Aufschwung oder Absturz? Wohin die Reise der Demokratien geht, wird sich wohl erst nach der Krise zeigen. Gerhard Busch / Panthermedia
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Aufschwung oder Absturz? Wohin die Reise der Demokratien geht, wird sich wohl erst nach der Krise zeigen. Gerhard Busch / Panthermedia

Welt nach Corona

Die gute Kraft der Engagierten

  • vonRüdiger Rosenthal
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Auch wenn Populisten die Pandemie instrumentalisieren: Ihnen gegenüber steht die Zivilgesellschaft, die in der Krise entschlossener, vielfältiger und auch demütiger auftritt

Die Welt nach Corona könnte eine bessere Welt werden, dazu haben in dieser Serie viele kluge Menschen Gedanken, Vorschläge und Ideen aufgeschrieben. Es könnte aber auch sein, dass sich einige der Probleme, die sich bereits vor der Krise zeigten, weiter verschärfen. So könnte die erkennbare Instrumentalisierung der Pandemie durch rechte und teilweise auch linke Regierungsgegner zunehmend Anknüpfungspunkte bei jenen finden, die von den Folgen der Bekämpfungsmaßnahmen besonders betroffen sind.

Frankreichs „Gelbwesten-Proteste“ und Deutschlands „Hygiene-Kundgebungen“ haben manches gemeinsam. An beiden nahmen – nicht nur, aber zu großen Teilen – tatsächlich oder gefühlt Benachteiligte der jeweiligen Krisen teil. Wohlsituierte und besser Abgesicherte protestieren selten, es demonstrieren eher Menschen mit gefährdeter sozialer Gegenwart und Zukunft. Hinzu kommen nicht wenige, denen die Corona-Vorbeugemaßnahmen zunehmend „auf den Geist gehen“. Argumentation und Habitus von Teilnehmern der „Hygiene-Demos“ in Baden-Württembergs Landeshauptstadt erinnerten deutlich an die Proteste gegen den Bahnhof „Stuttgart 21“. Für das Fernsehen Interviewte kritisierten vor allem eine aus ihrer Sicht inakzeptable staatliche Entmündigung und Behördenwillkür.

Rüdiger Rosenthal war bis 1990 in der Opposition gegen das DDR Regime aktiv. Später arbeitete er im Umweltverband und lebt heute als freier Autor und Journalist in Berlin.

In diesem Zusammenhang spielt das sogenannte Vorsorgeparadox eine Rolle. Da das Coronavirus viele persönlich oder in ihrem Umfeld nicht direkt erreicht, werden zunehmend sämtliche Vorsorgemaßnahmen infrage gestellt. Bei tatsächlich Abstiegsgefährdeten und von Ängsten Bedrängten brennen zudem – teils aus nachvollziehbaren Gründen – gelegentlich die Sicherungen durch. Dies trifft leider auch auf manche verwirrten Geister zu, die nach fragwürdigen Vereinfachungen suchen und denen Populisten noch in jeder Krise die passenden Leimruten ausgelegt haben.

Der exzessive Machtmissbrauch durch den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der Minderheiten diskriminiert und eine pressefeindliche Zensurpraxis installiert, oder der törichte Populismus von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro gehören zu den eklatantesten Auswüchsen einer sich im Schatten der Corona-Krise vollziehenden politischen Regression. Während die ungarische Geschichte eher auf eine mögliche Abwehr der negativen Entwicklungen im Land hoffen lässt, verursacht Bolsonaros verfehlte Pandemiepolitik schon jetzt irreparable Schäden an der brasilianischen Gesellschaft inklusive unzähliger Covid-19-Erkrankter und -Toter.

Aufwind erfahren populistische Tendenzen aktuell in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland und hier insbesondere in Ostdeutschland. Schon 1989/90 brach dort eine jahrelang von der Mehrheit der Ostdeutschen gut versteckte Renitenz gegenüber staatlicher Autorität hervor. Sie hatten verstanden, dass Unterdrückte und Benachteiligte die Verhältnisse zum Tanzen bringen können, wenn sie sich gemeinsam auf den Weg machen, wenn sie politische Einschränkungen nicht mehr akzeptieren und gesellschaftliche Utopien entwickeln. Die friedliche Revolution von 1989, die Bemühungen der vielen runden Tische im Jahr 1990 um eigenständige Entwicklungen, aber auch später unter anderen Vorzeichen die Pegida-Demonstrationen oder die prozentual höhere AfD-Wählerschaft belegen eine spezifisch ostdeutsch geprägte Widerspenstigkeit auf sehr verschiedene Weise.

