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Mehr Bäume, weniger Autos – die Avenue des Champs-Elysées soll in wenigen Jahren zur Vorzeigestraße der Stadt werden.
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Mehr Bäume, weniger Autos – die Avenue des Champs-Elysées soll in wenigen Jahren zur Vorzeigestraße der Stadt werden.

Umbau der Avenue des Champs-Elysées

Grünes Lifting für die Luxusmeile

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die Pariser Avenue des Champs-Elysées wird radikal umgebaut. Die linke Stadtregierung und ortsansässige Luxuskonzerne wollen gemeinsam den Verkehr auf der Prachtstraße entschleunigen.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo verfolgt seit ihrer Wahl im Jahr 2014 ein vorrangiges Ziel: Sie möchte den Autoverkehr soweit wie möglich aus der französichen Hauptstadt verbannen. Die Schnellstraßen entlang der Seine sind bereits aufgehoben, nun wird der historische Stadtkern um den Louvre zur Fußgängerzone, und im übrigen Stadtgebiet soll ab Ende August Tempo 30 gelten. Parkplätze werden zu Tausenden aufgehoben, ganze Boulevards werden verkehrsberuhigt.

Doch das sichtbarste Zeichen, dass Paris im wahrsten Wortsinn „grünt“, werden die Champs-Elysées: Hidalgo will sie binnen drei Jahren in einen „außerordentlichen Garten“ verwandeln. Eine erste Ankündigung in diese Richtung hatte die 62-jährige Sozialistin bereits im Februar 2019 gemacht, kurz vor dem Ausbruch der Pandemie.

Bis zum Beginn der olympischen Sommerspiele im Jahr 2024 in Paris sollte die Metamorphose der Champs-Elysées abgeschlossen sein. Allerdings kann dieser Fahrplan nicht eingehalten werden. Wie die Sprecherin des federführenden Architekturbüros PCA-Stream, Pauline Rieuf, gegenüber dieser Zeitung erklärte, dürfte bis 2024 erst der untere Teil der Avenue um den Place de la Concorde fertiggestellt sein.

Auf diesem größten Platz der französischen Hauptstadt, wo zu Zeiten der Revolution die Könige und Aristokraten mit der Guillotine hingerichtet wurden, eilt es: Dort werden urbane Olympiadisziplinen wie Skateboard, BMX oder Dreier-Basketball ausgetragen. Und ein Teil dieser Anlagen soll auch nach den Spielen noch Bestand haben.

Der Abschnitt der Champs-Elysées zwischen Concorde und dem Franklin D. Roosevelt-Platz verwandelt sich in einen Park mit 360 zusätzlichen Bäumen und 24 Hektar Grünfläche – dazu kommen Spielplätze und Sportstätten. Die Concorde, wo heute noch Autos in alle Richtungen vorbeipreschen ohne Zebrastreifen zu respektieren, wird eine „Insel des Friedens“, wie „Le Parisien“ wohl nur leicht übertreibend mutmaßt. Generell frohlockt das Lokalblatt mit einer gehörigen Prise Chauvinismus: „Die schönste Avenue der Welt wird nun auch die grünste.“

Heute noch, meint auch der leitende Architekt und Urbanist Philippe Chiambaretta, seien die schnurgeraden Champs-Elysées eine eigentliche „Autobahn“ für 72 000 Fahrzeuge am Tag. Bis 2024 schrumpfen die heute acht Fahrspuren der Avenue auf die Hälfte. Dafür sollen beidseits der Fahrbahn nicht nur breitere Trottoirs – Gehwege – entstehen, sondern „richtige Terrassen“, wie sie der Architekt aus Südfrankreich nennt.

