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Schlange stehen für den großen Moment: Bergsteiger kurz vor dem Gipfel des Mount Everest.

Interview Hans Kammerlander

Mount Everest: „Der Berg kann zur Bestie werden“

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Ein Gespräch mit Extrembergsteiger Hans Kammerlander über den boomenden Tourismus im Himalaya und warum viele glauben, der Weg zum höchsten Gipfel der Welt sei ein Spaziergang.

In den wenigen Tagen im Mai, in denen das Wetter eine Besteigung des Mount Everest zulässt, drängen Hunderte Richtung Gipfel – nicht alle kehren zurück. Elf waren es dieses Mal. Die meisten von ihnen starben an Erschöpfung, weil die oftmals unerfahrenen Bergsteiger teils stundenlang im Stau vor dem Gipfel ausharren mussten.

Herr Kammerlander, was ist los am Everest?
Ende Mai ist noch mal ein Schönwetterfenster, dann kommt die Monsunzeit in Nepal. Hunderte von Menschen brechen zur selben Zeit auf. Im Gipfelbereich ist ein schmaler Grat und da staut es sich und die Leute stehen stundenlang herum. Wenn einem der Sauerstoff ausgeht, ist man schnell an dem Punkt, dass man nicht mehr ohne fremde Hilfe herunterkommt. Es ist fahrlässig und nicht mehr zu verstehen, dass Nepal so viele Leute gleichzeitig auf so einen Berg lässt.

Stau am Achttausender? Klingt absurd ...
Der Berg wird von Spezial-Sherpas jeden Frühling präpariert. Es wird mit Seilen und Leitern eine Art Klettersteig gebaut. Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun. Die Anbieter klinken sich in diese Infrastruktur ein. Viele Leute lassen sich damit locken – Alpinisten nicht, die suchen sich ein anderes Ziel. Aber der weltbekannte Everest ist sehr reizvoll und wenn man etwas lockend anbietet, sind die Leute eben da, die 50.000 bis 60.000 Euro hinblättern. Nepal braucht das Geld, das ist mir schon klar. Trotzdem, man müsste sagen: maximal 200 Bergsteiger im Frühling, dann ist Schluss.

Wie viele sind es denn?
Im Basislager war heuer eine richtige Zeltstadt mit an die 1000 Leuten. Das ist nur noch kompletter Wahnsinn.

Trend-Event am Everest mit Leuten, die das eigentlich gar nicht können?
Ganz genau. 80 Prozent der Leute sind bei Weitem nicht geeignet. Sie verlassen sich nur auf die Infrastruktur und die Sherpas. Viele machen das, weil sie glauben, das ist eine tolle Imagesache. Dabei ist es eher lächerlich und alpinistisch völlig bedeutungslos.

Und niemand klärt sie auf?
Vielleicht schon, aber eher auf die geschönte Weise. Mich wundert es, dass nicht jede Saison viel mehr verunglücken. Wenn so eine Masse unterwegs ist und ein Sturm aufkommt, können auch schnell 50 oder 100 Menschen sterben. Der Berg kann zur Bestie werden. Oder im unteren Teil, da befindet sich der Khumbu-Eisbruch. Wenn viele Menschen weit oben sind und im Eisbruch eine Lawine abgeht, was jederzeit sein kann, sind dort alle Seile weg und der Weg nach unten ist kriminell. Dann kommt kaum noch jemand runter.

Die Lage am Everest ist also eskaliert.
Schon seit Jahren. Natürlich haben wir auch dazu beigetragen, die hohen Berge bekannt zu machen. Messner und ich auch, mit unseren Filmen und Büchern. Heute werden diese Berge im Katalog angeboten. Ich kann nur an jeden appellieren, sich seinen Berg so auszusuchen wie seine Schuhe: Er muss passen.

Hans Kammerlander, 62, hat neben dem Mount Everest weitere elf Achttausender bestiegen. Im Sommer will er in die Dolomiten, und irgendwann noch mal in die Antarktis und nach Peru.  

