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Manchmal wohnt der schlimmste Feind im eigenen Haus.

Kriminalstatistik

Häusliche Gewalt gegen Frauen nimmt zu

Die Polizei zählte 2015 mehr Fälle von häuslicher Gewalt als in den Jahren zuvor. 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen, aber auch die Zahl der männlichen Opfer steigt.

Von Jacqueline Rother

In Deutschland werden immer mehr Frauen Opfer ihres eigenen Partners oder Ex-Partners: Mehr als 127.000 Personen pro Jahr wurden zuletzt Opfer einer Straftat im häuslichen Umfeld, 82 Prozent waren Frauen. Im Ganzen traf es im vergangenen Jahr mehr als 104.290 weibliche Opfer. Das belegt die neue Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik für 2015, die Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig mit Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), am Dienstag in Berlin vorgestellt hat.  „Die Zahlen sind schockierend“, sagte Schwesig. Sie appellierte an die Opfer von Gewalt, ihr Schweigen zu brechen.

Unter allen Anzeigen von Bedrohung bis Mord bezieht sich fast ein Fünftel auf häusliche Gewalt. Seit 2012 registrierte die Polizei einen Anstieg der Gewalttaten in Partnerschaften von 5,5 Prozent. Im Vergleich zu 2014 gibt es ein Plus von einem Prozent. Laut BKA werden auch immer mehr Männer Ziel ihrer Partnerinnen oder Ehemaligen.

Grundsätzlich kann die Steigerung auch mit einer steigenden Zahl der angezeigten Delikte zusammenhängen. BKA-Chef Münch schätzt, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist, schätzbare Zahlen gebe es jedoch nicht.

Die häufigste Straftat ist mit 63,9 Prozent vorsätzliche einfache Körperverletzung im häuslichen Umfeld: Eine Ohrfeige, ein Schlag reichen aus und können angezeigt werden. Aber das werden sie oft nicht. Denn die Hemmschwelle die Polizei zu rufen sei sehr hoch, sagte Münch.

Die zwei anderen häufigsten Arten von Gewalt waren 2015 Bedrohung (14,4 Prozent) und schwere Körperverletzung  oder Verletzung mit Todesfolge (12 Prozent).  Ein Viertel der Verdächtigen war bei der Tat betrunken.  Ex-Partner waren mehrheitlich von Stalking (87,9 Prozent) betroffen.

Weniger Tötungsdelike, mehr Körperverletzung

Die Statistik erfasst neben körperlichen und sexuellen Misshandlungen bis hin zu Vergewaltigung und Tötungauch subtile Formen der Gewalt wie Beleidigungen und Einschüchterungen.

Es gibt einen erkennbaren Trend, dass Tötungsdelikte, Bedrohung und Stalking etwas zurückgegangen sind. Auf der anderen Seite hat es mehr Anzeigen wegen einfacher (8,3 Prozent) und gefährlicher Körperverletzung (8,8 Prozent) gegeben.

„Aus der Statistik lassen sich keine konkreten Tatmotive für häusliche Gewalt ableiten“, sagte Münch. Meistens dürfte es  aber um Konflikte in der Partnerschaft oder Trennung gehen. Deswegen mache die Gruppe der ehemaligen Partner auch die größte Tätergruppe aus.

So schätzt es auch die Leiterin des Hilfstelefons „Gewalt gegen Frauen“, Petra Söchting, ein. Gewalt folge in der Regel einer bestimmten Dynamik: Meist fängt es harmlos an, zum Beispiel mit Kontrolle, die noch als liebevoll verstanden werden kann. Oft würden die Frauen dann in die soziale Isolation gedrängt werden, müssten Kontakte abbrechen und kämen so auch schwerer aus ihrer Situation wieder heraus.

Gewalt kennt kein Milieu, so der Tenor von Söchtings Schilderungen. Menschen unterschiedlicher Herkunft, unabhängig von Bildung und Einkommen würden Opfer von häuslicher Gewalt. Eine Erhebung, inwiefern Verbrechen im Internet eine Rolle spielen, beispielsweise Drohmails, gibt es noch nicht. Die Anrufe am Hilfetelefon ließen aber darauf schließen, dass diese Art des Verbrechens zunimmt, so Söchting.

Die Zahl der Beratungen unter der kostenlosen 24-Stunden-Hotline 08000 116 016 sei im Vergleich zum vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen. Das anonymisierte Angebot werde gut angenommen und sei oft der erste Schritt, um sich gegen Gewalt in den eigenen vier Wänden zu wehren.

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