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Blick von der Bastille auf Grenoble: Schon jetzt ist es in der Innenstadt fünf bis acht Grad wärmer als in den Randbezirken. Der Bürgermeister verbannte kurzerhand die Lastwagen aus der Stadt.

Grenoble

Der grüne Diktator

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Seine Kritiker beschimpften Eric Piolle als grünen Diktator ? inzwischen erkennen die meisten Menschen in Grenoble an, was Frankreichs erster grüner Bürgermeister erreicht hat.

Eine Seilbahn zum Wohlfühlen ist das. Dunkles Holz, helles Aluminium, Panoramafenster. Und sicher ist sie offenbar auch. Das Tragseil, steht auf einer Plakette zu lesen, würde selbst bei einer Belastung von 150 000 Tonnen nicht reißen. Und doch wird einem auf der Fahrt zu Grenobles Fort de la Bastille mulmig. Denn da rückt nicht nur die 264 Meter über der Stadt gelegene Festung näher. Beim Blick durchs Plexiglas-Fenster glaubt man auch zu erkennen, was beim Einsteigen noch graue Theorie schien: die über Grenoble heraufziehende Klimakatastrophe.

In einer vom Rathaus herausgegebenen Broschüre war von ihr die Rede gewesen. Grenoble sei eine Hitzeinsel, stand da. Die dichte Bebauung im Stadtzentrum wirke wie ein gigantischer Wärmespeicher. Es fehle an Verdunstungskühle spendendem Grün. Die Lage im Talkessel verhindere den Luftaustausch mit der Umgebung. Schon jetzt sei die Temperatur in der Innenstadt fünf bis acht Grad höher als am Stadtrand. Bis 2050 seien in Grenoble jährlich 43 Tage mit Temperaturen über 35 Grad zu erwarten, einhergehend mit gefährlich hohen Schadstoff- und Ozonkonzentrationen in der Luft.

Übertrieben hatte das geklungen. Das für einen Augusttag milde Wetter, der vom Paul-Mistral-Park herüberwehende Duft nach frisch gemähtem Gras signalisierten anderes. Aber nun nimmt das in der Broschüre geschilderte Kesselphänomen eben doch Konturen an.

Eric Piolle marschiert vorneweg

Rundum ragen Berge auf, gekrönt von kahlen Felswänden, an denen kein Baum, kein Strauch mehr Halt findet. Im Tal zeichnet sich unter flimmernd-heißer Luft ein Häusermeer ab. Ziegel- und Flachdächer schieben sich nahtlos ineinander. 160 000 Einwohner drängen sich darunter. Im Ranking der am dichtesten besiedelten Gemeinden Frankreichs liegt Grenoble auf Platz drei. Und als das Fort erreicht ist, flimmert die Luft dann nicht mehr nur. Der Blick bleibt in einer Dunstglocke hängen.

Aber da ist auch Hoffnung. Grenoble rebelliert. Die Stadt wehrt sich gegen die von Autos freigesetzten Schadstoffe: gegen Krebs erregenden Feinstaub, den Treibhauseffekt verstärkendes CO2, Augen und Atemwege reizendes Ozon. Eric Piolle marschiert vorneweg, Frankreichs erster grüner Großstadtbürgermeister.

Wenn es um Umweltschutz geht, kennt er kein Pardon. Als Pol Piolle schmähen ihn diejenigen, die sich dem Ökofeldzug des Stadtoberhaupts entgegenzustellen versuchten und auf der Strecke geblieben sind – eine Anspielung an die Terrorherrschaft des früheren kambodschanischen Diktators Pol Pot.

Der 45-Jährige selbst sieht sich als „optimistischen Kämpfer“. Der Ingenieur und frühere Manager des Computerherstellers Hewlett Packard, der 2014 wider alle Prognosen das Rathaus erobert hat, kämpft für ein grünes Grenoble. Piolle hat in der Stadt flächendeckend Tempo 30 eingeführt und Order gegeben, die Höchstgeschwindigkeit auf den verbleibenden Straßen an Tagen mit hoher Luftverschmutzung um 20 km/h zu reduzieren. Mit quer durch die Stadt verlaufenden Fahrradschnellstraßen, neuen Straßenbahnlinien und Fußgängerzonen hat er Fortbewegungsalternativen geschaffen, Autofahrern das Vorankommen aber zugleich noch mehr erschwert.