FR-Serie: Die Welt nach Corona.

Dies zeigt sich auch in der aktuellen Krise. Nachdem zu Ostern 2020 die coronabedingten Einschränkungen der sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten gelockert wurden, veröffentlichte das Wochenmagazin „Der Spiegel“ auf seiner Internetseite eine Landkarte zum sich ändernden Mobilitätsverhalten der Deutschen. Auf der Karte, basierend auf Daten von Mobilfunkanbietern, war deutlich erkennbar: Je länger die Krise dauerte, desto mehr bewegten sich Ostdeutsche trotz gegenteiliger Empfehlungen wieder so oft von A nach B wie vor der Pandemie, während Westdeutsche eher der Aufforderung gehorchten, zu Hause zu bleiben.

Dass Bewohner der alten Bundesländer geneigter scheinen, auf ihre Mobilität zu verzichten, als viele Ostdeutsche, ist schon erstaunlich. Neben regional bedingten Ursachen, Bayern zum Beispiel hatte sehr strikte „Bleiben Sie zu Hause!“-Regeln, gab es dafür weitere spezielle Gründe. So fuhren aus Mecklenburg-Vorpommern, wo die Baumärkte lange geschlossen waren, viele der in Corona-Zeiten besonders aktiven Heimwerker nach Brandenburg oder Sachsen-Anhalt zu den dort geöffneten Baumärkten. Neben weiteren Besonderheiten wie einer in manchen östlichen Regionen hohen Zahl von Berufspendlern haben die Auffälligkeiten im Mobilitätsverhalten wohl auch psychologische Ursachen.

Trotz gegenteiliger Vorschriften – so war von Ostdeutschen „hinter vorgehaltener Hand“ oft zu hören – gab es viele private Besuche bei Familienangehörigen und Freunden, Autos mit Kennzeichen anderer Landkreise standen vor Grundstücken und Häusern, es kursierte der Begriff „Corona-Party“. Nachbarn grillten mit Bekannten oder Verwandten in ihren Gärten. Gruppen von Ausflüglern fuhren mit Motor- oder Fahrrädern durchs Land, man verabredete sich an Seen und Flussufern, zu Picknicks und Waldspaziergängen.

Zur Serie 

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autoren tragen zu der Serie bei, darunter die Philosophin Nancy Fraser und der Soziologe Harald Welzer. Die nächste Folge erscheint am Samstag. Alle bisherigen Beiträge stehen online unter fr.de/welt-nach-corona. FR

Auch die bisher größte Demonstration der Corona-Ära fand auf früherem DDR-Gebiet statt: Mit deutlicher Ignoranz gegenüber Abstandsregeln wurde auf dem Ostberliner Alexanderplatz im heute vordergründig nur noch wenig ostdeutsch geprägten Stadtteil Mitte am 6. Juni gegen Rassismus protestiert.

Das Erkämpfen einer uneingeschränkten Mobilität gehörte 1989/90 zu den Urmotiven für das Aufbegehren vieler DDR-Bürger in ihrem zuvor weitgehend zugesperrten Land. 28 Jahre lang hatten sie ihr eingeschränktes Leben zumeist widerspruchslos hingenommen, sich mehrheitlich angepasst an die staatlich verordneten Gegebenheiten. Als aber die verkrustete Gesellschaft sich radikal zu ändern begann, bäumte sich auch die ostdeutsche Bevölkerung auf und überrannte die bisherigen Grenzen. Und dann, als sie ihr Eingesperrtsein loswaren, als sie die Reisefreiheit bis zu deren Auswüchsen der Billigflüge und Kreuzfahrten auskosten durften, sollte keiner verlangen, dass sie ihre neu gewonnene Mobilität je wieder aufgeben. Und doch kam es so.

