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2015: Die Familie versammelt sich um Kaiser Akihito und seine Ehefrau Michiko, Kronprinz Naruhito und Ehefrau Masako sitzen links.

Japan

Ein gutes Zeichen

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Mit der Inthronisierung des neuen Kaisers bekommt Japan auch ein neues Lebensmotto. Kronprinz Naruhito setzt sich für Umwelt und Frauenrechte ein.

Zur Inthronisierung des Kaisers beginnt in Japan eine neue Zeitenrechnung unter neuer Devise. Die Suche nach dem passenden Äranamen folgt strengem Protokoll und soll kollektive Hoffnungen artikulieren. Das Land ist nervös.

Man könnte den Eindruck gewinnen, Shinzo Abe sei dieser Tage unruhig. Wie der Premierminister vor die Presse tritt, wie er im Parlament gestikuliert, wie er seine Redepausen setzt. Alles wirkt etwas weniger resolut als sonst, wenn Kritik an seiner nationalistischen Politik nur so abprallt oder er Korruptionsvorwürfe einfach aussitzt. Schließlich ist diese Sache, die ihn diese Tage beschäftigt, viel größer. Es geht um einen neuen Namen. Nicht für Abe selbst, den mächtigsten Mann Japans, sondern für die Amtszeit des völlig machtlosen, aber symbolträchtigen Kaisers. Und damit für ganz Japan.

Am 1. Mai wird der 59-jährige Naruhito den Chrysanthementhron besteigen und zum 126. Kaiser in der ältesten ununterbrochenen Monarchie der Welt. Seit dessen 85-jähriger Vater Akihito im August 2016 wegen gesundheitlicher Beschwerden seinen Rückzug ankündigte, blickt das Land mit Spannung und Anspannung auf diesen Wechsel.

Zwei Zeichen, die für die Ideale Japans stehen

Denn obwohl der Kaiser für die meisten Japaner im Alltag keine Rolle spielt, ist dieser Übergang wichtig. Mit jedem neuen Kaiser erhält das Land eine neue Herrschaftsdevise, im Mai beginnt dann das Jahr 1 der neuen Zeit. Nach gut drei Jahrzehnten verpasst sich Japan so ein neues Lebensmotto.

Bei der Suche nach dem Namen läuft derzeit die heiße Phase. Am 1. April verkündet die Regierung, nach einem zuvor einberufenen Expertenrat und mehreren Ausschlussverfahren, den geheim von Gelehrten beschlossenen Titel. Das Protokoll ist streng: aus zwei alten chinesischen Schriftzeichen muss er sich zusammensetzen, soll sich einfach lesen und schreiben lassen, aber nicht im aktuellen Sprachgebrauch vorkommen. Und er muss für die Ideale Japans stehen.

1989: Kabinettsekretär Keizo Obuchi stellt das Motto „Heisei“ vor.

Wird der Name am kommenden Montag bekannt, bleibt Behörden, Unternehmen und Massenmedien noch ein Monat, um bis zur Inthronisierung Naruhitos ihre Computersysteme auf den neuen Namen umzustellen. Denn japanische Dokumente benutzen nicht den gregorianischen Kalender, sondern die Zählung der je aktuellen Ära.

Das Thema ist dieser Tage omnipräsent. Anfang des Monats berichtete der öffentliche Rundfunk NHK etwas aufgeregt: „Noch ungefähr ein Dutzend mögliche Namen verbleiben auf der Liste.“ Konkreter wurde man nicht. Es herrscht hohe Geheimhaltung. Fast täglich fragen sich Zeitungen, welcher Name der aktuellen Zeit wohl besonders gut zu Gesicht stünde, sobald es mit der noch aktuellen Heisei-Ära, was sich mit „Frieden überall“ übersetzen lässt, vorbei sein wird.