„Lust auf Umweltschutz will ich machen“

Auch hat der Umweltschützer Eric Piolle zum 1. Januar 2017 eine Vignettenpflicht eingeführt. Je nach Schadstoffausstoß bekommen Autos grüne, lila, gelbe, orangene, braune oder graue Aufkleber zugeteilt. Nutzfahrzeuge, die mit brauner oder grauer Vignette als Dreckschleudern ausgewiesen sind, dürfen im Stadtzentrum und angrenzenden Gebieten an Werktagen zwischen 6 und 19 Uhr nicht mehr verkehren. Betroffen sind vor dem 1. Oktober 1997 zugelassene Lieferwagen und vor dem 1. Oktober 2001 zugelassene Lastwagen. An Tagen mit hoher Luftverschmutzung trifft der Bannstrahl alle Autos mit braunen oder grauen Vignetten.

Anfang nächsten Jahres folgt der nächste Schritt: Rund um den verkehrsberuhigten Teil Grenobles soll dann Frankreichs größte Zone mit niedrigem Schadstoffausstoß (ZCR) entstehen. Neun Nachbargemeinden wollen sich den von Piolle erlassenen Verkehrsbeschränkungen anschließen. Diesel-Lastwagen, so modern diese auch sein mögen, ist die Zufahrt zur neuen ZCR verwehrt. Bis spätestens 2025 werden die meisten anderen Nutzfahrzeuge ebenfalls draußen bleiben müssen.

Anders als die üble Nachrede vom Pol Piolle und der Umfang des Verordneten nahelegen, setzt der Vater von vier Kindern freilich weniger auf Furcht vor Strafe als auf Freude an umweltgerechtem Verhalten. „Lust auf Umweltschutz will ich machen“, sagt er. Nur so, glaubt er, könnten sich dauerhaft neue Reflexe herausbilden – wie etwa jener, das Auto am Stadtrand auf einem der acht großen Parkplätze abzustellen. „Um 50 Prozent verbilligte Bahn- und Bustickets für Jugendliche, 320 Kilometer Radwege im Großraum Grenoble, 12 000 Fahrradstellplätze oder auch neue Straßenbahnlinien – da macht es doch Spaß, das Auto stehen zu lassen“, findet der Bürgermeister. Er selbst fährt mit dem Dienstfahrrad zur Arbeit. Über dem Vorderrad ist ein Einkaufskorb montiert. „Für die Akten“, sagt Piolle.

Und gibt es etwas Schöneres als Radfahren in Grenoble? Gegen eine Tagesmiete von drei Euro händigt eine Mitarbeiterin des Unternehmens Métrovélo am Bahnhof das Rad Nummer 8125 aus. Knallgelb ist es und erstaunlich leicht. Fast alles kann man mit ihm machen, ist Radfahrern in Grenoble doch fast alles erlaubt. Unbekümmert braust man gegen die dem Autoverkehr vorgeschriebene Fahrtrichtung durch Einbahnstraßen, erfreut sich an breiten, ehemals Autos vorbehaltenen Fahrspuren, die den Radlern nun ganz allein gehören. In von Radfahrern bereits eroberten Ländern wie Holland mag dies die Regel sein. Für Frankreich ist es eine Revolution.

Am Ufer der Isère angelangt, stößt man auf einen der von Piolle in Auftrag gegebenen öffentlichen Schrebergärten. Bürger können dort Blumen pflanzen oder Gemüse anbauen. Aus einem Holzbottich quillt Minze. Bohnenranken suchen Halt an einer Holzstange. Am Boden reift ein Kürbis. Bunte Flecken im Stadtbild sind die Gärten, die umso mehr die Blicke auf sich ziehen, als ihnen Werbetafeln und Leuchtreklame kaum Konkurrenz machen.

„Eine friedvolle Stadt“, hat Piolle den Bürgern versprochen. Plakative Aufforderungen zum Konsum, findet er, vertragen sich damit nicht. Das Stadtoberhaupt hat sie im öffentlichen Raum verboten. Wer alten Verhaltensreflexen verhaftet ist, läuft freilich Gefahr, die Straßenbahn zu verpassen. Anderswo heben sich Haltestellen durch aufdringliche, wenn nicht provokative Werbung aus dem Stadtbild heraus. In Grenoble hält die Tram vor leicht zu übersehenden Plexiglas-Scheiben und grauen Sitzbänken.

