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Der leckere Export-Hit darf nun auch im Vereinigten Königreich hergestellt werden.

Zypern

Halloumi-Krise auf der geteilten Insel

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Zypern hat in London einen Prozess um die Markenschutzrechte für den beliebten Quietschkäse verloren. Bei den Produzenten herrscht Panik und die Schuldigen sind auch schon gefunden.

Er ist viel mehr als Käse, er ist ein Kulturgut. Egal, ob im griechischen Süden oder türkischen Norden – auf dieses Milchprodukt ist jeder Einwohner der geteilten Mittelmeerinsel Zypern stolz. Ob mit Spiegelei oder im Omelette zum Frühstück, in die Pasta gerieben, gegrillt im Hamburger oder roh mit Wassermelone, ist der leckere Halloumi-Käse, der auf türkisch Hellim heißt, eines der wenigen Identität stiftenden Elemente und das wichtigste Exportprodukt der gesamten Insel. Halloumi erzielt Millionen Euro für die zyprische Ökonomie – beider Inselhälften.

Der Mozzarella-ähnliche Käse wird in Zypern seit 400 nach Christus hergestellt und ist auch in anderen Mittelmeerländern beliebt. Doch nun hat ein Drama um den Grillkäse den Inselsüden in eine Krise gestürzt. Erschüttert vernahmen die Zyperngriechen Anfang Dezember ein Londoner Gerichtsurteil, das ihrem Halloumi den Markenschutz in Großbritannien entzog. Das Vereinigte Königreich ist der bei weitem größte Markt für den Quietschkäse, nimmt rund 40 Prozent der zyprischen Spezialität ab und generierte damit etwa 83 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr. Hauptgrund dafür ist, dass mehr als 300.000 Menschen mit zyprischem Migrationshintergrund im Land ihrer einstigen Kolonialmacht leben, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

Vor Gericht ging es um den Versuch Südzyperns, die Markenrechte des Halloumis in Großbritannien zu registrieren, ohne allerdings die Rechte der türkischen Zyprioten und anderer Produzenten zu berücksichtigen. Dagegen klagte die exilzypriotische britische Käsefirma John & Pascalis Ltd., die sich den Namen Halloumi nicht nehmen lassen wollte. Die Regierung in Nikosia beschuldigte die Firma als Markenfälscher, verlor aber den Prozess, mit der Folge, dass in Großbritannien nun jeder seinen Käse Halloumi nennen kann, wenn er nur die Produktionsmethode einhält.

In Zypern löste das Urteil Panik bei Käseproduzenten aus, die ihren wichtigsten Markt schwinden sahen. „So haben wir unseren Halloumi verloren“, titelte die Zeitung „Philelefteros“. Eine politische Krise folgte, denn das Fiasko warf ein wenig schmeichelhaftes Schlaglicht auf die inseleigene Verwaltung. Für das Unheil verantwortlich war nämlich vor allem die Schludrigkeit der Ämter, die der Aufforderung des Londoner Gerichts, sich zu äußern, nicht gefolgt waren.

Die Londoner Richter rieben noch Pfeffer in die Wunde, als sie erklärten, dass „die Beweise klar zeigen, dass das (zyprische) Handelsministerium der Urheber des eigenen Missgeschicks ist“. Die internen Behördenwege in Nikosia seien „so desorganisiert, dass der Brief mit der Anforderung von einem Beamten zum nächsten gereicht wurde, ohne dass es zu einer Aktion kam“.

Zwar betrachten viele Inselgriechen ihre Beamten ohnehin als inkompetent, faul und korrupt, doch seither geht in den Online-Kommentarspalten der Zeitungen ein nicht endender Shitstorm nieder auf das „Schneckentempo“ der Beamten, ihre „Unkündbarkeit“ und „Angst, Verantwortung zu übernehmen“. „Der Halloumi-Fall ist symptomatisch für die allgemeine Malaise in der Verwaltung“, titelte die „Cyprus Mail“.