TV-Sender interviewen Leute in Sonderprogrammen auf der Straße. Magazine haben den „Gengo-Countdown“ ausgerufen. Weinhändler werfen spezielle Heisei-Flaschen auf den Markt. Geschenkgeschäfte verkaufen alles Mögliche an Heisei-Merchandise.

All das Brimborium hat durchaus eine reelle Grundlage. Denn viele in Japan verbinden ihre eigenen Lebensverläufe mit dem Äranamen. „Es fühlt sich so an, als würde nun eine Phase der Geschichte enden“, sagt eine 62-jährige Rentnerin in Tokio. „In der Heisei-Zeit habe ich zwei Söhne bekommen und mich scheiden lassen. Und so war die Zeit ja auch allgemein.“ Soll heißen: In den 31 Jahren der Heisei-Ära, in denen der nun abdankende Akihito Kaiser gewesen ist, stieg Japans Scheidungsrate an, während die Kinderzahl pro Frau fiel.

Eine 34-jährige Lehrerin blickt beim Gedanken an die neue Ära in die Zukunft: „Ich hoffe nur, dass der neue Name kein Schriftzeichen enthält, das auch in ‚Abe‘ vorkommt.“ Sie sei eine Gegnerin des Premierministers, weil dieser die pazifistische Verfassung umschreiben will, um Japan wieder ein Recht auf Kriegsführung zu verleihen.

1966: Kronprinz Naruhito unterhält seinen jüngeren Bruder.

Tatsächlich ist die Angelegenheit mit dem Äranamen nicht nur Folklore, sondern auf subtile Weise auch Politik. Wie findet man einen Titel, der zur aktuellen Zeit passt, aber niemandem vor den Kopf stößt? Für Premier Shinzo Abe etwa wäre ein erneut so pazifistisch anmutender Titel wie das aktuelle Heisei fast schon blamabel.

Schließlich ist Abe der Meinung, der grundsätzlich kriegsverneinende Artikel 9 der Verfassung müsse dringend abgeschwächt werden, damit Japan im schwierigen Geflecht Ostasiens als wirklich eigenständiger Staat agieren könne. Wiederum wäre ein Äraname, der allzu deutlich eine von Politikern oft heraufbeschworene Dynamik der Nation andeutet, eher unpassend. Schließlich altert Japans Bevölkerung in hohem Tempo, was auch zur Stagnation der Volkswirtschaft beiträgt.

Obendrein muss bei allem natürlich an den Kaiser gedacht werden, was heutzutage besonders heikel ist. Dabei hatte der Kaiser auf dem Thron vom ersten Äranamen ab 645 nach Christus bis zu Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg immer noch ein Wort mitzureden. Doch mit der Nachkriegsverfassung von 1947 darf sich der Kaiser nicht mehr in „Angelegenheiten des Staates“ einmischen, hat also auch in dieser Sache nichts zu sagen.

1959: Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko vermählen sich.

„Das Protokoll ist deshalb sehr genau geregelt“, hat Eiji Miyashiro, ein Kaiserhausexperte für die Tageszeitung „Asahi Shimbun“, bei einem Vortrag im internationalen Pressezentrum in Tokio erklärt. „So gibt es auch besonders viel Aufmerksamkeit für das Thema.“ Was den gegenwärtigen Titel Heisei angeht, stellte sich dieser für den noch amtierenden Kaiser Akihito als passend heraus. Schließlich hat sich dieser zeitlebens einen Namen damit gemacht, dass er in einstige japanische Kolonien in Asien reiste und sich dort um Versöhnung bemühte.

Dessen Sohn Naruhito hingegen ist als Kronprinz mit seiner Sorge um den Umweltschutz sowie die Emanzipation von Frauen aufgefallen. Beide Themen könnten gut zu einem Motto für eine ganze Ära werden. Der Kampf gegen den Klimawandel ist ebenso ein Generationenprojekt wie die Gleichstellung der Frau, die in Japan im Vergleich mit anderen Ländern besonders hinterherhinkt.

