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Kommt es zu einem zweiten Mord, wird keiner mehr sagen, dass der erste ein Ausrutscher war.

Forensischer Psychiater

„Der brave Bürger wird geschnappt“

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Der Forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber über Mehrfachmörder und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft.

Herr Kröber, was glauben Sie, hätte ich das Zeug zum Mörder?

Bei guter Gelegenheit und mit guten Gründen vielleicht. Aber sehr unwahrscheinlich, solange es für Sie noch von Interesse ist, wie andere Sie sehen. Der entscheidende Hinderungsgrund, einen Menschen umzubringen, ist nämlich das Selbstkonzept – wie will ich sein? Bin ich bereit, etwas zu tun, von dem ich weiß, dass es böse ist und von anderen aufs Höchste missbilligt werden wird? Etwas, das ich selbst absolut verwerflich fände, wenn es mir oder einem Angehörigen geschähe? Die allermeisten sagen: „Nein, nie würde ich so etwas tun.“ An den Punkt zu kommen, dass einem das egal ist, ist für einen ganz normalen Mörder in Friedenszeiten ein hartes Stück Arbeit. Selbst im Krieg, wenn das Töten als heroische Tat schöngeredet wird, haben viele Soldaten damit ein bleibendes Problem.

Aber wer einmal einen Mord begangen hat, tut sich mit einem zweiten leichter?

Bei denen, die mit dem ersten Mord durchgekommen sind, ist das Risiko sicher größer. Dennoch wirkt die Vorstellung, beim zweiten Mal erwischt und dann auch noch für den ersten Mord bestraft zu werden, auf viele abschreckend.

Eine Risiko-Kalkulation für oder gegen das Morden?

Das wird in der Öffentlichkeit oft unterschätzt. So blöd sind auch die meisten Mörder nicht, dass sie nicht überlegen: Wo und wie begehe ich die Tat? Wie sorge ich dafür, möglichst keine Spuren zu hinterlassen? Und dann eben auch: Wie sehr steigt das Risiko, wenn ich es ein zweites Mal tue? Sehr häufig ist das aber auch gar nicht nötig. Da gab es im Leben eine bestimmte, ausweglose Situation. Ist die durch den Mord gelöst, ist die Welt des Mörders wieder in Ordnung. Übrig bleibt nur eines: Wer schon einmal getötet hat, weiß, dass er das kann. Dieses Erfahrungswissen haben die meisten Menschen nicht.

Was unterscheidet Mehrfachtöter, wie Sie sie nennen, von Serienkillern?

Serienmörder begehen immer wieder das gleiche Verbrechen – nach einem sehr ähnlichen Muster und oft sehr gezielt gegen eine bestimmte Opfergruppe. Prostituierte zum Beispiel. Es geht ihnen darum, destruktive Bedürfnisse auszutoben. Die können mit sexueller Erregung bei Gewaltanwendung gegen Frauen einhergehen. Es kann aber auch ganz schlicht der Spaß am Töten sein, verbunden mit der Vorstellung, dass Frauen es ohnehin verdient hätten. Diese Täter machen so lange weiter, bis sie geschnappt werden. Mein neues Buch „Mord im Rückfall“ hingegen betrachtet Männer, die nach dem ersten Mord verhaftet, verurteilt, bestraft wurden, sich von der Strafe aber nicht dauerhaft beeindrucken ließen. Ein zweites Mal zu töten trotz Bestrafung, ist ungewöhnlich und selten. Nach der zweiten Tat wird wohl keiner mehr sagen, dass die erste ein Ausrutscher war. Vielmehr ist für diese Täter das Töten von Menschen in bestimmten Problemlagen eine Handlungsoption.

Was ist bei ihnen noch anders als bei Serienmördern?