Prompt forderten Oppositionsparteien die Entlassung des Handelsministers George Lakkotrypis. Die kommunistische Akel-Partei sprach von „Selbstmord“, die Grünen verlangten, dass „die schuldigen Parteien für dieses große Verbrechen“ dafür bezahlen müssten. Die Regierung räumte zwar Schuld am Verlust des Rechtsstreits ein, lehnte es aber ab, den Minister zu feuern. Mit einer internen Untersuchung werde nun „ermittelt, wo genau die Verantwortlichkeit liegt“. Demnächst soll die Halloumi-Krise im Parlament diskutiert werden.

Inzwischen haben griechisch-zypriotische Beamte eine Neu-Registrierung des Halloumi in London beantragt – und erzeugen damit neue Spannungen mit der nur von Ankara anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“. Die Inseltürken reklamieren für sich das gleiche Recht auf den Käse, den sie wegen der bestehenden internationalen Blockade aber nur in die Türkei ausführen können. Tatsächlich symbolisiert kaum etwas das Versagen der Politiker beider Seiten besser als das jahrzehntelange Versäumnis, den Traditionskäse als gemeinsame Handelsmarke zu schützen.

Nach dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 hatte die griechische Republik Zypern zwar Halloumi und Hellim als geschützte Ursprungsbezeichnungen (PDO) bei der Europäischen Kommission zur Registrierung angemeldet, um sich vor Nachahmern aus dem Ausland zu schützen. Der Versuch scheiterte in sämtlichen Gerichtsverfahren unter anderem am Streit über die Anteile von Kuhmilch im Käse. Traditionalisten sind sich einig, dass echter Halloumi nur aus Ziegen- und Schafsmilch hergestellt werden darf. Doch die Inselgriechen panschen ihn zunehmend mit importierter griechischer Kuhmilch, nicht nur, weil diese billiger ist, sondern auch weil es in Südzypern nicht mehr genug Ziegen und Schafe gibt.

Weitere Anläufe, zuletzt 2014, lösten erheblichen Unmut im Inselnorden aus. Zwar sind sich beide Seiten im Prinzip darüber einig, dass die PDO den Halloumi in die Produktkategorie von Gorgonzola, Parmesan und Camembert, die nur in einer bestimmten Region unter Verwendung bestimmter Verfahren hergestellt werden dürfen, katapultieren würde. Doch der PDO-Antrag enthielt einen Passus, wonach zyperngriechische Inspektoren, die im Norden keine Befugnisse haben, auch im türkischen Gebiet die Einhaltung der EU-Normen kontrollieren sollten. Eine „unmögliche Idee“, befanden die Zyperntürken. Und da in Südzypern viele Bauern die geplanten Markenschutzregeln selbst nicht einhalten (können), streitet dort ein Produzentenverband inzwischen gegen die eigene Handelsmarke. Die zyperntypische Unfähigkeit, sich auf irgend etwas einigen zu können, die auch alle Wiedervereinigungsgespräche blockiert, konterkariert jeden PDO-Antrag.

Während sich die Zyprioten streiten, ist der nichtschmelzende Käse auf dem besten Weg, ein globaler Hit zu werden. Seit Vegetarier den Gummikäse als Alternative zu Grillfleisch entdeckten und Hamburger-Ketten ihn auf ihre Speisekarte setzten, hat ein weltweiter Halloumi-Hype eingesetzt. So verdoppelten sich die Exporte nach Angaben des Zypern-Handelszentrums in London auf rund 187 Millionen Euro in den vergangenen vier Jahren, doch ist das kleine Zypern selbst längst nicht mehr in der Lage, den globalen Bedarf zu decken – vor allem, seit nun auch die Mittelschicht in China Halloumi in ihr Menü einfügt.

Im letzten Sommer habe es schon erste Engpässe in England gegeben, schrieb der britische „Guardian“ kürzlich sorgenvoll. Ein Hersteller habe mit „Notvorräten“ gegengesteuert, allenthalben seien Nachahmer am Werk. Doch wenn die Chinesen richtig auf den Geschmack kämen, sei es für Zypern „völlig unmöglich, damit Schritt zu halten“. Ob sie sich darüber freuen oder entsetzt sein sollen, darüber allerdings können sich die Zyprioten noch nicht einigen.

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