Aus Umfragen leiten sich derzeit andere Prognosen ab. Zwischen Juli 2018 und Januar 2019 wurden 1500 Personen befragt, welchen Namen sie für das neue Äramotto erwarten. Die am häufigsten genannte Schriftzeichenkombination war Ankyuu, bestehend aus den Zeichen für „Frieden“ und „lange Zeit.“ Was pazifistisch klänge, hat irgendwie doch mit dem Premierminister zu tun. Das erste Schriftzeichen von Ankyuu steckt auch im Namen „Abe.“

INFO: JAPANS KAISERLICHE ÄREN

Kaiser Mutsuhito, 1868–1912: Unter Mutsuhito entsteht das moderne Japan. Nachdem 1853 die USA mit Kanonenschiffen vor Tokios Küste eine wirtschaftliche Öffnung Japans fordern, ist die rund 250 Jahre währende Abschottungspolitik beendet. Der von der amerikanischen Technologie beeindruckte Mutsuhito, dessen Regentschaft Meiji-Ära („Aufgeklärte Herrschaft“) genannt wird, schickt Gelehrte in westliche Länder, damit diese lernen und daraufhin Japan erneuern. Die Meiji-Verfassung von 1868 führt ein Parlament ein.

Kaiser Yoshihito, 1912–1926: In die Taisho-Ära („Große Gerechtigkeit“) fallen der siegreiche Krieg Japans über das Russische Reich (1904-05), der Ausbau des kolonialen Einflusses im Pazifikraum sowie der Erste Weltkrieg, in dem man, anders als im Zweiten, gegen das Deutsche Reich kämpft. In dieser Zeit gründen sich neue politische Strömungen wie die Sozialistische Partei. Die aus dem Westen zurückgekehrten Intellektuellen prägen Ideen von Humanismus. Westliche Literatur und Ästhetik werden modern.

Kaiser Hirohito, 1926–1989: Japan driftet in den Faschismus ab, überfällt China und führt mit Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, der für das ostasiatische Land im August 1945 mit den Atombomben über Hiroshima und Nagasaki endet. Die USA besetzen Japan, oktroyieren eine neue Verfassung, entmachten Kaiser Hirohito, lassen diesen der Kontinuität wegen aber im Amt. Die Showa-Ära („Erleuchteter Frieden“) dauert noch bis 1989 an und wird in ihrer zweiten Hälfte von Wirtschaftswachstum geprägt. Japan wird die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Kaiser Akihito, 1989–2019: Akihitos Ära, Heisei („Frieden überall“), beginnt mit einem Börsencrash, der das Ende der Boomjahre markiert. Die alternde Bevölkerung, Jahr für Jahr ein steigender Anteil Rentner, trägt zur ökonomischen Stagnation bei. Im März 2011 erlebt Japan mit der „dreifachen Katastrophe“ aus Erdbeben, Tsunami und Atom-Gau das größte Unglück seiner jüngeren Geschichte. Ende 2012 wird der Nationalist Shinzo Abe Premierminister. Dieser strebt eine Verfassungsänderung an, mit der er auch Artikel 9 abschwächen will, der Japan das Kriegsrecht versagt.

Kronprinz Naruhito,ab 1. Mai 2019 Kaiser: Der künftige Kaiser hat schon mit mehreren Äußerungen und Weichenstellungen für den Eindruck gesorgt, dass er für frischen Wind sorgen will. Naruhito spricht fließend Englisch, studierte an der Universität Oxford, schrieb seine Masterarbeit über Wassertransporttechnologien. Die Heisei-Ära hat er für die Zunahme von Diversität in der Gesellschaft gelobt. Zudem gilt Naruhito als Fürsprecher weiblicher Emanzipation. Das könnte Anstoß zu einer Reform des Thronfolgerechts geben. Nach aktueller Lage können Frauen nicht Kaiserin werden. (Felix Lill)

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