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Prozess um Amber Heard und Johnny Depp – Die Öffentlichkeit hat schon geurteilt

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Von: Sonja Thomaser

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Amber Heard
Amber Heard bei ihrer Aussage im Rechtsstreit mit Ex-Mann Johnny Depp. © Elizabeth Frantz/Pool Reuters/AP/dpa

Im Verleumdungsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard steht für viele fest: Heard ist eine Täterin und Depp ihr Opfer. Analyse einer misogynen Kampagne.

Fairfax – Während des Kreuzverhörs von Johnny Depp im Gerichtssaal in Virginia las der Anwalt, der das Verhör leitete, eine Textnachricht vor, die der Oscar-nominierte Schauspieler über seine Ex-Frau Amber Heard verfasst hatte: „Hoffentlich verwest die Leiche dieser Fotze im verdammten Kofferraum von einem Honda Civic.“

Der Verleumdungsprozess zwischen Depp und Heard ist auf YouTube im Livestream zu sehen und die Kommentare unter dem Clip lachten über die Textnachricht. „LOL Honda Civic“, sagte einer. Die meisten dieser Kommentare sind Pro-Johnny Depp und gegen Amber Heard. Der Prozess wird in den Medi­en und im Inter­net intensiv ver­folgt, mit einer Flut an Pro-Depp-Artikeln, -Kommentaren und -Hashtags. Sie verbreiten das Narrativ, dass Depp nun endlich „Gerechtigkeit“ widerfahren solle: #JusticeforJohnny dominiert das Internet. Und die Fakten, die für Depps Schuld sprechen, werden dabei ausgeblendet.

Johnny Depp und Amber Heard: Worum geht es im Prozess?

Die beiden Schauspieler:innen stehen derzeit vor Gericht, weil Depp als Reaktion auf einen Kommentar der Washington Post aus dem Jahr 2018, in dem Heard über ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt schrieb, eine Verleumdungsklage gegen Heard in Höhe von 50 Millionen US-Dollar eingereicht hatte. Während Heard Depp in ihrem Artikel nicht genannt hat, behauptet Depps Team, dass es um ihn ginge und der Artikel Depp seine Karriere gekostet hätte. 

Heard hat inzwischen eine Gegenklage auf Schadensersatz in Höhe von 100 Millionen US-Dollar eingereicht, die die Jury ebenfalls prüfen wird. Beide weisen Missbrauchsvorwürfe zurück. Es ist nicht das ers­te Mal, dass sich Heard und Depp vor Gericht wie­der­fin­den. Die schwierige Ehe von Depp und Heard endete 2016 und ist seit Jah­ren immer wie­der ein gefun­de­nes Fres­sen für die Bou­le­vard­pres­se.

Alle gegen Amber Heard - und für Depp

Viele Zuschauer:innen haben bereits entschieden, dass Depp das wahre Opfer ist. „Ich möchte ihn umarmen und ihm sagen, dass alles gut wird“, heißt es auf TikTok. Kommentare zum Livestream des Prozesses beziehen sich auf Heard als „Monster“ und „Lügnerin“. Zuschauer:innen werfen ihr vor, „manipulativ, berechnend und eine Betrügerin“ zu sein, im Gerichtssaal „vorgetäuscht“ zu weinen und „selbstgefällig“ auszusehen. Die Kommentare sind überall auf Twitter, Instagram und TikTok zu finden. „Er hätte dich töten können, er hatte jedes Recht“, sagt ein viraler TikToker. Ein User nennt Heard eine „verrückte Schlampe“ und erklärt: „Weil sie eine Vagina und Depp einen Schwanz hat, muss die Frau Recht haben.“ 

Auch die mediale Berichterstattung ist teilweise einseitig. Besonders US-Medien bringen Artikel und Analysen, die zum Ziel haben, Heard der Lüge zu überführen. „Alle Anschuldigungen von Amber Heard, die als falsch entlarvt wurden“, ist nur eine von vielen Überschriften diverser Onlineportale. Die Medien passen sich dem Social Media-Narrativ an.

Auch deutsche Medien tappen in diese Falle. Nachdem eine von Depps Anwälten engagierte Psychologin ausgesagt hatte, sie sehe bei Heard eindeutige Hinweise auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, titelten einige deutsche Medien: „Psychologin in Depp-Prozess: Heard hat Persönlichkeitsstörungen“. Dass es sich dabei um eine von Depp bezahlte Gutachterin handelte, wurde, wenn überhaupt, erst spät im Text erwähnt.

Alle Welt will lesen, was an Heard betrügerisch und falsch ist. Und nicht, was wirklich geschieht.