Möglicherweise ist dies eine der Ursachen für das Trotzverhalten Ostdeutscher in der Corona-Krise. Was paternalistisch angeordnet wird, erscheint vielen suspekt, sie haben wenig Vertrauen in politische Eliten und deren Repräsentanten – leider findet sich hier auch die paradiesische Grundierung für allerlei Staatsgegnerschaften und Verschwörungstheorien.

Woher aber stammt in Sachen Mobilität die scheinbare Obrigkeitshörigkeit bei der Mehrheit der Westdeutschen? Ob die Tatsache, dass sie den „von oben“ angeordneten Verhaltensregeln weitgehend folgten, bei den westlich Sozialisierten etwas mit dem Umstand zu tun hat, dass sie ihre Reisefreiheit bereits als so selbstverständlich ansahen, dass sie zeitweise Einschnitte eher hinzunehmen bereit waren? Dass sie gewissermaßen das Reisen in den zurückliegenden 70 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte nicht selten bis zum Überdruss ausgelebt hatten, so dass ihnen ein temporärer Verzicht weniger schmerzlich erschien? Hinzu kommt ein in Jahrzehnten gewachsenes, meist positives Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie und zum Gemeinsinn.

Als am 18. März 2020 Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache zu den Ausgangs- und Reisebeschränkungen wegen Corona sagte: „Für jemanden wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Einschränkungen nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen“, hat ihr vermutlich die Mehrheit der Westdeutschen innerlich zugestimmt. Bei Ostdeutschen hingegen lassen sich im Zusammenhang mit der Corona-Krise weiter wachsende Aversionen gegen die Entscheidungsmacht politischer Eliten feststellen. Zu den Ursachen gehört auch ein nur wenig ausgeprägter Stolz auf das nach der deutschen Einheit Erreichte.

Die Pandemie scheint nicht nur die Kluft zwischen etablierter Politik und den „Wir sind das Volk“-Populisten, zwischen „Oben“ und „Unten“, Arm und Reich, zwischen Verteidigern der föderal-staatlichen Verfasstheit Deutschlands und Demokratieskeptikern zu vertiefen. Ursachen und Folgen der Krise weisen zugleich auch auf Auswege aus diesen wachsenden Dilemmata hin.

Wo unhinterfragte Fortschrittsgläubigkeit, eine ungehemmte Globalisierung und ungebremstes Wachstum die gesellschaftlichen Probleme verschärfen und Regressionen in möglicherweise sogar barbarische Verhältnisse nicht mehr ausgeschlossen scheinen, wird eines zunehmend systemrelevant: die Zivilgesellschaft. Bei der Gestaltung der „Welt nach Corona“ ist sie mehr denn je gefragt.

Bürgerinitiativen, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Parteien, Berufsverbände, gemeinnützige Vereine sowie kulturelle, wissenschaftliche, ökologische und technische Körperschaften sind so wertvoll wie nie. Zusammen treiben sie mit dem Engagement unzähliger Haupt- und Ehrenamtlicher und einem schon in mancher Krise bewährten Gemeinsinn in allen Staaten – wo sie nicht daran gehindert werden – die soziale, kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Weiterentwicklung und Modernisierung der Gesellschaften voran. Sie weisen auf Defizite hin und entwickeln Alternativen, sie protestieren und demonstrieren, sie fordern und befördern Reformen der Politik und des Rechts, sie beteiligen sich am Umbau verletzlicher Staaten in zukunftssichere Gemeinschaften und helfen, dem Abrutschen in krisen-, klima- und katastrophengefährdete Verhältnisse vorzubeugen.

Der Fall des Eisernen Vorhangs als historischer Epochenbruch war mit dem Ende der Spaltung der Welt wirtschaftlich und global vermutlich schwerwiegender als die gegenwärtige Pandemie. Deren Herausforderungen sind aber nicht weniger umfangreich und ähnlich schwierig zu bewältigen. Dafür notwendig ist, dass die Zivilgesellschaft aus der Corona-Ära – und hoffentlich nicht als Krisengewinnler im negativen Sinne – noch vielfältiger, überzeugender, politisch radikaler und gern auch ein wenig demütiger als bisher hervorgeht.

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