Anders als Serienmörder, haben sie oft kein festgelegtes Tatmuster. Das Opfer kann mal männlich, mal weiblich sein. Mal ist es eine Beziehungstat, dann ein Machtkampf unter Rivalen oder klassische Randale. Es handelt sich also um eine weitaus vielscheckigere Truppe. Allesamt tragen sie Gewalt in ihrem Werkzeugkoffer mit sich herum. Als Instrument müssen sie es gar nicht sofort wieder herausholen, sobald sie aus dem Gefängnis kommen. Viele töten trotz guter Vorsätze erst sehr viel später erneut, wenn sie in Bedrängnis kommen. Dann greifen sie zu einer Lösung, die sie beherrschen – auch wenn sie dafür schon einmal sehr viel bezahlt haben, mit jahrelangem Entzug der Freiheit. In meinem Buch schildere ich, wie überraschend vielfältig ihre Geschichten sind.

Die Rückfallquote von bestraften Mördern beträgt ein bis drei Prozent. Ist das hoch oder niedrig?

Sehr niedrig. Mord ist zudem ein Verbrechen, das am häufigsten von Verbrechern begangen wird, in einer Welt, in der man Besitz- und Machtansprüche mit Gewalt durchsetzt, weil man die Polizei nicht zur Hilfe holen kann und in der die Konkurrenz auch nicht eben zimperlich ist. Der Mord in der beschaulichen Vorstadt-Villensiedlung – ein beliebtes Setting in TV-Krimiserien von „Derrick“ bis zum „Tatort“ – ist eher die Ausnahme. Dafür sind wir zu sehr mit der Überzeugung aufgewachsen: Wenn du einen Mord begehst, kommst du nicht davon. Dass man eben doch davonkommt, lernt man eigentlich erst in einem kriminellen Milieu. Der brave Bürger, der jemanden umbringt, wird geschnappt. Der Gangster, der sich auskennt und sein Netzwerk hat, hält Mord eher für eine praktikable Lösung – und landet am Ende doch hinter Gittern. Zumindest in Deutschland und vergleichbaren Ländern mit einer extrem hohen Aufklärungsquote.

Dann ist Mord im Wesentlichen doch milieubedingt?

Sehr bedeutsam ist das reale Erleben von Gewalt als Bestandteil des Alltags und als normale Methode, Probleme zu lösen, beginnend in der Kindheit. Rollenmodell ist der Vater, der seine Frau schlägt und die Kinder verprügelt, wenn er sauer ist. Keine soziale Gruppe hatte eine so schlechte Kindheit wie Gewaltstraftäter. Ich kenne jedenfalls keine. Insgesamt gilt: Wir alle haben in jeder Situation unterschiedliche Handlungsoptionen. Töten gehört für die meisten von uns nicht dazu, auch Gewalt gegen andere nicht. Wir können in Deutschland schon stolz darauf sein, dass die Tötungsdelikte stark zurückgegangen sind. Die Zahl liegt heute in ganz Deutschland niedriger als im Westen vor der Wiedervereinigung.

Woran liegt das?

Entscheidend ist die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt. Distanz und Abkehr von Gewalt sind erkennbar gestiegen. Zudem werden wir älter, und mit den Jahren sinkt die Neigung zur Gewalt. Auch die größere Individualisierung hat hier etwas Positives. In der Vereinzelung zieht man sich bei Konflikten eher zurück, als dass man sie austrägt. Minderjährige werden nicht mehr geschlagen, was früher selbstverständlich war. Ich bin noch als Gymnasiast von Lehrern mit Schlägen bestraft worden. Ein türkischer Vater, dem kürzlich in einem Elternabend beigebogen werden sollte, dass die Kinder zuhause nicht geschlagen werden sollten, ging anschließend zur Referentin und sagte, „das meinen Sie aber doch nicht wirklich ernst, oder? Wie soll das denn sonst gehen mit der Erziehung?“ Das war ein warmherziger, netter Mann, überhaupt kein Schlägertyp – und natürlich erst recht kein potenzieller Mörder. Nur konnte er es sich aus seinem Hintergrund heraus nicht vorstellen, komplett auf Gewalt als erzieherisches Mittel zu verzichten. Dabei trägt es zum Einhegen von Gewalt sehr viel bei, wenn Kinder erleben, dass Konflikte anders gelöst werden. Wenn kein Erwachsener Gewalthandeln vormacht, dann ist Gewalt nicht mehr selbstverständlich und kein hinreichender Beweis für Stärke. Die Jungs, die wollen natürlich kämpfen. Aber um ihre Kräfte zu messen und Männlichkeit zu lernen, gibt es genügend Sportarten, die das in regelhafter Form erlauben. Da lernen sie den kontrollierten Umgang mit Kraft, Aggression und Siegeswillen, was viel toller ist, als sich nur auszutoben.

