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Günter Wallraff wird 80: Der Mann mit den vielen Gesichtern

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Von: Boris Halva, Arno Widmann

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Ein echtes Brett: Wallraffs Original.
Steine stapeln statt schleppen: Anfang September in seinem Garten in Köln. © dpa

Mit zahllosen Kunstfiguren ging Günter Wallraff stets ans Limit - im Namen der verdeckten Recherche. Heute wird der legendäre Journalist 80 Jahre alt. Die FR schwelgt in Erinnerungen und gratuliert

Günter Wallraff ist ein Künstler. Sein Hauptwerkzeug – das ist nicht zu übersehen – ist sein Körper.

Vor mehr als fünfzig Jahren erlebte ich ihn das erste Mal im Gewerkschaftshaus in Frankfurt am Main. Er war damals schon eine kleine Berühmtheit. Sein Kampf um die Zulassung als Kriegsdienstverweigerer hatte ihn bekannt gemacht. Er las an diesem Abend aus Reportagen. Er hatte Beichtstühle besucht und dort – als von Gewissenszweifeln geplagter junger Katholik – Priester gefragt, ob er denn zur Bundeswehr gehen dürfe – angesichts des fünften Gebots: Du sollst nicht töten. Ich war sehr beeindruckt. Die Hartnäckigkeit, mit der die katholischen Priester ihm seine Skrupel auszureden versuchten, und das Geschick mit dem sie Gottes Gebot „Du sollst nicht töten“ so lange interpretierten bis die natürliche Nachfolge Christi der Dienst an der Waffe war, das ist mir im Gedächtnis geblieben. Diese – möglicherweise falsche – Erinnerung ist ein Element meiner nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert alten Wallraff-Verehrung. Wie er dasaß und von seiner Arbeit erzählte, schien alles so einfach: in einen Beichtstuhl gehen, die richtigen Fragen stellen, die Antworten einholen, alles aufschreiben und schon konnten auch wir – das Publikum – einen Blick werfen hinter die Kulissen. Er hatte nicht als Günter Wallraff gefragt. In einem Beichtstuhl ist man anonym. Er hatte sich wohl auch nicht verkleidet.

Vielleicht hatte er eine Krawatte an in dem einen oder dem anderen Beichtstuhl. Aber er hatte eine Rolle eingenommen und sie geübt und an ihr festgehalten. Er hatte sich verwandelt in jemanden, der gerne zur Bundeswehr gehen wollte, aber Skrupel hatte, es zu tun. Er erfand keine Situationen. Er stellte sie her. Künstler Thomas Demand baute einst Barschels Badewanne in Papier nach. Dann fotografierte er sein Werk und zerstörte es. Es blieb nur das Foto. So bleiben von den Wallraffschen Environments oft nur seine Texte. Der Künstler, der Wallraff immer erst einmal ist, verschwindet hinter dem Schriftsteller.

Aber Wallraff ist auch Wissenschaftler. Die Umgebungen, die er herstellt, in die er sich begibt, sind Experimente. Er schafft klar definierte Situationen, um die Wahrheit herauszubringen. Seine Veröffentlichungen sind Protokolle, in denen er festhält, welche Reaktionen er hervorruft. Er führt seinen Körper ein in die Parallelgesellschaften, die unsere Wirklichkeit ausmachen. Sei es die Redaktion der Bildzeitung oder die Welt der Obdachlosen oder die der türkischen Immigranten von „Ganz unten“.

„Die Energie dieses Mannes schien unerschöpflich. Sicher, auch Wallraff war irgendwann um zwei Uhr nachts beim Kneipengespräch erledigt, doch um sieben Uhr konnte man ihn wieder beim Lauftraining beobachten, und um acht Uhr saß er schon beim ersten Interview mit einer Lokalzeitung. Für uns journalistische Autodidakten, die sich gerade anschickten, mit der „taz“ eine publizistische Stimme zu etablieren, die als ‚Gegenöffentlichkeit‘ dienen und im Unterschied zu den ‚bürgerlichen Medien‘ täglich die linke Sicht auf die Republik und den Globus insgesamt abbilden wollte, war Wallraff nichts weniger als die Speerspitze dieser Gegenöffentlichkeit. So musste man das machen.“