Auf Gegner des Wandels stößt man beim Radeln allerdings auch. Nordine Aouane zählt zu ihnen. Besitzer des Shakesbeer ist er, eines in der Altstadt gelegenen Pubs. Was Touristen als Idyll enger Gassen, schmiedeeiserner Laternen und roter, gelber oder brauner Fassaden wahrnehmen mögen, ist dem aus Algerien eingewanderten Aouane keines mehr. Der Mann mit braunen Augen, großer Brille und fast kahlem Kopf wirkt resigniert. Vom Autoverkehr abgeschnitten und ohne Parkplätze könne seine Kneipe wirtschaftlich nicht überleben, sagt Aouane.

Jérémie Granier hat noch nicht resigniert. Der Geschäftsführer der Brasserie Chavant ist wütend. Stammkunden des 1852 gegründeten Nobelrestaurants blieben zunehmend aus, erzählt er. Sie zögen Gaststätten vor, die mit dem Auto erreichbar seien, vor denen sie parken könnten. Der Umsatz sei um 20 Prozent eingebrochen. „Piolle ist unbelehrbar“, schimpft Granier. An der Spitze eines Bündnisses aus Grünen, Bürgerinitiativen und Linken, das im Gemeinderat 42 der 59 Abgeordneten stelle, nehme das Stadtoberhaupt Kritiker nicht mehr ernst. Grenoble laufe Gefahr, unter einem grünen Diktator wirtschaftlich auszubluten.

„Bei jedem Wandel gibt es auch Verlierer“, räumt Piolle ein. Im vergangenen Jahr schien es eine Zeitlang so, als sollten die Verlierer gemeinsame Sache machen. Der Bürgermeister sah sich gezwungen, bei Gemeinderatssitzungen Polizeischutz anzufordern. Vor dem Eingang des Rathauses marschierten Sondereinsatzkräfte auf. Doch der Widerstand ist abgeflaut.

Und sogar ehemals entrüstete Bürger haben die Seiten gewechselt. Anaëlle zählt zu ihnen. Die 24-jährige Schneiderin, die sich nach einem Jahr in der Kostümabteilung von Disneyland Paris in Grenoble mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, hatte den neuen Bürgermeister anfangs zum Teufel gewünscht. Dass ein an der nächsten Straßenecke liegendes Geschäft mit dem Auto nur über verschlungene Umwege oder gar nicht zu erreichen sein sollte, sei ihr idiotisch vorgekommen, erzählt die junge Frau. Doch irgendwann sei der Frust dann der Freude am Radfahren und billigen Busfahrten gewichen.

Nicht viel anders erging es dem Besitzer eines seit 50 Jahren in Grenoble ansässigen Stoffgeschäfts. Er habe Piolle erst verflucht, sich dann an ihn gewöhnt, schließlich seinen Frieden mit ihm gemacht, sagt der Mann. Eine grüne Stadt, hofft er nun, gewinne an Attraktivität, was sich irgendwann auch finanziell bezahlt machen werde.

Gut möglich, dass Piolle 2020 noch einmal antritt und wiedergewählt wird. Während andere Bürgermeister aus Frust über vom Zentralstaat gekürzte Zuwendungen in Scharen zurücktreten, versichert der Erneuerer Grenobles, er werde bleiben und weiterkämpfen. Was nicht heißt, dass nicht auch er finanziell schmerzlich an Grenzen stößt.

Aus Kostengründen hat er drei öffentliche Bibliotheken schließen lassen. Was ihm ganz und gar nicht leicht fiel, da er sich nicht nur grünen, sondern auch sozialen Idealen verpflichtet fühlt. Kinderkrippenplätze, die er schaffen wollte, stehen aus. Am eigenen Gehalt hat der Politiker ebenfalls den Rotstift angesetzt. Kaum gewählt, hat er das Salär des Bürgermeisters und der Gemeinderäte um 25 Prozent gekürzt. Aber am Umweltschutz sparen? So weit wird es Eric Piolle nicht kommen lassen.

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