Costa Concordia

Haftstrafe für Kapitän Schettino

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Der Mann, der als „Kapitän Feigling“ der Costa Concordia berühmt und berüchtigt geworden ist, soll für 16 Jahre und einen Monat hinter Gitter.

Das international mit Spannung erwartete Urteil verkündeten die Richter im toskanischen Grosseto am Mittwochabend nach achtstündigen Beratungen. Sie erklärten Francesco Schettino zum Hauptschuldigen für eines der spektakulärsten Unglücke der Schifffahrtsgeschichte. In der Nacht des 13. Januar 2012 hatte das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia mit 4 200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord einen Felsen vor der Insel Giglio gerammt und war gekentert. 32 Menschen starben, darunter zwölf Deutsche, der Gesamtschaden summiert sich nach Schätzungen auf fünf Milliarden Euro.

Mit der Haftstrafe blieb das Gericht deutlich unter der Forderung der Staatsanwälte, die 26 Jahre und drei Monate Haft als exemplarische Strafe verlangt hatten. Das wäre fast ein „lebenslänglich“ gewesen für den 54-jährigen Süditaliener aus Meta di Sorrento bei Neapel, der nun unter anderem der mehrfachen fahrlässigen Tötung für schuldig befunden wurde.

Während Schettinos Anwälte auf Freispruch beziehungsweise eine Mindeststrafe plädiert hatten, nannten ihn die Staatsanwälte im Prozess einen „leichtsinnigen Idioten“, der den Ernst der Lage nicht erkannt, keine Anweisungen gegeben und nur versucht habe, sich selbst in Sicherheit zu bringen. „Gott habe Gnade mit ihm, weil wir keine haben können“, sagte Ankläger Stefano Pizza im Schlussplädoyer. Das dreiköpfige Richtergremium sah das offenbar nicht ganz so drastisch. Es hat nun wie in Italien üblich 45 Tage Zeit, seine Urteilsbegründung nachzuliefern. Schettinos Anwälte werden vermutlich Berufung einlegen.

Der Ex-Kapitän bleibt erst einmal bis zu einem rechtsgültigen Urteil auf freiem Fuß. Den Antrag der Staatsanwaltschaft, ihn wegen Fluchtgefahr zu inhaftieren, lehnte das Gericht ab. Auch seinen Pass darf er behalten.

Schettino, der an fast allen 70 Verhandlungstagen des eineinhalb Jahre laufenden Mammutprozesses im Gerichtssaal gesessen hatte, blieb ausgerechnet der Urteilsverkündung fern. Er liege mit Fieber und Grippe im Bett, erklärten seine Anwälte. Schon am Vortag war er mit dickem Schal erschienen.

Am Mittwochmittag hatte Schettino noch ein tränenreiches Schlusswort verlesen. Er sei von Anfang an zum alleinigen Sündenbock gemacht worden, um ökonomische Interessen zu verteidigen, klagte er unter Anspielung auf seinen ehemaligen Arbeitgeber, die Reederei Costa Crociere. „Am 13. Januar 2012 ist auch ein Teil von mir gestorben“, sagte er. Man werfe ihm vor, dass er sich nie bei den Opfern des Unglücks entschuldigt habe. „Aber seinen Schmerz führt man nicht vor, man instrumentalisiert ihn nicht.“ Auch habe er stets einen Teil der Verantwortung für das Unglück übernommen. Aber er werde nun seit drei Jahren durch einen „medialen Fleischwolf“ gedreht. Auf eine ausdrückliche Entschuldigung warteten die Überlebenden und Opferangehörigen erneut vergeblich.

Schettinos Anwalt Domenico Pepe sagte, die drei Jahre seit dem Unglück seien für Schettino wie 30 Jahre Gefängnis gewesen. „Er wurde verspottet, gedemütigt, vor Gericht beleidigt und von der Presse verfolgt.“ In Italien werfen ihm viele vor, das Image des Landes beschädigt zu haben, da der Name Schettino ein Synonym für Feigheit und Unverantwortlichkeit geworden ist. „Gehen sie an Bord, verdammt“, der Satz, mit dem der Kapitän der Küstenwache Schettino in der Unglücksnacht aufforderte, die Evakuierung vom Schiff aus zu leiten, statt auf einem Felsen am Ufer zu stehen, wurde zum geflügelten Wort.

Schettino selbst hatte mit höchst unklugen Auftritten dazu beigetragen, das negative Bild zu verfestigen. Vor Gericht versuchte er die Schuld auf andere abzuwälzen und beschuldigte den indonesischen Rudergänger Jacob Rusli Bin. Wenn der seine Befehle nicht falsch verstanden und zu spät ausgeführt hätte, wäre es nie zu dem Unglück gekommen. Expertengutachten widerlegten das.
Für Schlagzeilen sorgte auch, dass Francesco Schettino ein Referat über Panik-Management an einer römischen Universität hielt und außerdem ganz in Weiß bei einer Party auf Ischia auftauchte, während gerade das Wrack der Costa Concordia abgeschleppt wurde.

Die Anwälte werfen der Staatsanwaltschaft vor, voreingenommen gewesen zu sein und Schettino isoliert zu haben. Vier Crew-Mitgliedern, darunter der Rudergänger sowie der Krisenmanager der Reederei, hatten die Ankläger Deals gewährt: Geringe, zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafen gegen Schuldeingeständnisse. Auch die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Costa Crociere waren gegen Zahlung von einer Million Euro eingestellt worden.

Die Reederei wurde von den Richtern nun aber als zivilrechtlich Verantwortlicher zusammen mit Schettino zur Zahlung von Entschädigungen in Millionenhöhe verurteilt.

Fast 380 Nebenkläger, darunter Passagiere, Opferangehörige, vier italienische Ministerien und die Insel Giglio hatten Schadenersatz gefordert. Allein das Umweltministerium verlangte mehr als 200 Millionen Euro, es soll nun 1,5 Millionen erhalten. Passagiere und Opferfamilien bekommen zwischen 10 000 und 50 000 Euro.

Costa Crociere hat bislang nach eigenen Angaben 84 Millionen Euro an etwa 3 590 Passagiere und Besatzungsmitglieder gezahlt. Den Passagieren wurden je rund 14 000 Euro angeboten. Die Familien von 29 Todesopfern sollen jeweils eine Million Euro erhalten haben.

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