Jürgen Gottschlich, aus dem Vorwort von „Der Mann, der Günter Wallraff ist“

Günter Wallraff verkleidete sich, warf sich in immer neue Situationen, um einen Standpunkt außerhalb seiner selbst einnehmen zu können, um unsere Welt und auch uns, also auch sich selbst, mit den Augen der anderen sehen zu können. Er jagte sich selbst durch einen Teilchenbeschleuniger, traf auf Vorarbeiter, Abteilungsleiter, Kollegen und Kunden. Dabei zerstoben unsere Illusionen nicht nur über die Einrichtung der Welt, sondern auch darüber, wer wir selbst sind. Es war beängstigend, immer wieder zu erfahren, ein wie fragiles Gut die Würde des Menschen ist. Überall wird er gedemütigt, unterdrückt und ausgebeutet. Wir Linken glaubten, das zu wissen. Aber wie weit entfernt war dieses Wissen von der Erfahrung derjenigen, die nach einer 18-Stunden-Schicht, kaum zu Hause angekommen, noch vor dem Essen, auf dem Sofa zusammenbrechen und gegen den Schlaf ankämpfen, um wenigstens noch ein wenig Lebenszeit für sich zu haben.

Schon sehr früh kursierten Fotos von Wallraff in den Personalbüros zahlreicher Firmen. Er scheint das eher sportlich genommen zu haben. Ein Bart hier, eine Perücke dort, diese oder jene Haltung – schon war er ein anderer. Schon gab es eine neue „Sozialreportage“.

„Ganz unten“ war er schon oft: Die legendäre Karriere des Günter Wallraff

So nannte man seine Ergebnisse damals. Sie erschienen in „Twen“, „Pardon“ und „Konkret“, dann in Büchern. Er drehte Filme. Wallraff war fleißig. Er war eine Fabrik. Das Verfahren war in den Einzelheiten jedes Mal der besonderen Situation angepasst, im Grunde aber lief es darauf hinaus: Er stellte sich an die Tür zu einer dem breiten Publikum unbekannten Welt, passierte sie und berichtete, was dahinter geschah. Wir drückten uns Jahrzehnte lang an Wallraff vorbei, um hineinzuschauen bei Thyssen und Gerling, in Callcentern oder Logistikunternehmen.

Ich denke an Marina Abramovic. Sie stellte sich bei einer ihrer Performances in eine Tür. Wer vom einen in den anderen Raum ihrer Ausstellung wollte, musste an ihr vorbei. Sie war nackt.

Aus einem Holz: Wallraff & sein Schläger

Er kriegt sie alle. Man kann ihm die Bälle um die Ohren schmettern, mal kurz, mal lang spielen – Günter Wallraff kriegt sie alle, kontert jeden Schlag, zieht scheinbar mühelos das Tempo der Partie beständig an. Dazu dieses Geräusch, das sein uralter Schläger macht: Klick, klack, klick! Als würde mit einer Glasmurmel gespielt. Bis man sich daran gewöhnt hat, sind die ersten Sätze verloren. Und überhaupt, was für eine Krücke! Der Belag – oder: was davon übrig ist – erinnert an ein ausgetrocknetes Flussbett. Wer ihn einst, vor Jahrzehnten, hiergelassen hat, weiß er nicht mehr. Aber er weiß: Es kann für ihn nur einen Schläger geben! Fachleute würden sagen, dieser Schläger ist auf beiden Seiten für souveränes Defensivspiel ausgelegt.

Das trifft es gut, wie ich seit August 2020 weiß. Da standen wir uns erstmals an der Platte gegenüber, nach einem Gespräch für ein Porträt. Günter Wallraff fragte, ob ich Tischtennis spiele und noch Zeit hätte für eine Runde. Ein Stündchen, bevor ich zum Zug müsste? „Das reicht!“, sagte er fröhlich. Zwei Stunden später war ich so nassgeschwitzt wie schon Jahre nicht mehr.

