagung 1992 eine Initiative von Erich Marschall und Andreas Maislinger gewesen ist. Erst ab 1993 ist der Verein für Zeitgeschichte Veranstalter dieser Tagungsreihe.

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