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Deutsche lieben Funktionskleidung - auch in der Fußgängerzone.

Mode

Hauptsache hässlich

Warum Deutsche ihre Winteroutfits gerne im Outdoorshop kaufen, weiß niemand so genau. Aber: Praktisch ist leider nicht schön. Von Anna Peuckert

Von Anna Peuckert

Langsam wird es wirklich Winter. Das merkt man nicht an den Lebkuchen- und Dominosteinhaufen im Supermarkt, die liegen da ja schon seit Anfang September herum. Auch die Außentemperaturen reichen nicht als Anhaltspunkt: Ab und zu gibt es schließlich auch mal milde Wintertage mit 15 Grad. Und zum Glück dudeln auch noch keine Kinderchöre aus jedem Kaufhauslautsprecher. Der einzige Weg, um sicher zu gehen, dass es wintert in Deutschland, ist ein Blick auf die Klamotten der Republik.

Denn Deutsche lieben Funktionskleidung: Outdoorjacken! Trekkingrucksäcke! Wanderstiefel! Keine Fußgängerzone im Land ist komplett ohne Menschen in neonfarbenen Jacken mit dreißig Taschen, die auch in der kanadischen Wildnis warm halten würden. Vermutlich können die wilden Farben sogar Bären verjagen. Und Lagerfeuer machen.

Der gemeine Funktionskleidungsträger tritt gerne im Rudel auf. Mindestens aber zu zweit. Es scheint ein Pärchending zu sein, in farblich abgestimmten Outdoorjacken die ersten Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Er in Gelb, sie in Rot. Oder umgekehrt. Ja, es ist praktisch eine Innentasche zu haben, in die das Handy passt. Und ein Fach, in dem das Portemonnaie hinter dicken Reißverschlüssen sicher vor Taschendieben ist, hat auch was. Aber kein Mensch braucht Stauraum für Karabinerhaken, Öllampe oder eine Drei-Tages-Notration an Dörrfleisch in der Fußgängerzone.

Das Gleiche gilt für klobige Schnürschuhe vom Abenteuerurlaubsausstatter. Natürlich mögen die Füße es warm, wenn es draußen kalt wird. Und Absätze auf Kopfsteinpflaster sind eine Herausforderung. Das entschuldigt aber wirklich keine Wanderboots in der Drogerie. Die dicken Profile sind super, um beim Almabstieg festen Stand zu haben. Zwischen Klopapier und Lippenstiften wirken sie einfach nur albern.

Gefühl von Sicherheit?

Und Trekkingrucksäcke machen auf Reisen Sinn. Aber sicher nicht in der Unterwäscheabteilung. Warum Deutsche ihre Winteroutfits gerne im Outdoorshop kaufen, weiß niemand so genau. Vielleicht geben die grellen, bärenabschreckenden Jacken ein Gefühl von Sicherheit, wenn es früh dunkel wird. Vielleicht beruhigt es die Menschen, zu wissen, dass sie in der Drogerie auch in Spülmittel-Pfützen oder zersplitterten Faltencreme-Tiegeln auf dem Boden sicheren Stand hätten.

Oder aber, und das ist wahrscheinlicher: Es ist einfach praktisch. Deutsche haben es gerne praktisch. Aber: Praktisch ist leider nicht schön. Ein Eierkocher ist praktisch. Ein Schlüsselbrett auch. Kleidung sollte im besten Falle zwar funktionell, aber auch nett anzusehen sein. Wollmäntel und Lederstiefel halten schließlich auch warm.

Die einzige erlaubte Funktionsbekleidung des Winters sind dieses Jahr übrigens fingerlose Handschuhe. Die schützen zumindest die Handflächen vor der Kälte und lassen die Finger frei, um das Handy und den mp3-Player mit Touch-Display zu bedienen. Dabei sehen sie auch noch sehr lässig aus. Vor wilden Bären schützen sie allerdings nicht.

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