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Geburtstagskind: Fritz Wepper

70. Geburtstag von Fritz Wepper

Harry und viel mehr

Er zählt zu den meistunterschätzten Schauspielern. Stattliche 281 Folgen lang hatte er den Harry Klein an der Seite von Hauptdarsteller Horst Tappert gegeben. Nun wird Fritz Wepper 70 Jahre alt.

Von Klaudia Wick

Die Großaufnahme ist denkbar kurz, aber das von Dreck und Verzweiflung schmerzverzerrte Gesicht des Jungen bleibt einem lange im Gedächtnis. Unschwer ist in dem greinenden Wehrmachtssoldaten Albert schon der erwachsene Fritz Wepper zu erkennen, den Bernhard Wicki 1959 17-jährig für seinen Kinofilm „Die Brücke“ verpflichtet hatte. Der Antikriegsfilm, in dem sieben junge Schüler sinnlos ihr Leben riskieren, um in den letzten Kriegstagen noch eine Brücke zu verteidigen, hat den Münchner Nachwuchsschauspieler über Nacht berühmt gemacht. Denn er spielt Albert, den letzten Überlebenden, der am Ende des Films wieder vom fanatischen Kämpfer zum verzweifelten Kind wird.

Bis heute erinnert sich Fritz Wepper, wie schwer ihm diese Szene gefallen ist. Als der Junge seinem Regisseur Wicki gestand, dass er sich nicht vorstellen könne vor der gesamten Filmcrew in Tränen auszubrechen, ließ Wicki das Set räumen. Dann nahm er eine Schaufel voll Kies und schleuderte sie Wepper ins Gesicht. Die Tränen rollten, die Szene funktionierte. Und der junge Fritz Wepper beschloss, sich nie mehr vor der Kamera so sehr zu entblößen.

Vielleicht ist es dieser Schwur, der Weppers Spielweise von der seines jüngeren Bruders Elmar bis heute unterscheidet. Unvorstellbar, dass sich Fritz Wepper, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, mit weißer Schminke im Gesicht und in einem weibischen Kimono bekleidet vor laufender Kamera einem anrührenden Trauertanz hingeben würde, wie es Elmar Wepper in Doris Dörries „Kirschblüten“ in so zärtlicher Ernsthaftigkeit tat. Da lässt sich Fritz schon lieber aus freien Stücken zum Hanswurst machen.

Wenn der tragische Rudi Elmars Alterswerk ist, dann ist es für Fritz Wepper das bauernschlaue Stehaufmännchen Bürgermeister Wöllner, den der Münchner nun schon seit mehr als zehn Jahren in der populären ARD-Serie „Um Himmels Willen“ verkörpert. Der Regisseur Uli Stark hat ihn 40 Jahre nach Bernhard Wicki für diese Rolle gewissermaßen ein zweites Mal entdeckt. Diesmal staunten die Deutschen nicht schlecht, über wie viel komisches Talent und Wortwitz dieser Schauspieler verfügt, den man all die Jahre nur als Wagen holenden Schatten von Oberinspektor Derrick gekannt hatte.

Gelegentlich zu impulsiv

Stattliche 281 Folgen lang hatte Fritz Wepper den Harry Klein an der Seite von Hauptdarsteller Horst Tappert gegeben. Und mehr noch! Als die Serie im Sommer 1973 Premiere hatte, war Harry Klein für westdeutsche Fernsehkrimifans bereits eine feste Unterhaltungsgröße. In der Truppe des TV-Ermittlers „Der Kommissar“ hatte Wepper bereits mehr als 70 Folgen lang den modernen und gelegentlich etwas zu impulsiven Harry gegeben.

Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass Weppers internationale Filmkarriere an diesem Engagement gescheitert sei. Denn nach seiner Kinorolle in der Musicalverfilmung „Cabaret“ fragten internationale Vermarkter bei Wepper nach seiner Verfügbarkeit nach. Der antwortete wahrheitsgemäß, dass in München noch der Vertrag für die aktuelle „Kommissar“-Staffel zu erfüllen sei. „Forget it!“, sollen die Studiobosse da kopfschüttelnd gesagt haben.

So vergaß ihn Hollywood und umgekehrt. Der Spatz in Weppers Hand erwies sich freilich als langlebig und lukrativ. Während andere deutsche Filmschauspieler wie Senta Berger in diesen Jahren nach Los Angeles gingen und bald wieder nach München zurückkehrten, wurde Fritz Wepper mit seinen Fernsehrollen zu einer lokalen Größe der Filmschickeria.

Mehr Schlagzeilen als mit seinen Filmrollen machte der Schauspieler in diesen Jahren zuweilen mit seinen privaten Eskapaden. Verheiratet seit 1979 mit Angela von Morgen, bewegte sich Wepper bald in den erlauchten Kreisen des deutschen Adels. Denn Angela war in erster Ehe mit Prinz Ferfried von Hohenzollern verheiratet und kannte den einen oder anderen Jetset-Grafen gut. Als Wepper, der von der Boulevardpresse immer wieder mit Seitensprüngen in Verbindung gebracht wurde, eines Tages wegen Kokainbesitzes zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, schien der gute Ruf des Schauspielers ruiniert.

Aber es gab neben dem „Derrick-Harry“ und dem Schickeria-Münchner immer auch einen dritten, ganz bodenständigen Fritz Wepper, der auf der Bühne seinem Publikum die Treue hielt – und umgekehrt. In den Theaterengagements, die Wepper parallel zu seinem „Harry Klein“ annahm, lebte der Schauspieler sein komisches Talent aus. Eine Erfahrungswelt, die ihm bei der Formung seines Bürgermeister Wöllner sicher eine große Hilfe war.

Überhaupt ist die Herausforderung nicht zu unterschätzen, die darin besteht, eine fiktive Figur jahrelang lebendig zu halten. In Deutschland gibt es gerade mal eine Handvoll Schauspieler, die dieses Talent besitzen. Jan Fedder aus „Großstadtrevier“, Thomas Rühmann aus „In aller Freundschaft“ oder Marie-Luise Marjan aus der „Lindenstraße“ gehören dazu. Und eben Fritz Wepper, der sich am Ende seiner Karriere noch einmal neu erfand, und das Stehaufmännchen Wöllner sicher noch einige Jahre lang spielen wird.

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