Johnny Depp
Johnny Depp demonstriert während seiner Anhörung, wie seine Ex-Frau Heard ihn geschlagen haben soll. © Evelyn Hockstein/Reuters Pool/dpa

Aus dem Kontext gerissenes Audio brandmarkt Heard als Täterin gegen Depp

Ende 2018, nachdem Heard in der Washington Post über ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt geschrieben hatte, veröffentlichte Depps damaliger Anwalt Adam Waldman – berühmt für seine zwielichtigen Verbindungen zu russischen Oligarchen und Desinformationskampagnen, einschließlich der US-Wahlen 2016 – eine Erklärung, in der er behauptete, Johnny Depp sei Opfer häuslicher Gewalt. Depp würde sowohl Heard als auch die englische Zeitung The Sun wegen verleumderische Äußerungen verklagen. Die Sun hatte Depp als „Frauenschläger“ bezeichnet. 

Im Januar 2020 leakte Waldman strategisch eine bearbeitete, aus dem Kontext gerissene Audioaufnahme. In der Aufnahme verspottet Heard Depp angeblich, weil er ein männliches Missbrauchsopfer sei. In der vollständigen Version der Audioaufnahme hört man Heard am Telefon schluchzen und sie sagt zu Depp, dass sie dachte, er würde sie töten. Sie widerlegt mit ihrer Aussage über Depp als Missbrauchsopfer lediglich seine Entschuldigung für seine Gewalt gegen sie – diese lautete, dass es ein „fairer Kampf“ gewesen sei, also wäre er auch ein Opfer.

Depp gegen Heard: „Eine Situation, die untergräbt, wie Missbrauch wirklich abläuft“

Depps Fans, Männerrechtsaktivisten und fehlgeleitete Feminist:innen waren wild auf diese Aufnahme. Johnny Depp wurde zum Aushängeschild für männliche Missbrauchsopfer und Amber Heard für weibliche Täter. Heard war jetzt eine Täterin und Depp ihr Opfer.

Es ist eine Situation, die untergräbt, wie Missbrauch wirklich abläuft, sagte Farrah Khan, Expertin für Geschlechtergerechtigkeit, dem Onlineportal Vice News. Außerdem habe dieses Verhalten zum Ziel, Opfer und Überlebende von Missbrauch davon abzuhalten, sich zu äußern, weil sie ähnliche Gegenreaktionen befürchten wie das, was Heard gerade passiert.

„Wir müssen darüber sprechen, dass die Leute schneller sagen, dass sie eine Lügnerin und er ein Opfer ist, als dass sie Frauen glauben“, sagte Khan. 

Beweise gegen Johnny Depp

Bereits 2016 veröffentlichte Entertainment Tonight einen Artikel mit Screenshots von Textennachrichten von Stephen Deuters, Depps persönlichem Assistenten, an Herad, der sich für Depps Missbrauch entschuldigte. „Als ich ihm sagte, dass er dich getreten hat, hat er geweint. Es war widerlich, und er weiß es.“ 

Im aktuellen Verleumdungsprozess in Fairfax wurde Depp im Zeugenstand mit Text­nach­rich­ten konfrontiert, in denen er zahl­rei­che Frau­en, unter ande­rem auch sei­ne Ex-Part­ne­rin Vanes­sa Para­dis, mit der er zwei Kin­der hat, als „Huren“, „Sper­ma­fres­se­rin­nen“ und „Fot­zen“ beschimpft. In Nachrichten an den Schauspieler Paul Bettany schlägt er vor, Heard bei lebendigem Leib zu ver­bren­nen und ihre Leiche zu vergewaltigen. Depp wurde auch dafür wieder vom Internet gefeiert, habe er diese angeblichen Beweise doch so gekonnt kommentiert und vernichtet. Expertin Khan wirft dazu bei Vice die Frage auf: „Die Tatsache, dass er sich wohl fühlte, dies per Textnachricht zu sagen – was sagte er ihr wohl ins Gesicht?“

In einem heimlich aufgenommenen Video ist Depp zu sehen, wie er betrunken herumschreit, Gläser zerschmettert, Türen einschlägt und Schränke zuschlägt. Es belegt Depps aggressive Natur und auch seinen Alkoholmissbrauch - vor Gericht hatte er behauptet, er sei trocken. Auf den Alkoholkonsum angesprochen, antworte Depp: „Ist nicht immer irgendwo Happy Hour?“ Von Depp-Fans werden auch solche Antworten wieder als „gekonnte Vernichtung“ von Heards Anwalt interpretiert.

