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Serie

Gute Narben, falsche Narben

Im Südsudan entscheidet Hautschmuck mitunter über Leben und Tod. 

Die eindrucksvollen Schmucknarben in den Gesichtern vieler Südsudanesen sind Ausdruck kultureller Identität und weit verbreitet im jüngsten Staat der Welt. Diejenigen, die sich, je nach Ethnie, zwischen 13 und 18 Jahren für die Narben entscheiden, folgen keiner Sehnsucht nach Individualisierung. Im Gegenteil: „Sie zeigen schon von Weitem, zu welcher Gemeinschaft ich gehöre, dass ich Respekt verdiene, weil ich erwachsen und bereit bin, die Ehre der Dinka-Kultur zu verteidigen“, sagt der junge Mann auf dem Foto rechts oben. „Ein Leben ohne Narben auf meiner Stirn ist für mich nicht denkbar“ – nur mit Narben darf er Frauen ansprechen und Rinder kaufen.

Rund fünfzig Jungen leben der Dinka-Tradition folgend mehrere Wochen in einem Camp unter freiem Himmel und lernen dort die Verteidigung von Besitz und Ehre sowie respektables Verhalten in der Gemeinschaft. Am Ende dieser Zeit erhalten sie die Narben auf der Stirn. Der gemeinsam erlebte und durchlebte Schmerz verbindet, ist identitätsstiftend und bleibt ein Leben lang in Erinnerung. An den Schädeln der Verstorbenen zeigt sich: Anders als Piercings und Tattoos gehen Schmucknarben nicht nur unter die Haut, sondern bis auf die Knochen. Bei Frauen signalisieren die Narben nicht nur ethnische Zugehörigkeit, sondern sind Zeichen von Schönheit und für die Tapferkeit, die Schmerzen einer Geburt aushalten zu können.

Das Volk der Shilluk initiiert seine Jugend anders. „Wir Shilluk gehen nicht gemeinsam mit anderen, wenn wir die Narben erhalten, sondern jeder für sich“, erzählt Akec, der im Ministerium in der Hauptstadt Juba arbeitet. Mit Angelhaken wird die Haut der Stirn an 15 bis 20 Punkten angehoben und abgeschnitten. „In die Wunden wird Asche, gemischt mit dem Urin unserer Rinder, zur Desinfektion gerieben. Die Heilung wird verzögert, die Prozedur nach zwei Wochen wiederholt, damit sich die typischen Narben bilden. Ohne Narben finden dich die Frauen häßlich und feige“, sagt Akec. Zum 85. Geburtstag erhält ein Shilluk als besondere Ehre eine zweite Reihe Narben.

Wer keine Narben hat, zählt mancherorts nichts. Kerbino, ein Leibwächter des südsudanesischen Präsidenten Kiir, zahlt einen hohen Preis für seine unversehrte Haut: „Ich habe zwar in Washington studiert, bin aber aus traditioneller Sicht nicht initiiert. In meinem Dorf sprechen die Erwachsenen nicht mal mit mir.“

Das ist der Zwiespalt, in dem sich Jugendliche und junge Erwachsene im Südsudan noch heute befinden: Schmerz und gesundheitliche Risiken auf sich nehmen, um dazuzugehören? Oder keine Narben, dafür Einsamkeit, Ablehnung, Spott aushalten müssen? Die Schmucknarben sind aber aus einem weiteren Grund riskant. Denn bei Gewaltausbrüchen zwischen den Ethnien, die seit 2013 mehrere Tausend Todesopfer forderten, macht man sich durch die weithin sichtbaren Narben zu einem leicht identifizierbaren Opfer.

Der Südsudan

Nur im Befreiungskampf gegen den nördlichen Nachbarn schienen die 64 Ethnien des Südsudan wirklich vereint. Nach mehr als 30 Jahren Bürgerkrieg, Friedensvertrag und Referendum spaltet sich der Südsudan per Stimmzettel vom Sudan ab, ist seit dem 9. Juli 2011 unabhängige Republik und jüngster Staat der Welt. Heute sehen sich 12 Millionen Südsudanesen der Zerreißprobe ihres fragilen Staates gegenüber: Kampf zwischen Regierung und Rebellen, Kampf um Öl, ungelöste Grenzkonflikte. Dazu Dürre und Hungersnot, zwei Millionen Binnenflüchtlinge sowie etwa 19.000 Kindersoldaten.

Die FR-Serie: „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Das Serien-Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit einem jeweils eigenen Schwerpunkt bearbeitet. Das Ressort Magazin/Panorama schließt heute seinen Schwerpunkt „Mit Haut und Haar“ ab mit einem Beitrag über Schmucknarben im Südsudan.

Die Porträts, die der Fotograf und Dokumentarfilmer Oliver G. Becker auf seinen Reisen durch den Südsudan gemacht hat, sind vom 9. Juli an in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt zu sehen. Die Vernissage der Ausstellung „Initiierung – Identifizierung – Dekoration“ beginnt am 9. Juli um 18 Uhr. Die Schau ist bis September geplant, Infos zu Führungen können per Email erfragt werden unter sekr@iwm.sankt-georgen.de

Am Freitag, 5. Juli, startet das Ressort Politik seinen Schwerpunkt „Grenzgänger“. Es geht um Menschen, die Barrieren überwinden – staatliche, ethnische, materielle, physische oder einfach die Vorurteile im eigenen Kopf. Die erste Geschichte kommt von der irischen Binnengrenze, wo die Opfer des Bürgerkriegs die Gräben der Vergangenheit zuschütten wollen – und ihnen dabei der Brexit in die Quere kommt.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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