Nun, ich schlug mich wacker, und wenn ich einen Punkt machte, jubelte Günter Wallraff, als hätte er den Punkt gemacht. Ein in seiner unmittelbaren Leidenschaftlichkeit ungemein sympathischer Zug, aber auch nicht ganz uneigennützig, denn: Saß mein Ball, hieß das für den gerade erst warm werdenden Wallraff, die Partie geht noch ein paar Runden! Wohlgemerkt: Wallraff war zu der Zeit nicht so gut zu Fuß, die Folgen eines Fahrradunfalls …

Nach nunmehr drei Partien weiß ich, was der Reporter und sein Schläger (klingt wie ein Krimi ...) gemeinsam haben: Sie sind souveräne (Selbst-)Verteidiger. Über Jahrzehnte hat Wallraff mit seinen Aktionen Nadelstiche gesetzt. Bis heute geht er in die Offensive, unter anderem mit seinem Einsatz für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Aber – ganz gleich, ob hinter der Platte oder vor Gericht: Mürbe macht er seine Gegner über die Defensive.

Seit Ende der Sechzigerjahre laufen immer irgendwelche Prozesse gegen Günter Wallraff, was er meist sportlich genommen hat. Mit einem Unterschied: Vor Gericht jubelt er nicht, wenn die Gegenseite punktet. Aber das kommt ohnehin noch seltener vor als an der Platte.

Eine Anekdote von Boris Halva

In den 70er Jahren sah man Wallraff oft als einen der gerade in Mode kommenden Berichterstatter aus der Arbeitswelt. Das ist nicht falsch, geht aber an Wallraffs Lust an der Metamorphose vorbei. Er war auch kein Verwandlungskünstler. Er zog sich ja nicht nur für ein paar Vorstellungen um. Er war über Monate ein anderer. „Zum Glück ist er kein Dichter“, schrieb Sozialphilosoph Oskar Negt über ihn. Das ist richtig. Aber der Ali von Wallraffs erfolgreichster Versuchsanordnung ist eine Kunstfigur, eine Erfindung. Wallraff gab sich, könnte man sagen, noch nicht einmal wirklich Mühe. Er lernte kein Türkisch; der damals knapp über vierzig Jahre alte Günter Wallraff spielte einen 26-jährigen Türken. Es gelang ihm, diesen ganz und gar erdichteten Türken, dieses Fake, so kunstvoll in die Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland einzufügen, dass deren Rassismus vielen von uns endlich einmal nicht nur sichtbar wurde, sondern auch beschämte. Ein Zerrspiegel, der die Lage zeigte, wie sie war, und – vierzig Jahre später muss man hinzufügen – noch ist.

Ein echtes Brett: Wallraffs Original.
Ein echtes Brett: Wallraffs Original. © dpa

Fünf Millionen Exemplare wurden allein in Deutschland von „Ganz unten“ verkauft. In der gerade in die Buchhandlungen gekommenen Neuauflage erklärt Publizistin Mely Kiyak in ihrem Nachwort, dass sie es wohl nicht mehr erleben werde, dass in einer deutschen Talkshow einmal ein wirklicher „Ali“ sitzen darf, „um ausführlich über seine Arbeitsbedingungen in der Fabrik, im Hochofen, in der Zeche oder der Gießerei zu berichten“.

So gesehen muss man sagen, dass Günter Wallraff zwar erfolgreicher Schriftsteller war, aber dennoch gescheitert ist. Es ging ihm schließlich nicht darum, schöne Texte zu schreiben. Er veränderte sich ja, um uns zu verändern. An uns aber scheiterte er.

Als er anfing, gab es die NPD, heute gibt es die AfD. Damals wurden Steine auf jüdischen Friedhöfen umgeworfen, heute werden Kippaträger im Zentrum Berlins zusammengeschlagen. Es gab Anschläge auf jüdische Gemeindehäuser und es gibt welche auf jüdische Synagogen. Wer damals „ausländisch“ aussah, musste damit rechnen, zusammengeschlagen zu werden. Heute noch immer.