Heard seit 2020 gerichtlich nachgewiesen Opfer

Ein Gericht in Großbritannien befand im Verleumdungsprozess gegen die Sun bereits 2020, dass Depp der häuslichen Gewalt gegenüber Herad wahrscheinlich schuldig ist. Das Gericht entschied aufgrund der Beweislage, dass die Behauptungen der Boulevardpresse „im Wesentlichen wahr“ seien – mit zwölf verschiedenen Missbrauchsvorwürfen, die darin nachgewiesen wurden. Viele Prozessinteressierte waren verwirrt, da sich auch bei diesem Prozess der Großteil der Berichterstattung auf Heards angebliche Lügen konzentriert hatte und die sozialen Medien von Depp-Anhängern dominiert wurden.

Obwohl Heard jetzt ein gerichtlich nachgewiesenes Opfer ist, wird die weiterhin als Lügnerin dargestellt. Die Schmutzkampagne verstärkte sich – Bot Sentinel fand 6000 gefälschte Konten, die Pro-Depp-/Anti-Heard-Postings twitterten und solche Tweets likten. Die Petition, Heard aus dem Aquaman-Franchise zu feuern, hat inzwischen angeblich drei Millionen Unterschriften, obwohl sich längst herausgestellt hat, dass viele dieser Unterschriften Bot-Aktivitäten waren. 

Depps Beweisführung musste herbe Rückschläge einstecken

Depp hat seine Ex-Frau für die Verleumdungsklage gegen sie nun nach Virginia geschleppt, in einen Staat also, der aufgrund seiner schwächeren Gesetze zur Redefreiheit für seinen Klagetourismus bekannt ist. Täter sind dafür bekannt, die Gerichte in Virginia zu nutzen, um ihre Opfer weiter zu retraumatisieren und finanziell zu schröpfen.

Depps Beweisführung musste, wie oben erwähnt, bereits herbe Rückschläge einstecken. Ein wichtiger Punkt seiner Beweisführung für ihn als Opfer häuslicher Gewalt war außerdem die Behauptung, Heard habe ihm den Finger abgeschnitten. Dies wurde durch seine eigenen Texte an drei verschiedene Personen als Lüge entlarvt. Wem das aber nicht reicht: Es gibt ein Audio, in dem er zugibt, dass er es getan hat. Doch auch das ist vielen egal.

Amber Heard entspricht nicht dem Bild des „perfekten Opfers“

Laut Khan verlangen die Menschen zu oft, dass Überlebende von Missbrauch das „perfekte Opfer“ sind, eine Form, in die Heard nicht passt. Jedes Lachen, jeder Gesichtsausdruck, der nicht trauernd genug, der nicht „armes Mäuschen“ aussagt, wird Heard als Beweis ihrer Falschaussagen ausgelegt.

„Wir haben diese Idee, dass die Opfer niemals Vergeltung üben werden“, sagte Khan gegenüber Vice. „Sie werden die Schläge einstecken und nie etwas erwidern … Von ihnen wird erwartet, dass Sie die Schläge dokumentieren, aber nicht so, dass es so aussieht, als hätten sie jemanden in die Irre geführt. Von ihnen wird erwartet, dass sie die Schläge einstecken und sich nicht wehren – aber sich ausreichend schützen, damit sie es melden können.“

Das „ideale Opfer“ ist in der Regel eine weiße, heterosexuelle Cis-Frau, die nur mit ihrem Ehemann zusammen war“, fügte Khan hinzu. „Eine pflichtbewusste Ehefrau.“

So wurde auch Heards Bisexualität wiederholt gegen sie verwendet. Auch ihre vermeintliche Promiskuität und angebliche Untreue während der Ehe mit Depp werden ihr negativ ausgelegt. Dabei hat das alles nichts damit zu tun, ob es sich bei Heard um ein Opfer häuslicher und sexueller Gewalt handelt.

Zukünftige Debatten um Gewalt gegen Frauen und #MeToo sollen verhindert werden

Der Prozess von Johnny Depp und Amber Heard ist aufgrund der überwältigenden Unterstützung für Depp für die Misogynen in der Gesellschaft eine Chance, im Angesicht der von ihnen so verhassten Debatten um Gewalt gegen Frauen und #MeToo, Frauen im großen Stil und vor großem Publikum als Lügnerinnen und die wahren Täterinnen zu brandmarken.

Es ist völlig egal, was bei diesem Prozess noch an Beweisen und Aussagen vorgebracht wird. Das Urteil der Öffentlichkeit ist gefallen, Amber Heard steht im besten Fall als zumindest fragwürdiges Opfer dar, im schlechtesten als verlogene, berechnende Täterin. Und verloren haben in jedem Fall Opfer häuslicher und sexueller Gewalt. Denn die Causa Depp gegen Heard wird für eine sehr lange Zeit als Argument, Frauen nicht zu glauben, angeführt werden. (Sonja Thomaser)

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