Erwarten Sie bei den Gewaltverbrechen eine Trendumkehr durch den Zuzug von Migranten aus Herkunftsländern, in denen Gewalt insgesamt noch eine andere Rolle spielt als bei uns?

Eigentlich nicht, obwohl ich es schon einigermaßen obszön fand, dass das Bundeskriminalamt im Oktober 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle – vollmundig verlautbarte, es gebe dadurch keinen Anstieg der Kriminalität. Das war der schiere Opportunismus, mit dem man in der allgemeinen Begeisterung über Deutschland und seine Willkommenskultur auch noch eine positive Schlagzeile beisteuern wollte. Inzwischen wissen wir, dass es sehr wohl einen Anstieg an Gewaltkriminalität gab, mit einem weit überproportionalen Anteil junger, männlicher Migranten unter den Tätern. Aber ich glaube, das wird sich einpendeln, wenn die Zuzugszahlen sich in Grenzen halten. So ist das nun mal in einem Einwanderungsland. Ich erinnere, dass ähnlich aufgeregte Debatten schon geführt wurden, als die vielen italienischen Gastarbeiter kamen: Oh, die ganzen Messerstecher aus Sizilien! Und die Mafia…!

Aber Sie sagen, die Existenz von Gewalt zu leugnen, sei lebensgefährlich. Das klingt dann doch ziemlich dramatisch.

Ich glaube, dass es unbedingt hineingehört in die Debatten um Migration und Integration. Wir haben es neuerdings mit einer großen Zahl junger Männer zu tun, die mit Gewalt aufgewachsen sind und die in ihrem noch kurzen Leben schon viel Gewalt erlebt haben. Jeder Einzelne von ihnen, für sich genommen, mag sympathisch und unauffällig sein. Aber in der Gruppe werden die Gewalterfahrungen abgerufen und aktiviert. Und wenn man das leugnet, ja, dann wird es in der Tat lebensgefährlich. Ich halte es deshalb für wichtig, dass der Rechtsstaat klare Grenzen setzt und entschlossen durchgreift. Wenn die Jungs in einer beginnenden kriminellen Karriere den Eindruck kriegen, sie können machen, was sie wollen, und es gibt keine Reaktionen seitens der Staatsmacht, dann ist das fatal. Es steigert die Machtfantasien: Ich schaff‘ das schon, und mir passiert nichts !

Wirkt die Aussicht auf eine lange Haftstrafe abschreckend?

Gerade die Strafandrohung „lebenslänglich“ finde ich wichtig. Der Rechtsstaat markiert damit ganz klar, welche Taten als moralisch besonders tiefstehend gelten und eine besonders anti-soziale Haltung des Täters verraten. Eine lebenslange Haft signalisiert, dass die Tat eigentlich unverzeihlich ist. Wer einen Mord begehen will, muss wissen: Danach ist alles vorbei, du landest im Knast und kommst nicht mehr raus – und wenn doch, dann kurz vor der Grube.

Manche bezweifeln die Abschreckungswirkung speziell bei sehr jungen Tätern.

Die denken oft nicht an das Danach, und wer in jungen Jahren als Mörder einfährt, hat im Knast ein hohes Standing auf der falschen Seite. Das stimmt. Das kann man aber nicht verhindern. Es gibt zum Jugendstrafvollzug keine Alternative. Man kann nur versuchen, Zeit zu gewinnen. Aber bei einem Totschläger, der mit 22 hoch erhobenen Hauptes wieder aus dem Knast rausmarschiert und von seinen alten Kumpels im gepimpten Audi begrüßt wird, haben wir in der ambulanten Nachbetreuung wenig Chancen, sein Selbstkonzept zu ändern und seinen Tatendrang zu zügeln. Für dieses Problem gibt es keine Lösung. Wir versuchen es trotzdem .

Sie sagten, es gebe die Lust am Töten?

