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Mit einer Armada aus Anwälten und Sicherheitsleuten ins Gericht – Weinstein läuft mit einer Gehhilfe voran. 

Harvey Weinstein

Weinstein-Prozess: Ein Urteil als Teilerfolg

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Der Weinstein-Prozess war ein Prüfstein für die #MeeToo-Bewegung. Ein uneingeschränkter Triumph ist die Verurteilung des einstigen Filmmoguls aber nicht.

Harvey Weinstein wirkte verwirrt und verstört, als er am frühen Montagnachmittag in Handschellen aus dem Gerichtssaal im südlichen Manhattan geführt wurde, um in seiner Gefängniszelle die Strafmaßverkündigung abzuwarten. Der Verlauf seines knapp sechs Wochen währenden Verfahrens hatte ihm offenbar Anlass zu der Hoffnung gegeben, von den fünf Anklagepunkten gegen ihn frei gesprochen zu werden.

Genährt wurden diese Hoffnungen sicher auch durch die Tatsache, dass es die Geschworenen sechs Tage gekostet hatte, zu einem Urteil zu kommen. Immer wieder forderten sie vom Richter Akten und Beweisstücke an, um Klarheit zu erlangen. Am Ende wurde Weinstein dann der Vergewaltigung und des kriminellen sexuellen Angriffs schuldig gesprochen. Nun erwarten ihn zwischen fünf und 25 Jahren Haft.

Harvey Weinstein: Ein Teilerfolg für die Anklage 

Das Urteil war jedoch nur ein Teilerfolg für die Anklage und für die #MeToo-Bewegung, für welche der Weinstein-Prozess ein Prüfstein war. Denn der schwerste Anklagepunkt, nämlich „räuberisches sexuelles Verhalten“ wurde fallengelassen. Für das amerikanische Gesetz ist Weinstein ein Einzeltäter in zwei speziellen Fällen. Für sein Muster systematischen jahrzehntelangen Missbrauchs wurde Weinstein nicht belangt.

Die beiden Fälle, die zur Verhandlung standen, waren die von Miriam Haley und Jessica Mann: Beide beschuldigten Weinstein, sie sexuell angegriffen zu haben. Haley behauptete, Weinstein habe sie im Jahr 2006 zu Oralsex gezwungen. Jessica Mann beschuldigte ihn, sie 2013 in einem Hotel vergewaltigt zu haben.

Urteil gegen Harvey Weinstein: Diskreditierung der Anklägerinnen 

Die Verteidigung Harvey Weinsteins hatte versucht, die beiden Anklägerinnen zu diskreditieren, in dem sie bewies, dass sie zu Weinstein auch nach den beiden Attacken weiterhin sowohl privaten als auch beruflichen Kontakt unterhielten. Die Anklage legte jedoch, unter anderem mithilfe einer Psychologin, dar, dass solches Verhalten bei Fällen sexuellen Missbrauchs typisch ist. Die Geschworenen folgten schließlich der Argumentation der Anklage, dass es sich in beiden Fällen tatsächlich um sexuelle Angriffe beziehungsweise Vergewaltigungen gehandelt habe.

Es war jedoch weitaus schwieriger, den Straftatbestand des „räuberischen sexuellen Verhaltens“ zu etablieren. Die Geschworenen waren dazu angehalten, sich streng an die vor Gericht vorgetragenen Fälle zu halten. Die Medienberichte mit den Aussagen von mehr als 90 Frauen, die von Weinstein belästigt oder missbraucht worden waren, waren strengstens zu ignorieren.

Harvey Weinstein verurteilt: Der Prüfstein für die #MeeToo-Bewegung

So mussten sich die Geschworenen auf die Aussagen von Annabella Sciorra verlassen, die behauptete, Weinstein habe sie Anfang der 90er Jahre in ihrem Apartment vergewaltigt. Zeugen der Verteidigung ließen jedoch Zweifel an Sciorras Aussage aufkommen. Sie konnte sich an wenige Details des konkreten Vorfalls erinnern und der Türsteher des Gebäudes hatte Weinstein nicht kommen oder gehen gesehen.

Auch die Aussagen von drei weiteren Frauen, dass Weinstein sie sexuell angegriffen hatte, reichten nicht aus, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass hier ein kriminelles Muster vorliegt. Die Frauen hatten sich alle berufliche Vorteile erhofft und Zeuginnen der Verteidigung bestätigten, dass sich die vermeintlichen Opfer nach der Tat nie über einen Missbrauch beschwert hatten.

Harvey Weinstein: „Ein bösartiger sexueller Räuber“

Obwohl das Urteil nur ein Teilerfolg war, verkaufte es die New Yorker Staatsanwaltschaft als Triumph. Staatsanwalt Cyrus Vance sagte vor dem New Yorker Gerichtsgebäude, dass „ein bösartiger sexueller Räuber“ zur Strecke gebracht worden sei. Vance war im Vorfeld des Prozesses in die Kritik geraten, weil er im Jahr 2015 nach den Beschuldigungen durch ein italienisches Model kein Verfahren gegen Weinstein eröffnet hatte.

Mit dem Urteil gegen Weinstein sah Vance nun diese Scharte in seinem Lebenslauf ausgewetzt. Dennoch ging sein Prahlen zu weit. Denn als „sexuellen Räuber“ hatte die Jury Weinstein gerade nicht abgeurteilt.

Dennoch wurde das Urteil von vielen Beobachterinnen als Triumph für die #MeToo-Bewegung gewertet. So schrieb Irin Carmon im New York Magazine: „Es gab bislang keine juristische Präzedenz dafür, den komplizierten Geschichten von Frauen glauben zu schenken. Jetzt gibt es eine solche Präzedenz.“ Für den Prozess gegen Weinstein in Los Angeles, wird dies eine große Rolle spielen. Genau wie für alle weiteren Klagen die vor amerikanischen Gerichten gegen Männer wie Weinstein vorgebracht werden.

Der Schuldspruch für Harvey Weinstein ist ein großartiges Zeichen. Aber solange Männer nicht einsehen, dass es bei sexuellen Übergriffen keine Grauzonen gibt, gibt es in der Debatte noch viel zu tun. Ein Kommentar.

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