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Das Kinder- und Jugendheim in Jessen wird nicht wieder öffnen.

Brandenburg

Haasenburg-Heime vor dem Aus

In Kinder- und Jugendheimen in Brandenburg sollen Mitarbeiter jugendliche Bewohner zur Strafe eingesperrt und gefesselt haben. Jetzt zieht die zuständige Ministerin die Notbremse - und lässt die Einrichtungen schließen.

Von Gerold Büchner

Martin Hoffmann hat es sich nicht leicht gemacht. Zehnmal haben der promovierte Psychologe und andere Mitglieder der Haasenburg-Kommission die Einrichtungen für problematische Jugendliche besucht, zahlreiche Gespräche geführt und Unterlagen geprüft. 124 Seiten umfasst der Bericht der Kommission, die eine ganze Reihe von Empfehlungen gibt, wie auf die Misshandlungsvorwürfe zu reagieren wäre. Die Konsequenz aber, die Brandenburgs Jugendministerin Martina Münch (SPD) aus all dem zieht, scheint Hoffmann doch zu überraschen: Eine komplette Schließung aller Haasenburg-Heime, betont er am Mittwoch, „haben wir nicht empfohlen“, es gebe da durchaus Bedenken.

Dabei klingen die Befunde erschreckend genug. In den drei Brandenburger Einrichtungen des Trägers herrsche „kein freundlicher Geist“, sagt Hoffmann. Die oft gewalttätigen Minderjährigen würden mit ihren Schwierigkeiten alleingelassen. Zu häufig und ohne Grund setzten Mitarbeiter der Haasenburg GmbH Zwangsmittel gegen sie ein, die „Begrenzung“ etwa, zu deutsch: Einsperren oder Fesseln auf einer Fixierliege. „Willkür und Bestrafung sind unzulässig ausgeprägt“, so der Kommissionsleiter. Das haben ihm nicht nur Betroffene berichtet, sondern auch die meisten früheren Mitarbeiter, die befragt wurden.

Doch aus Hoffmanns Sicht hätten schärfere Auflagen wie ein Verbot von Zwangsmaßnahmen ohne Richterbeschluss oder auch ein Wechsel des Betreibers ausgereicht. Das Personal der Heime könnte teilweise ausgetauscht oder neu geschult werden, die jugendlichen Insassen sollten einen Alarmknopf erhalten, um im Zweifel Hilfe rufen zu können. Nur die vorübergehend stillgelegte Einrichtung in Jessern solle dauerhaft geschlossen bleiben. Was die Rücknahme der Betriebserlaubnis für die Heime in Müncheberg und Neuendorf anbelangt, schlagen die sechs Mitglieder der unabhängigen Kommission lediglich eine „rechtliche Prüfung“ vor.

Ministerin Münch aber will rasch handeln. Binnen zwei Wochen werde die Stilllegung der Haasenburg-Einrichtungen vorbereitet, sagt sie bei der Vorstellung des Berichts, der sie sehr betroffen gemacht habe. Der Reformbedarf in nahezu allen Bereichen der Heime sei so groß, dass ein Weiterbetrieb weder realistisch noch umsetzbar erscheine. „Ich halte die Einrichtungen der Haasenburg GmbH deshalb für nicht reformierbar“, betont Münch. „Ich sehe keine Alternative zur Schließung.“

Selbst aus der Opposition im Landtag erhielt die SPD-Politikerin dafür Beifall. Das Aus für die Haasenburg-Heime sei richtig und hätte schon längst kommen sollen, erklärte Brandenburgs FDP-Fraktionschef Andreas Büttner. Auch die Bündnisgrüne Marie Luise von Halem nannte es beschämend, dass die Behörden trotz jahrelanger Vorwürfe nicht früher gehandelt haben. Sie begrüßte aber die angekündigte Schließung ebenso wie SPD und Linkspartei im Landtag.

Die Jugendämter müssen nun für die 37 Minderjährigen, die in den beiden noch offenen Haasenburg-Heimen leben, neue Unterkünfte finden. Das Hauptproblem dabei liegt außerhalb Brandenburgs: Nur zwei der Jugendlichen stammen aus der Region, die große Mehrzahl aus anderen Bundesländern, die sich nun kümmern sollen. Hamburg etwa hat seine Einrichtungen für schwierige Fälle geschlossen und sich auf die einfache Lösung im Osten verlassen: Alle waren froh, sagt Martin Hoffmann, dass man die Jugendlichen los war. Mit der Schließung der Haasenburg-Heime bekommt das Problem nun wieder seine bundesweite Dimension, die in den Hintergrund getreten war.

Auch deshalb hat Jugendministerin Münch ihre Schließungsentscheidung mit einem Vorstoß verknüpft: Gemeinsam mit anderen Ländern will sie darauf dringen, die gesetzlichen Grundlagen für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen zu überarbeiten, die besonderer Unterstützung bedürfen. So fehle es an bundesweiten Regelungen, unter welchen Bedingungen „freiheitsentziehende Maßnahmen“ zulässig sind. Ein Problem sei die „Zersplitterung der Verantwortlichkeiten“, sagt Münch.

Zudem will sie intensiver über Hilfsangebote für Jugendliche in Problemlagen diskutieren – etwa alternative Betreuungsformen.

Über realistische Lösungen allerdings gehen die Meinungen auseinander. Experten haben bisher noch keinen Königsweg gefunden, wie die Gesellschaft am besten mit jugendlichen Aggressoren umgeht: In manchen Fällen sind weder bloße Erziehungsmaßnahmen noch Psychiatrie oder gar Haft angezeigt. Wenn nun noch die Haasenburg-Variante als bequeme Scheinlösung entfällt, sind neue Ideen gefragt.

In Brandenburg hat die politische Diskussion darüber bereits begonnen, zunächst innerhalb der rot-roten Koalition. Zwangsmaßnahmen seien schlicht „schwarze Pädagogik“, findet Linken-Fraktionschef Christian Görke: „Freiheitsentzug ist kein Mittel der Erziehung.“ Die SPD dagegen lehnt eine Abschaffung aller geschlossenen Heime ab. „Die Alternative ist Jugendknast oder Psychiatrie“, so ihr Fraktionschef Klaus Ness.

Klar ist immerhin, dass das Konzept und damit die Firma Haasenburg nach fast 13 Jahren vor dem Ende stehen. Man werde den Bericht lesen, analysieren und auswerten, erklärte das Unternehmen gestern. Mehr gebe es nicht zu sagen.

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