+
Eine Pyramide mit einem Auge drin? Da war doch was …  

Krude Denkmodelle

Verschwörungstheorien rund um das Coronavirus

  • schließen

Corona ist ein Werk der Pharmaindustrie. Corona ist die Strafe für Sünden. Weil Menschen in diesen Zeiten nach Mustern suchen, sind absurde Theorien gefragt. 

Kein Zweifel: Corona wurde von achtarmigen Zwischenwesen in außerirdischen Giftlaboren hinter der Venus herangezüchtet, um die menschliche Spezies erst zu verwirren, dann die Schwächeren auszusortieren und den gesunden Rest per Hypnose zu willenlosen intergalaktischen Arbeitssklaven umzuprogrammieren. Klar so weit?

Absurd. Gewiss. Aber auch nicht viel absurder als vieles, was derzeit an Theorien zum Ursprung der Coronaseuche durch das Netz geistert. Corona ist das Werk der Pharmaindustrie. Corona ist die göttliche Strafe für die menschliche Sünde. Corona ist die Folge von zu vielen 5G-Handymasten. Für die Ursache der Pandemie gilt, was auch im normalen Alltag zur Erhaltung der seelischen Gesundheit angeraten ist: Es ist gefährlich, über alles nachzudenken, was einem gerade einfällt.

Das Coronavirus beflügelt auch den menschlichen Wahnsinn

Die gute Nachricht: Das Virus beflügelt die menschliche Vorstellungskraft, es sind goldene Zeiten für Fantasten und Fabulierer. Die schlechte Nachricht: Das Virus beflügelt auch den menschlichen Wahnsinn, es sind goldene Zeiten für Angstmacher und esoterische Spinner.

Der bayerische Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann hat im evangelischen Magazin „Sonntagsblatt“ eine Reihe von aktuell populärem Unfug über Corona zusammengetragen. Ein Auszug aus der Liste der Absurditäten:

- Corona wurde von gierigen Pharmakonzernen vorsätzlich in Umlauf gebracht, um mit längst entwickelten und patentierten Impfstoffen Milliarden zu verdienen – eine populäre Theorie zu praktisch jeder Seuche der jüngeren Historie.

Ein Zahlencode soll gegen das Coronavirus helfen

- Das britische Pirbright-Institut, eine führende Forschungseinrichtung für Viren, hält Patente am Coronavirus und wird unter anderem von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt. Bill Gates trägt also die Schuld. Nun ja.

- Der „Geistheiler“ und Nebenerwerbsesoteriker Ali Erhan, ein zum spirituellen Wesen umgeschulter Maschinenbauer, verbreitet die These, die Menschen in der chinesischen Stadt Wuhan seien nicht dem Coronavirus, sondern der Mikrowellenstrahlung von 30 000 5G-Funkmasten zum Opfer gefallen. 5G sei die Wurzel des Bösen, glaubt Erhan: „Wird uns die Geschichte mit dem Coronavirus als Ablenkung und Vertuschung aufgetischt? Um eventuell die 5G-Industrie und ihre Milliarden an Investitionen weltweit zu schützen?“

- Der frühere evangelische Pfarrer und jetzige Anhänger der umstrittenen fränkischen Neureligion Universelles Leben, Dieter Potzel, glaubt im Falle von Corona laut Pöhlmann an einen Zusammenhang zwischen den Bemühungen der hiesigen Schweinezüchterlobby und dem Staat, der Kirche und den Medien in Deutschland.

Geheimnisvolle Mächte beim Coronavirus am Werk

Probater Schutz gegen Viren – oder klarer Fall von Paranoia? Wobei - was ist heute schon „klar“? 

- Als geistige Rettungsformel vor Corona verbreitet sich derzeit der esoterische Zahlencode „537354“ im Netz. „Wir haben diese ‚Zauberformel‘ von Wesen aus der unsichtbaren Welt bekommen“, heißt es dazu. „Bitte druckt diese Formel für euch selbst aus und hängt es auf, so kann es überallhin strahlen und wirken. Schreibt die Zahlen 537354 überallhin, besonders in öffentlichen Bereichen, wo viele Menschen sind (Schulen, Kindergärten, Kaufhäuser, Bahnhöfe, Flughäfen, Kinos (…).“ Urheber ist laut Pöhlmann offenbar eine österreichische Geistheilerin, die mit „energetischen Frequenzen“ heilende „Schwingungen“ erzeugen will.

