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Grüße reisen um die Welt

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Von: Andreas Sieler

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Hinter Türchen Nummer 23 steckt ein Tipp für alle, die gerne Post aus dem Briefkasten holen

Wer mag ihn nicht – diesen Moment der Freude, wenn man den Briefkasten öffnet und zwischen Rechnung und Werbeprospekt dieses Stück Papier entdeckt. Jemand hat mit Sorgfalt ein Motiv ausgewählt und sich Gedanken gemacht, um ein paar Zeilen aufs Papier zu bringen. Die gute altmodische Form, jemandem zu zeigen, dass man an sie oder ihn denkt. Leider ist die Adventszeit inzwischen die einzige Jahreszeit, in der ich noch persönliche Gruß- oder Postkarten erhalte, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Habe ich also die falschen Freundinnen und Freunde? Wohl kaum, es ist einfach aus der Mode gekommen. Ein „Frohes Fest“ oder ein „Frohes neues Jahr“ mit drei Smileys über Whatsapp geht schneller und lässt sich praktischerweise an 20 Adressen zeitgleich verschicken. Ich bin ja auch nicht besser – nur selten verschicke ich etwas zu Weihnachten, selbst aus dem Urlaub hat das gelungene Handyfoto mit Grußbotschaft (immerhin persönlich) längst die Postkarte abgelöst. Die Statistiken geben mir recht: Seit den 90er Jahren rückläufig, werden heute bundesweit weniger als ein Viertel der Menge an Postkarten verschickt, die in den 50er und 60er Jahren allein in Westdeutschland in die Briefkästen wanderten.

Wer sich – wie ich – als Fan der Postkarte versteht und sich ab und zu über eine Grußnachricht im Briefkasten freut und auch gerne welche versendet, hat noch eine andere Möglichkeit. Sie ist nicht neu, aber auch nicht übermäßig bekannt und nennt sich „Postcrossing“.

Der Reiz besteht darin, unbekannten Menschen eine Postkarte zu schicken – und von ebenso unbekannten Menschen welche zu erhalten. Nach langer Überlegung nehme ich seit kurzem auch endlich teil.

Der Portugiese Paulo Magalhães hat das Projekt 2005 als Student gegründet, heute gibt es 800 000 Teilnehmende in aller Welt, die sich gegenseitig Postkarten senden. Magalhães Ziel: Menschen weltweit durch Postkarten zu verbinden, unabhängig von Land, Alter, Geschlecht, Herkunft oder Weltanschauung.

Das Prinzip ist einfach und kostenlos: Man meldet sich unter www.postcrossing.com an und erhält anfangs zunächst bis zu fünf (später bei Bedarf auch mehr) Adressen anderer Teilnehmer:innen, denen man eine Postkarte schickt. Auch wenn die Adressat:innen in ihrem Profil Wünsche angeben können, worüber sie sich am meisten freuen, so steht es allen frei, alle möglichen Motive vom Landschaftsbild bis zur Kunstpostkarte zu verschicken, dasselbe gilt für die Grußbotschaft. Auf jeder Karte muss man zudem eine kurze ID-Nummer angeben, die einem auf der Homepage mit der jeweiligen Adresse mitgeteilt wird.

Erreicht die Postkarte ihr Ziel, gibt der oder die Empfänger:in diesen Code auf der Homepage ein, somit ist klar, dass die Postkarte angekommen ist. In diesem Moment wird die eigene Adresse einem oder einer anderen Postcrosser:in irgendwo in der Welt mitgeteilt und von dort macht sich eine Postkarte auf die Reise in den eigenen Briefkasten.

Meine ersten Karten habe ich vor kurzem auf den Weg gebracht: Künstlerische Motive aus meiner Heimat, dem Schwarzwald, mit ein paar Zeilen und Weihnachtsgrüßen versehen. Die Motive und den Text an die angegebenen Interessen der Empfänger:innen anzupassen, war kein Problem. Diese sind unter anderem eine Sammlerin alter Bildmotive in Neapel, eine Journalistin in Russland und ein Kirchen-Fan in New Orleans.

Russland und die USA zählen zu den Ländern mit den meisten Teilnehmer:innen, ebenso Taiwan und China. Menschen aus insgesamt 206 Ländern nehmen teil, aus Deutschland sind es etwas mehr als 50 000. Wer mit einer Person an einem längeren Austausch oder Briefwechsel interessiert ist, kann das angeben.

Künftig werde ich mich also nicht mehr nur in der Weihnachtszeit über Postkarten freuen, sondern im Idealfall mehrmals im Monat – und hoffentlich auch anderen Menschen diese Freude bereiten. Persönlich hoffe ich auf interessante Anekdoten, Inspirationen für Reiseziele oder einfach auf eine Überraschung. Fünf Karten sind bereits auf dem Weg zu mir. Und die Neugier ist geweckt: Von wem und aus welchem Winkel der Welt sie wohl kommen?

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