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Tischdeko im „Death Café“ von Reutlingen.

Death Café

Gummibärchen im Sarg

In Death-Cafés treffen sich die unterschiedlichsten Leute, um bei Kaffee und Kuchen über das Lebensende zu diskutieren

Der kleine Aufzieh-Totenkopf auf dem Tisch bringt die Gäste zum Lachen. Langsam knattert der Plastikschädel an einer Pappschachtel in Sargform vorbei, die mit Gummibärchen gefüllt ist. Das Eis ist gebrochen: Die acht Leute, die sich bisher noch nie begegnet sind, kommen ins Gespräch. Bei Keksen und Kaltgetränken reden sie über ein Thema, das sonst eher vermieden wird: den Tod.

Weil es in ihrer Nähe noch kein Death-Café gab, hat die Trauerbegleiterin Sandra Anna Lang in Reutlingen kurzerhand einen eigenen Treff ins Leben gerufen. Ein Death-Café ist keine Trauergruppe, sondern soll eher wie einst die Kaffeehäuser ein Ort für Diskussionen sein. Lang, die auch als Krankenpflegerin in der Psychiatrie arbeitet, hofft, dass durch das Gespräch bei Essen und Trinken „Ängste über den Tod reduziert werden und das Leben neu wertgeschätzt wird“.

Death Cafés existieren an vielen Orten: Laut der Facebookseite der Death-Cafés gab es bereits in 35 Ländern mehrere Tausende solcher Treffen. Sie finden an öffentlichen Orten statt wie in Reutlingen in einem Coworking-Büro, in Bars, oder im amerikanischen Atlanta sogar auf einem Friedhof. In Deutschland wurde bereits in Weimar, München oder im pfälzischen Landau zum Death-Café eingeladen, zeigt die interaktive Landkarte auf der Internetseite „deathcafé.com“. Treffen sind weltweit kostenlos und offen für Menschen aller Weltanschauungen.

Die „Death-Café“-Bewegung nahm 2011 in London ihren Anfang und wurde von dem Webdesigner Jon Underwood per Internet weltweit verbreitet. Ursprünglich kam die Idee von dem Schweizer Soziologen Bernard Crettaz, der bereits 2004 „Café Mortels“ organisiert hatte, um offenere Diskussionen über den Tod zu fördern.

Zu Beginn erklärt Lang ihren Gästen, die im Internet oder über Freunde von dem Treffen mitbekommen haben, die Regeln: Jeder achtet gut auf sich und bestimmt selbst, was und wie viel er preisgibt. Es soll keine Monologe oder Vorträge geben, sondern Diskussionen. Wer anderen nach dem Treffen vom Death-Café erzählt, darf das nur machen, wenn er nicht die Namen der Teilnehmer fallen lässt.

Mit der Frage „Welche Dinge gehören für Dich zu einem guten Leben?“ beginnt Lang die Diskussion. Ohne zu Zögern antwortet Anke (Namen der Teilnehmer geändert) mit einem Sprichwort: „Alle Sorgen werden klein, gegen die, gesund zu sein.“ Und fügt hinzu: „Seit meine Tochter krebskrank ist, weiß ich: Gesundheit ist das wichtigste für ein erfülltes Leben“. Bernd fragt: „Aber was heißt eigentlich erfülltes Leben? Muss man dazu gesund sein? Der Physiker Stephen Hawking hatte ein erfülltes Leben, obwohl er krank war.“

Hedwig erzählt in resigniertem Ton von ihrem Mann mit Demenz, den sie bereits seit genau elfdreiviertel Jahren pflegt. Schon lange erkennt er sie nicht mehr. „Wenn ich ihm Essen gebe, frage ich mich manchmal: Ist es überhaupt richtig, dass ich ihn ernähre? Will er überhaupt noch leben?“

Die Themen, die an dem Abend diskutiert werden, bestimmen die Besucher selbst. „Ich war in Polen und habe Leichen seziert“, sagt Paul. Als Neurologe und Hobby-Anatom hatte er die Möglichkeit, in einem Kurs für Physiotherapeuten mehrere Tage lang tote Menschen bis ins Detail zu untersuchen. Das Sezieren habe ihm geholfen zu verstehen, „was nach dem Tod“ ist.

Anke hat sich überlegt, ob sie ihren Körper später auch der Forschung zu Verfügung stellt. Allerdings sei ihr eine gemeinsame Trauerfeier an der Universität zu unpersönlich. „Ich will einmal eine herzzerreißend schöne Beerdigung“, sagt sie. Einige Teilnehmer wollen wegen schlechten Erfahrungen mit Pfarrern nicht kirchlich bestattet werden. „Ich möchte auf jeden Fall im Friedwald beerdigt werden“, sagt Peter. Seine beiden Kinder sollen Mundharmonika und Querflöte spielen und anstelle eines Trauerredners lieber einige Worte sprechen.

Nach Einschätzung der Leiterin der größten Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin, Iris Hauth, sind die Death-Cafés ein gesellschaftliches Phänomen. Mit der Säkularisierung der Gesellschaft, vor allem aber auch mit der Individualisierung und der Selbstoptimierung habe die Beschäftigung mit dem Tod längst keine Bedeutung mehr, ja sie sei sogar zum Tabu-thema geworden. Death-Cafés könnten zu einem gelasseneren Umgang mit dem Tod und dem Lebensende führen, so Hauth, die im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee arbeitet.

Der Abend im Death-Café Reutlingen neigt sich dem Ende zu. Ein junger Mann gibt mit leiser Stimme zu, dass er manchmal ein schlechtes Gewissen hat, weil er zu wenig um seinen Vater trauert, der vor einiger Zeit gestorben ist. Daraufhin erwidert Bernd: „Es gibt nicht die eine Trauer, jeder verarbeitet einen Tod anders – und das ist O.K. so.“ Alle nicken bestätigend – auch eine Frau, die bisher nur geschwiegen hat. (Judith Kubitscheck, epd)

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