Auf welche Bedingungen trifft man am Everest?
Mit 40 Grad minus muss man rechnen. Und wenn ein Sturm aufkommt, kann man nicht mehr stehen. Dann ist das Chaos komplett. Dort oben ist kein Platz zum Abwarten, man muss runter. Viele sind einfach zu langsam und blockieren das Fixseil. Die, die schneller wären, wollen das Seil nicht verlassen und trauen sich nicht zu, seitlich vorbeizugehen. Und dann ist ein kompletter Stau. Ich weiß von einem ehrgeizigen Vater, der hat seinen 13-jährigen Sohn mitgenommen. Das ist schon kriminell.

Die meisten sterben am Berg an Erschöpfung.
Ja, weil sie zu langsam sind. Wenn der Sauerstoff ausgeht, ist dein Körper nach einer halben Stunde ausgelaugt und du schaffst den Abstieg nicht mehr. Die Moral, die unter Alpinisten das erste Gebot sein sollte, hat heute kaum noch einen Stellenwert. Wenn von oben jemand kommt, total erschöpft und ohne Sauerstoff, helfen die wenigsten, weil sie zurück müssten und den Gipfel verlieren. Die denken sich: Das macht schon der hinter mir. Da muss man sich schämen, Alpinist zu sein. Den Nepalesen ist das ziemlich egal, die wollen nur Touren verkaufen. Allein die Genehmigung kostet pro Person 10.000 Dollar. Das ist ein riesiges Geschäft geworden. Es werden sogar Partys im Basislager veranstaltet.

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Kann es so weitergehen?
Ich glaube, das ist schwer zu bremsen. Wer auf den Everest geht, müsste Minimum vorher auf einem Siebentausender gewesen sein. Einfach kommen und probieren, das würde ich verbieten.

Niemand setzt Grenzen?
Nur der Veranstalter. Es gibt skrupellose, die schicken die Leute hoch und kassieren im warmen Büro ab. Wenn ein Anbieter selber dabei ist, ist das ein gutes Zeichen, denn der will sich nicht selber durch unfähige Teilnehmer in Gefahr bringen.

Sie haben in Ihrer Karriere viel riskiert. Zu viel?
Ja, ich habe schon übertrieben. Ich habe an der Seite von Reinhold Messner begonnen, er war mein Lehrmeister. Da gerät man automatisch in diesen Wettlauf hinein. Und wenn du ihn annimmst, musst du trotz aller Vorbereitungen ein sehr hohes Restrisiko in Kauf nehmen.

Sie haben selbst Freunde verloren. 1991 waren Sie zu dritt auf dem Manaslu. Carlo Großrubatscher stürzte ab, Friedl Mutschlechner erschlug kurz darauf ein Blitz.
Wenn du innerhalb von nur vier Stunden zwei enge Freunde verlierst, verstehst du die Welt nicht mehr. Warum bin ich noch da? Solche Fragen kommen auf, das ist brutal. Wir hatten ja sogar auf den Gipfel verzichtet, weil es zu windig war, und waren im Abstieg. Es ist mir einige Male passiert, dass Freunde am Berg zurückgeblieben sind. Diese Freunde fehlen dir für den Rest deines Lebens.

Was haben die Verluste in Ihnen verändert?
Die Risikobereitschaft wird weniger. Man wird umsichtiger, wertet die Anzeichen von Gefahren anders, dreht schneller um. Von den Nepalesen habe ich gelernt, diese Verluste anzunehmen. Wenn es dort Schicksalsschläge gibt, dann schauen Nepalesen schnell wieder nach vorne. Da kann man von Naturvölkern viel lernen.

Wie blicken Sie heute auf die Berge?
Meine Gedanken sind am Berg. Aber ich habe nicht mehr diesen Druck. Es ist schöner geworden. Meine Expeditionen sind nicht mehr so steil, sondern runder.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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