In der Mitte der 70 Meter breiten Avenue soll zudem eine Flaniermeile entstehen. Und Hidalgo möchte dafür sorgen, dass sie ausreichend breit und geschützt sein wird, damit sich Flanierende zwischen den Autospuren nicht eingezwängt vorkommen. Heute sind die schnurgeraden Champs-Elysées eine viel befahrene Ost-West-Achse von Paris; an Samstagabenden führen dort Vorstadtjugendliche ihre Boliden aus und vor. In Zukunft soll dort Tempo 30, vielleicht sogar Tempo 20 wie in Fußgängerzonen gelten. Die Gemächliche Fortbewegung soll Trumpf sein.

Das gilt auch für den runden Platz des Triumphbogens am oberen Ende der zwei Kilometer langen Avenue. Vorbei die chronischen, aus Spielfilmen bekannten Chaosszenen mit hupenden, ineinander verkeilten Autos: Der Kreisverkehr um Napoleons Prestigemonument soll seinerseits auf höchstens zwei Spuren verengt werden. Der Asphalt wird – wie in einer Fußgängerzone – durch hell gemusterte Steinquader ersetzt. Im Sommer soll der Rundplatz als Sandstrand, im Winter als Eisbahn dienen.

Selbst in Paris ist wenig bekannt, dass die Idee für diesen tiefgreifenden Umbau der Champs-Elysées im Jahr 2018 gar nicht von der rotgrünen Stadtregierung ausging, sondern vom „Comité des Champs-Elysées“, dem Verband der Ladenbesitzer:innen und -mieter:innen. Sie wissen, dass die zahllosen Postkartenmotive der „schönsten Avenue“ trügen: Die Pariserinnen und Pariser gehen heute kaum auf den „Champs“ – wie sie sie nennen – spazieren oder einkaufen. Laut einer Marktstudie machen sie lediglich noch vier Prozent der täglich 100 000 Besucherinnen und Besucher der Avenue aus. Viele stören sich am Verkehrslärm, den hohen Preisen und dem Gedränge auf den Gehwegen sowie den Taschendieben.

Tagsüber dominieren reiche asiatische oder angelsächsische Touristeninnen und Touristen das Geschehen auf den Champs-Elysées und am Abend oder an Wochenenden trifft sich dort die mittellose Banlieue-Jugend vor den Schaufenstern mit den unerreichbar teuren Luxusgütern.

Das Ausbleiben der einheimischen Kundinnen und Kunden ist ein Grund zur Sorge für all die Nobelmarken, die vor allem auf der Sonnenseite der Avenue horrende Mietzinsen von rund 1500 Euro im Monat zahlen – pro Quadratmeter, wohlgemerkt. Über die Krisenzeit der Pandemie haben sie sich zwar recht gut gerettet. Laut einer Studie des Büros „Mytraffic“ verloren die Champs-Elysées wie auch der Kurfürstendamm in Berlin im Jahr 2020 „nur“ 40 Prozent Kundinnen und Kunden, während die Via del Corso in Rom, die Oxford Street in London oder die Gran Vía in Madrid katastrophalere Einbrüche verzeichneten. Auf der Pariser Luxusmeile laufen derzeit gewaltige Bauarbeiten für die Ankunft neuer Marken wie Dior, Lacoste oder Yves Saint-Laurent; Louis Vuitton, Chanel und das Fünfsternhotel Sofitel renovieren derweil ihre Gebäude.

Diese hohen Investitionen wollen wieder eingespielt werden. Das „Comité des Champs-Elysées“ peilt deshalb auch die betuchte Pariser Mittelklasse und die zahlungskräftigen Bourgeois-Bohème („Bobos“) an. Dazu muss ein neues, in jeder Hinsicht grüneres Dekor her. Mit ihrer Initiative erhielten die Ladeninhaberinnen und -inhaber rasch die Unterstützung der rotgrünen Stadtregierung, die immerhin 200 Millionen Euro an Baukosten beisteuert. Die Besucherinnen und Besucher der Pariser Olympiade dürfen sich dann selbst vergewissern, wie sehr Luxusgeschäft und Ökodenken auch Hand in Hand gehen können.

So soll es werden: Die „Terrassen“ sollen auch wieder mehr Einheimische anlocken.

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