Sie ist ja sogar eines der Mordmerkmale. Es kommt aber selten zum Tragen. Nur bei einem Prozent der Verurteilungen zu lebenslang wird Mordlust als Motiv angenommen. Auch wenn aus Gutachtersicht manches darauf hindeutet – etwa in der Art, wie der Täter sein Opfer zugerichtet hat oder wie er sich zu seiner Tat stellt. Aber kein Täter wird das offen zugeben, kein Anwalt so argumentieren – und die Richter machen sich so eine gutachterliche Bewertung ungern zu eigen. Denn eine solche, vom Täter bestrittene Unterstellung hat ein hohes Risiko, dass der Bundesgerichtshof das Urteil kassiert. Mordlust ist viel schwieriger zu beweisen als andere Mordmerkmale wie Heimtücke, die sich nachvollziehbar aus dem Tathergang ergeben und als Begründung für „lebenslang“ ausreichen.

Wie oft spielt Mordlust faktisch eine Rolle?

Ich würde schon davon ausgehen, dass zehn bis 20 Prozent der Mörder ihre Tat als etwas Tolles erleben und als einen Triumph in Erinnerung behalten: Da haben sie etwas Außergewöhnliches getan, was ihnen kaum einer nachmachen wird und was ihnen keiner mehr nehmen kann.

Sind die dann auch rückfallgefährdeter?

Ja, schon. Für mich faszinierend war die Begegnung mit dem „Mittagsmörder“, der in Bayern immer um die Mittagszeit kleine Bankfilialen ausgeraubt und dabei – für den Raub völlig unnötig – jeweils den Mann am Schalter erschossen hat. Noch 50 Jahre später – er hatte für seine fünf Morde lebenslänglich bekommen – lebte er regelrecht auf, als er mir im Gefängnis davon erzählte. Dieser inzwischen über 70 Jahre alte Mann wirkte schlagartig jung und vital und berichtete mit glänzenden Augen, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief. Ein braver alter Mann, konnte man denken – der nach seiner Entlassung mit großer Freude wieder jemanden erschießen würde. Hat er aber nicht.

Sondern?

Es wurde groß über seine Entlassung berichtet, und er gab Interviews. Was in solchen Fällen manchmal ganz gut ist, weil dem Entlassenen eine neue Rolle zuwächst, die ihm ein anderes Gefühl von Heldentum und Großartigkeit vermittelt.

Wie lassen sich Mehrfachmorde denn am besten verhindern?

Ich habe auch kein Rezept. Es gibt ein relativ großes Arsenal an Möglichkeiten – mit Strafvollzug und therapeutischer Begleitung nach der Entlassung. Wir stecken da aus gutem Grund viel Arbeit und Geld rein, und wir haben – glaube ich – auch einen gewissen Erfolg. Aber es gibt individuelle Fälle und Situationen, in denen haben wir keine Chance. Wir können Kriminalität nicht abschaffen. Wir können auch das Töten nicht abschaffen. Die Vorstellung, die Gesellschaft könne alle Probleme beseitigen; und wenn jemand umgebracht wurde, dann müsse es dafür immer auch eine schuldige Behörde geben – das sind totalitäre Phantasien, die ich eigentlich eher bedrohlich finde. Wenn ein 20 Jahre alter Asylbewerber jemanden umbringt, wird reflexartig gefragt: „Wer hat da versagt?“ Niemand hat versagt. So etwas passiert, kann passieren bei Menschen mit bestimmten Vorerfahrungen. Ich glaube nicht an die Allmacht des Staates, und wenn es sie gäbe, wären wir alle seine Gefangenen.

Hans-Ludwig Kröber, geboren 1951, ist emeritierter Professor für Forensische Psychiatrie. Er war Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité und leitete deren Nachsorge-Ambulanz für entlassene Straftäter, darunter entlassene Sicherungsverwahrte.

In mehr als 1000 Verfahren war Kröber als Gutachter tätig, davon etwa 300 Strafprozesse. Zu den spektakulären Verbrechen, an deren Aufarbeitung er mitgewirkt hat, gehören der Doppelmord an den Kindern Tom und Sonja in Eschweiler (2003), der „Fall Jessica“ Hamburg (2008) oder der Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“ (1986). (jf)

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