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Türchen Nummer 24.

FR-Adventskalender

„Harry Potter, Sir!“

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Hinter dem letzten Türchen wartet eine besondere Hör-Empfehlung. Ein quengelnder Hauself, ein eiskalter Voldemort und ein österreichischer Akzent in Hogwarts: Rufus Beck liest Harry Potter.

Sie ist brutal, gemein und hinterhältig. Nichts bereitet ihr mehr Vergnügen, als ihre Autorität mit psychischer und physischer Gewalt durchzusetzen – sie will, sie muss ihre Schülerinnen und Schüler bestrafen. Vor allem auf Harry Potter hat sie es abgesehen. Sein Widerstand, sein unangepasstes Verhalten, reizt sie zu perfiden sadistischen Ausfällen.

Dolores Umbridge ist Lehrerin in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei. Ab dem fünften „Harry Potter“-Band treibt sie ihr Unwesen in den Romanen. Und was macht Rufus Beck, der deutsche Hörbuchinterpret der Serie, mit dieser Figur? Er lässt sie mit süßlich österreichischem Akzent sprechen. Wie in Georg Kreislers „Geh’n mer Tauben vergiften im Park“, betont der Schmäh die Abgründe der Figur und macht sie erst recht so richtig böse

Harry Potter ist für alle da. Egal wie alt man ist. Damit habe ich mich vor gut 20 Jahren immer beruhigt, während ich dem nächsten Fortsetzungsband entgegenzappelte. Deshalb hat es mich intellektuell ungemein entlastet, als ein österreichischer Philosoph ein Loblieb auf Harry Potter sang, seine fantasiestimulierende Wirkung betonte und ihm metaphysische Weihen gab.

Das Potter-Ritual lief immer gleich ab. Sobald sie erschienen war, lag die englische Fassung morgens auf meinem Kissen. Dann wieder einige Wochen Wartezeit, bis das deutsche Hörbuch eingesprochen war, ich mich darauf stürzen konnte und Stunden damit verbrachte. Anschließend, eine ganze Zeit später, kamen die vertrauten Figuren ins Kino.

Auf keines dieser Vergnügen hätte ich verzichten wollen, wenn überhaupt, dann auf den Film. Denn die Hör-Interpretationen von Beck gaben den Geschichten sehr viel stärker ein eigenes Leben als es das visuelle Medium je vermochte. Kein Wunder, dass Becks Lesungen, selbst 20 Jahre nach dem ersten Auftritt, immer voll waren und sich die Hörbücher sensationell verkauften.

Als Rufus Beck den ersten Band einsprach, übte er noch, davon bin ich überzeugt. Doch mit jedem weiteren erhöhte er die individuelle Färbung der Figuren, ließ seine Stimme säuseln und knarzen, sprang über Oktaven, spielte mit Dialekten, war erstickend leise oder ließ Voldemort, das Böse unter der Sonne, mit eiskalt gruftiger Stimme auftreten.

Dobby, der Hauself, hat mich in den Wahnsinn getrieben. Das quengelnd kreischende „Harry Potter, Sir!“, mit dem er verzweifelt versuchte, seine Loyalität und Dankbarkeit zu beweisen, tat weh in meinen Ohren. Ein unvergesslich schöner Schmerz.

J.K. Rowling: Harry Potter. (Sammelbox aller Bände, gelesen von Rufus Beck). Der Hörverlag, München 2018, 137 Stunden, 99 Euro

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