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Hai-Schützer Watson festgenommen

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Von: Steven Geyer

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Vor 40 Jahren entschließt sich Paul Watson, für den Schutz von Haien zu kämpfen - und dafür bis zum Äußersten zu gehen. Das wird dem 61-Jährigen bei seiner Einreise nach Deutschland zum Verhängnis: Er sitzt jetzt in Frankfurt im Gefängnis, wegen eines Haftbefehls aus Costa Rica.

Es ist ein ungleicher Kampf, der jedes Jahr Millionen Todesopfer fordert. Es gibt Foto- und Filmaufnahmen davon, darauf spritzt  Blut und die Fleischfetzen fliegen. Die Gegner in diesem Kampf sind Mensch und Hai –  und obwohl klar ist, dass der Mensch nicht nur der Eindringling ins Revier des Hais ist, sondern der Hai längst auch der Unterlegene, gilt das Tier ausgerechnet dem Menschen noch immer als Monster.

Der Kanadier Paul Watson entschloss sich, in diesem ungleichen Kampf die Seiten zu wechseln – und bis zum Äußersten zu gehen. Bei seiner Einreise nach Deutschland wurde dem heute 61-jährigen Tierschützer das nun zum Verhängnis: Er sitze in Frankfurt im Gefängnis, twitterte er  in der Nacht zum Montag. Hessens Generalstaatsanwalt bestätigte: Gegen den „militanten Haischützer“ liege ein internationaler Haftbefehl aus Costa Rica vor.

Vermutlich war Watson darauf gefasst, dass die Behörden irgendwann durchgreifen. Immerhin sieht er sich selbst  als „modernen Piraten“. Die von ihm gegründete Meeresschutz-Stiftung Sea Shepherd verkündet  stolz, seit 1979 zehn Walfangschiffe versenkt zu haben. Die Gegenseite – allen voran die Walfänger – nennen Watson einen „Ökoterroristen“.

Dass aber ausgerechnet Deutschland mit seinem menschenrechts- und umweltbewussten Ruf dem zumindest dubiosen  Haftbefehl nachgeht, dürfte Watson aber doch überrascht haben.

Einsatz gegen Haijäger in Costa Rica

Laut Sea Shepherd wirft Costa Rica dem Umweltschützer „Behinderung der Schifffahrt“ vor   – wegen eines Einsatzes gegen illegale Haijäger im Jahr 2002. Die Aktion ist gut dokumentiert, weil das Boot der Sea Shepherd von einem Filmteam begleitet wurde, das an einer Doku über Haie drehte. Es wollte zeigen, wie der Hai als „König der Räuber“ von einem der ältesten Bewohner der Weltmeere – Haie lebten schon vor den Sauriern, vor der Bildung heutiger Kontinente – zur vom Aussterben bedrohten Art wurden.

Watson und das Sea-Shepherd-Schiff reisten dafür zu den Kokosinseln, den Galapagos-Inseln und Costa Rica, um die dortigen Schutzgebiete mit den weltweit größten Hai-Populationen zu zeigen – und den Hai als für den Menschen ungefährlichen Ozeanriesen. Die Zahl der Haiangriffe auf Menschen ist verschwindend gering, wir  aber meucheln die Tiere. Das ist Watsons Botschaft, seit er Anfang der 70er Jahre als eins der ersten Greenpeace-Mitglieder dem Reiz der Meereswelt verfiel.

Um die brutale Praxis  des „Shark Finnings“ zu filmen, lauerte der Trupp illegalen Hai-Jägern auf. Weltweit fischen die geschützte Haie mit Schleppnetzen aus dem Meer, hacken ihnen bei lebendigem Leib die Flossen ab, um sie als Delikatesse nach Asien zu verkaufen – und werfen die verstümmelten Haie zurück ins Meer, wo sie qualvoll verenden. 73 Millionen Haie werden so pro Jahr gemetzelt, schätzt man.  Anders als  Greenpeace mit seinen spektakulären Anti-Walfang-Aktionen reicht es Sea Shepherd nicht, dagegen zu protestieren. Sie wollen sie stoppen, mit allen Mitteln. Im Fall von 2002 nahm Watsons Team Kontakt zu Guatemalas Behörden auf, um die Jagd des costa-ricanischen Bootes Varadero anzuzeigen.  Auf deren Anweisung, so sagen jedenfalls die Tierschützer, forderten sie die Jäger auf, zum Hafen zurückzukehren  und sich der Polizei zu stellen.

Angriff mit dem Kanonenboot

Noch während die Varadero zurück eskortiert wurde, „wendete sich das Blatt“, so Sea Shepherd: „Ein guatemaltekisches Kanonenboot sollte die Mannschaft von Sea Shepherd abfangen.“ Die Crew der „Varadero“ behauptete, Watsons  Team habe sie töten wollen. Man sei mit einer Wasserkanone angegriffen worden. Die Filmaufnahmen zeigen nichts davon. Andererseits gehört Eingreifen durchaus zum  Sea-Shepherd-Repertoire: 2009 lieferten sie sich mit japanischen Walfängern im Südpolarmeer ein zweitägiges Gefecht mit Wasserkanonen, Blendlasern,  Buttersäure. 2010 kollidierte ein Sea-Shepherd-Boot mit einem japanischen Walfangschiff in der Antarktis, weil keiner abdrehte. Das Tierschützer sanken, die  Besatzungsmitglieder wurden gerettet.

Damals vor Guatemala flohen sie  vor dem Kanonenboot – nach Costa Rica, wo sie prompt weitere Händler aufspürten, die Tausende getrocknete Haiflossen lagerten. Das wirft man ihnen heute vor.

Während Sea Shepherd den Haftbefehl für eine Schuldumkehr hält, verlangt Costa Rica Watsons Auslieferung. Der müsse zunächst einem deutschen Haftrichter vorgeführt werden, so der Staatsanwalt, worüber noch nicht entschieden sei. Inzwischen haben sich der Chef der Grünen im EU-Parlament, Daniel Cohn-Bendit, und der in Frankreich populäre Bauernaktivist und  EU-Parlamentarier Jose Bove eingeschaltet. „Wir hoffen, die ehrenwerten Herren bekommen Captain Watson frei“, erklärt Sea Shepherd. Immerhin will die Organisation 2012 in aller Welt helfen, gegen Wilderei vorzugehen: „Wir haben alle Gesetze, die wir brauchen, um die Haie zu schützen. Jetzt werden wir unsere Möglichkeiten nutzen, sie auch durchzusetzen.“ Es gehe um „Meinungskrieg“ – aber auch um Patrouillen, Abwehrsysteme und das Training Einheimischer „für den Kampf“. Im Juni wolle man den Südpazifik ansteuern. Der Captain wird also gebraucht.

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