„Wallraff war ein Raser, er fuhr immer das denkbar schärfste Tempo, nachts bretterte er bei Rotlichtampeln einfach durch. Aber jetzt war nicht nachts. Nach fünfzehn Kilometern sagte Wallraff, er habe übrigens, wie er gerade sehe, kaum mehr Sprit im Tank. Wir müssten es halt nur schaffen bis zur nächsten Tankstelle. Wir befanden uns auf Landstraßen im Bergischen Land. Einen Reservekanister (...) hatte er nicht dabei. Und ADAC-Mitglied war er nun nicht gerade. Ich hielt Ausschau. Nein, Tankstellen waren keine zu sehen.“

Harald Gröhler fuhr 1970 mit Wallraff nach Remscheid, um eine Unterkunft für türkische Arbeiter zu besuchen. Die  Geschichte erschien in „Dichter! Dichter!“

Der Politiker Wallraff ist gescheitert. An uns. Denn wir kauften zwar seine Bücher, aber wir taten es ihm nicht nach. Ich zum Beispiel fand vor mehr als fünfzig Jahren, das, was er tat, völlig richtig, außerdem schien es leicht zu machen, aber keine Sekunde lang versuchte ich, ähnliches zu tun. Ich war zu faul. Ich war zu sehr mit meiner Selbstfindung beschäftigt, um mich der Einsicht, in die Verhältnisse zuzuwenden. Vor allem aber fehlte mir dazu der Mut.

Journalist Günter Wallraff: Die FR gratuliert zum 80. Geburtstag

Wallraff aber ging, als in Athen das Militär geputscht hatte, in die griechische Hauptstadt und sorgte für weltweites Aufsehen, als er sich im Mai 1974 auf dem zentralen Platz der Stadt an einen Lichtmast ankettete und Flugblätter verteilte. Geheimpolizisten misshandelten ihn schon dort vor aller Augen. Im Gefängnis der Sicherheitskräfte wurde er gefoltert. Grafiker Klaus Staeck verwendete ein Foto der Aktion für ein Plakat mit dem Titel „Die Kunst der 70er Jahre findet nicht im Saale statt.“

Wieder einmal hatte Wallraff seinen Körper eingesetzt, um uns die Augen zu öffnen. Er stellte sich nicht der Gefahr. Er stellte sie her. Die Versuchsanordnungen, die er für sich schuf, schlossen immer wieder die Möglichkeit ein, ermordet zu werden. Man tut das nicht, weil man es für politisch notwendig hält. Man hält es für politisch notwendig, weil man die Todesnähe braucht. Wenigstens ab und zu, immer mal wieder. Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit und suchen Sie im Internet einen Bericht aus dem Jahre 1976. Wallraff zeigt, wie der portugiesische Expräsident Antonio Spinola bei seinen Putschplänen von Franz Josef Strauss unterstützt wurde.

„Es war nicht einer von uns, der das Leben unserer Väter beschrieb, auch keiner der Väter selbst, sondern Günter Wallraff. (...) Obwohl Wallraff selbst aus kleinen Verhältnissen kam, entsetzten ihn die erlebten Erniedrigungen derart, dass er sein Buch nicht unten, halbunten oder mittelunten nannte, sondern: Ganz unten. Wir wurden am niedrigsten Punkt verortet. Jemand hatte sich als ‚wir‘ verkleidet, unser Leben simuliert und mitgeteilt. Von uns hatte sich offenbar niemand gefunden, der es selbst hätte mitteilen können. Oder sollen, oder dürfen. Jahrzehnte vorher und Jahrzehnte später gab es keine Erzählung, die diese Perspektive ergänzte.“

Mely Kiyak in ihrem Buch „Frausein“

Günter Wallraff betont in jedem Interview, dass es nicht an jungen Leuten fehle, die es ihm nach täten und in Rollen schlüpften, um Reportagen zu machen. Ich glaube, wenn er das sagt, spielt er die Rolle eines elder statesman des Journalismus, der Wert darauf legt, sich nicht aufzuspielen.

Wir sollten ihm aber jetzt aufspielen, eine kleine Musik mit einem großen Dankeschön anstimmen. Wer Bücher von ihm zu Hause hat, sollte sich wenigstens hinsetzen und in ihnen lesen. Wer keine hat, der gehe ins Netz und hole sich dort kostenlos die „13 unerwünschten Reportagen“.

So erinnern wir uns, wie viele Räume uns der Künstler Günter Wallraff geöffnet hat, wie ganz anders unsere Welt aussähe, wenn wir ihn nicht nur gelesen hätten, sondern ihn auch ein wenig begleitet hätten. Arno Widmann

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