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„Habt den Mut aufzugeben“

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Für manche eine lässige Tagestour, für andere ein hochalpines Wagnis: der Hochkalter-Gipfel im Berchtesgadener Land.
Für manche eine lässige Tagestour, für andere ein hochalpines Wagnis: der Hochkalter-Gipfel im Berchtesgadener Land. © imago

Der Alpinrechtsexperte Klaus Burger im Gespräch über riskante Rettungseinsätze in den Alpen, die Gefahren digitaler Tourenplanung und warum immer mehr Menschen in Not geraten.

Tagelang suchte ein Bergrettungsteam im September nach einem Mann, der am Hochkalter im Berchtesgadener Land in einen Schneesturm geraten war. Sogar ein Eurofighter der Bundeswehr kam zum Einsatz. Nach vier Wochen wurde der 24-jährige Niedersachse schließlich tot gefunden. Klaus Burger ist Alpinrechtsexperte, lange war er Vorsitzender des Gutachterkreises für Alpinunfälle. Er erklärt, wer Einsätze der Bergwacht bezahlen muss – und warum vor allem junge Menschen in den Bergen immer häufiger an ihre Grenzen kommen.

Herr Burger, beim Einsatz am Hochkalter waren Hubschrauber im Einsatz, die Helfer:innen leisten mehr als 1500 Einsatzstunden. Wer bezahlt das?

So hart es klingen mag: Wir sind gesetzlich verpflichtet, die Kosten zu erheben – auch bei einem so tragischen Ausgang. Bei Großeinsätzen sind die Kosten pro Tag auf maximal 2500 Euro begrenzt. Damit für Betroffene oder deren Angehörige keine Härtefälle entstehen. Oft begleichen auch Versicherungen die Rechnungen. Alpenvereins-Mitglieder sind über den Verband versichert.

Einige Bergtouristen ersetzen die klassische Tourenplanung mit Karten komplett durch digitale Recherche. Das ist riskant

Klaus Burger

Werden größere Einsätze häufig zum Streitfall?

Es gibt manchmal Streit über die Kosten. Aktuell gibt es zwei offene Fälle mit Präzedenzcharakter. Es geht um eine Rettung am Watzmann und eine Vermisstensuche im Hochland. Beide Fälle werden gerichtlich geklärt.

Wie ist die Rechtslage, wenn jemand am Berg fahrlässig unterwegs war?

Wenn sich jemand am Berg verletzt, zahlt die Krankenkasse. Bleibt man unverletzt, muss aber gerettet werden, zahlt man die Rettung selbst. Viele Bergsteiger haben aber genau für solche Fälle zusätzliche Versicherungen abgeschlossen.

Gibt es ein Recht auf Rettung? Wie viel Risiko müssen Rettungsteams eingehen, um unvernünftige Bergsteiger:innen zu retten?

Es geht bei einem Einsatz immer auch darum, die Einsatzkräfte vor Schaden zu bewahren. Wir Bergretter gehen zwar bis ans Limit – auch bei dem Einsatz am Hochkalter. Wir haben einen ausgeprägten Rettungswillen, kennen die Grenzen und können mit Gefahren umgehen. Die Einsatzleiter tragen die Gesamtverantwortung. Sie unterbrechen den Einsatz, wenn der Schutz der Helfer das erfordert. Das war auch am Hochkalter so, als um Mitternacht Orkanbedingungen herrschten. Es gibt also keinen Rechtsanspruch auf einen Rettungseinsatz unter erheblicher Gefährdung.

Die Anzahl der Bergrettungseinsätze steigt. Werden die Menschen risikobereiter?

Ja, die Zahl der Rettungseinsätze in Bayern steigt kontinuierlich. Auch deshalb, weil die Zahl der Menschen zunimmt, die in den Bergen Erholung sucht. Immer mehr Touristen entdecken die Berge für sich. Die Routenplanungen werden digitaler, Bergerlebnisse werden medial gut vermarktet. Früher ging man mit Familienmitgliedern in die Berge und wurde langsam mit den Gefahren vertraut gemacht. Heute entdecken viele Menschen, die nicht hier leben, die alpine Bergwelt für sich. Wir stellen fest, dass die meisten Wanderer und Bergsteiger gut ausgerüstet sind. Für ein höheres Risikoverhalten gibt es keine Anhaltspunkte.

Wie viel Sorgen bereitet Ihnen die zunehmende Digitalisierung?

Grundsätzlich ist es sehr hilfreich, sich umfassend digital informieren zu können. Frei zugängliche Wetterradare helfen bei der Tourenplanung. Auch ein Tourenbericht im Internet kann hilfreich sein. Einige Bergtouristen ersetzen die klassische Tourenplanung mit Karten komplett durch digitale Recherche. Das ist riskant, viele alpine Gefahren tauchen digital nicht auf. Es gibt schließlich keine Norm für Alpinplattformen. Jeder kann im Internet Erfahrungen oder Berichte einstellen. Für den einen ist eine Hochkalter-Überschreitung eine lässige Tagestour, für den anderen eine hochalpine Unternehmung. Das Handy verführt dazu, auf Natur und Gelände nicht im erforderlichen Maß zu achten. Wir stellen fest, dass vor allem junge Bergsteiger im Alter von 21 bis 30 Jahren immer wieder gefährlich an ihre Grenzen kommen. Häufig sind es Urlauber aus bergfernen Regionen, die von Einsatzkräften erschöpft und mit Gelände und Wetter überfordert gerettet werden müssen.

Wann sollte man eine Bergtour besser abbrechen?

Umkehren ist hart – besonders wenn Selfies oder die Selbstdarstellung in sozialen Medien eine Rolle spielen. Meine Botschaft ist: Habt den Mut aufzugeben, wenn ihr merkt, dass es riskant wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was das für ein Kampf sein kann. Besonders wenn ein Traum hinter der Besteigung eines Gipfels steht. Aber auch ein Traum ist es nicht wert zu verunglücken.

Interview: Kilian Pfeiffer

Klaus Burger.
Klaus Burger. © Kilian Pfeiffer

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