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El Chapo: noch konnte die Unterwelt ihn nicht befreien.

El Chapo

Nur ein Arm der großen Krake

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US-Polizeikreise feiern den Schuldspruch gegen Drogenboss El Chapo. Zeugenaussagen zeigen, dass an seine Stelle längst andere getreten sind.

Von üblen Schwerverbrechern lesen oder hören die New Yorker fast täglich. Dass aber eigens die Brooklyn Bridge nach Manhattan für die Öffentlichkeit gesperrt wird, um einen Häftling vom Hochsicherheitstrakt zum Gericht zu transportieren, beeindruckt selbst hartgesottene Großstädter: 40 Profikiller sollen eigens darauf angesetzt worden sein, um den Kopf eines der größten mittelamerikanischen Drogenkartelle aus der US-Haft zu befreien: El Chapo. Bisher ist es der Unterwelt jedoch nicht gelungen, El Chapo alias Joaquín Guzmán aus den Fängen der amerikanischen Justiz herauszuhauen.

Ein Geschworenengericht sprach den Angeklagten am Dienstag in sämtlichen Anklagepunkten schuldig – sein Strafmaß lässt allerdings noch auf sich warten. Sehr wahrscheinlich ist mit einer lebenslangen Haftstrafe zu rechnen, da die mexikanische Regierung bei der Auslieferung darauf bestand, dass gegen Guzmán nicht die Todesstrafe verhängt wird.

Diese Bedingung ist bei der Überstellung von Häftlingen in die USA nicht unüblich, wurde in einigen Medien aber als eine Art letzter Dienst an Guzmán beschrieben, der in engem Kontakt zur mexikanischen Polizei und Regierung gestanden haben soll.

Tatsächlich werfen die Ermittlungen und das Gerichtsverfahren in New York nicht nur ein Licht in die düstere Welt der mittelamerikanischen Drogenbanden, sondern liefern auch unzählige Hinweise auf enge Verflechtungen zwischen Mafia und Behörden.

Joaquín Guzmáns Frau im Gerichtssaal: Der Prozess fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt.

So spricht Alex Cifuentes, einer der Hauptzeugen in dem spektakulären Prozess, von Schmiergeldzahlungen in Höhe von 100 Millionen Dollar an Mexikos ehemaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto. Wie diese Aussagen zu bewerten sind, ist schwer einzuschätzen, zumal Cifuentes selbst einem Drogenclan entspringt und seit Jahren inhaftiert ist. Seine Aussagen über die Bestechung hochrangiger Politiker, Polizisten und Behördenchefs decken sich jedoch mit den Angaben anderer Zeugen.

Sie alle zeichnen ein bedrückendes Bild: Demnach sei das massenhafte Verschieben von Kokain, Heroin und Methamphetamin über mehrere Staatsgrenzen hinweg bis in die USA kaum ohne Mithilfe der Behörden machbar.

El Chapo war zwar durchaus bekannt für legendäre Aktionen wie das Anlegen eines weit verzweigten Tunnelsystems in die Vereinigten Staaten – dass er aber stets frühzeitig über großangelegte Razzien informiert war, verdutzte die Ermittler.

Im Visier der US-Polizei befand sich der Gangster schon seit Jahren. Als jedoch sechs amerikanische Fahnder in Mexiko getötet wurden, wurde El Chapo in Polizeikreisen – inoffiziell – zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Wie es in Washington heißt, arbeiteten die Bundespolizei und die Militärgeheimdienste Hand in Hand, um den 61-Jährigen zu fassen.

Dass die Verteidigung trotz all der Beweise und Hinweise auf zahlreiche Morde einen Freispruch forderte, hat einen bemerkenswerten Hintergrund: Guzmán mag eine führende Rolle in dem sogenannten Sinaloa-Kartell gespielt haben, es dürften jedoch längst andere einflussreiche Leute am Werk sein. Guzmáns Verteidiger Jeffrey Lichtmann vertritt die These, dass Mexikos früherer Präsident Peña Nieto und dessen Vorgänger Felipe Calderón nicht von seinem Mandanten, sondern von dessen „Partner“ Ismael „El Mayo“ Zambada bezahlt worden seien. Der Anwalt beruft sich unter anderem auf Aussagen von Zambadas Bruder, der seit Jahren in den Vereinigten Staaten inhaftiert ist.

Die detaillierten Schilderungen lassen das Gericht nicht unbeeindruckt: Um Vergeltungsmaßnahmen des Kartells zu verhindern, werden die Namen der zwölf Geschworenen, die über El Chapo zu urteilen haben, geheim gehalten. Sie dürften das Schicksal des Richters, der für die Haftüberstellung des Anklagten mitverantwortlich war, vor Augen haben: Der Jurist wurde auf offener Straße beim Joggen in Mexiko-Stadt erschossen.

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