Halten wir kurz inne. Für keine einzige dieser Theorien gibt es Beweise. Dennoch finden derlei krude Denkmodelle massenhaft Verbreitung, auch außerhalb esoterischer Digitalblasen. Bis weit in den Mainstream hinein reicht der Glaube, dass für Covid-19 nicht einfach ein zufällig mutiertes Virus verantwortlich sein kann, das nur deshalb so „erfolgreich“ ist, weil es weder Impfstoff noch eine massenhafte Grundimmunisierung der Bevölkerung gibt. Stattdessen blüht die Überzeugung, dass geheimnisvolle Mächte, einem großen Weltenplan folgend, im Hintergrund die Zügel in der Hand halten müssen. Fast alle Verschwörungstheorien haben eines gemeinsam: den Verdacht, dass hinter allem, was geschieht, die Interessen mächtiger geheimer Zirkel stecken.

Corona: Das Gehirn ist mit banalen Zufällen überfordert

Warum ist das so? Warum gehen mit Corona massenhaft Verschwörungstheorien einher? Weil das menschliche Gehirn stetig nach Vertrautem sucht. Nach Mustern. Nach Gründen. Es ist mit Zufällen überfordert. Es tut sich schwer damit, banale Ursachen für gewaltige Folgen zu akzeptieren.

Auf dem Laufenden bleiben:

Die neuesten Entwicklungen zur Corona-Pandemie und anderen wichtigen Themen einmal täglich direkt aus der FR-Redaktion per Mail – kostenlos.

Jetzt hier den Newsletter abonnieren.

Beispiel: Ein Einzeltäter soll John F. Kennedy erschossen haben? Ein ganz normaler Ex-Militär und Freizeitkommunist namens Lee Harvey Oswald soll den Präsidenten der USA und mächtigsten Mann der Welt erschossen haben, mit weit reichenden Konsequenzen für die Weltpolitik? Das kann nicht sein. Die Fallhöhe zwischen Ursache und Wirkung ist zu hoch. Erklärung abgelehnt. Also blühen die Spekulationen. CIA. Mossad. Die Kubaner. Rechtsextreme. Die Mafia. Bloß nicht: ein einzelner Spinner.

Die Lust an der pandemischen Erregung

Im Falle von Corona wiederholt sich das Muster. In Krisenzeiten haben Verschwörungstheoretiker, Untergangspropheten und mit vermeintlichem „Überwissen“ ausgestattete Weltentschlüssler immer Konjunktur. Es ist nicht nur die Lust an der pandemischen Erregung, die viele Menschen derzeit dazu bewegt, an das Absurde zu glauben. Es ist das gute Gefühl, einem vermeintlich besser und tiefer informierten Zirkel anzugehören. Und es ist schlicht seelische Not. Das Gehirn sucht verzweifelt nach Bekanntem – und weidet sich gleichzeitig in lustvollem Gruselkitzel am dräuenden Neuen.

„Für einen Organismus muss die Welt voraussagbar sein“, schreibt der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt, „sonst kann er nicht in ihr leben.“ Corona aber ist eben nicht vorhersagbar. Mehr noch: Diese Pandemie ist quasi der Phänotyp des Nichtvorhersagbaren. Sinnesorgane, Gehirn und Nervensystem sind aber evolutionär geradezu darauf angelegt, Vertrautes zu erkennen, um neue Informationen besser in bereits vorhandenes Wissen einordnen zu können. Deshalb erkennt das Gehirn oft vermeintliche menschliche Gesichter in Gegenständen: Weil es gern will. Weil es das Vertraute braucht. Und weil das menschliche Gesicht eines der am tiefsten eingeprägten Schemata überhaupt ist. Punkt, Punkt, Komma, Strich.

Fledermaussuppe als Ursache von Corona? Das kann doch nicht alles sein

Und so wird aus einem Bierfleck in Andechs das vermeintliche Gesicht von Papst Benedikt XVI. So wird aus dem Rest einer Möbelpolitur in Irland das Antlitz Christi. So wird aus einer zufällig schillernden Glasfassade an einem Gebäude in Florida das weithin bestaunte Gesicht der Mutter Maria. So erscheint auf dem Boden einer Bratpfanne im britischen Lancaster der Lockenkopf des Gottessohnes als vermeintliches Zeichen aus Fett und Bratresten.

Was für Gesichter gilt, gilt auch für Vorgänge. Eine gewaltige Entwicklung wie Corona muss eine gewaltige Ursache haben. Die Theorie von der Fledermaussuppe scheint vielen zu banal, um eine Seuche dieses Ausmaßes zu erklären. Dieses Unwissen weckt eine enorme Nachfrage nach gesicherten Informationen – und lässt gleichzeitig genügend Raum für ihr genaues Gegenteil: Abstrusitäten, Gedankenspiele, Verschwörungswahn.

Genau deshalb finden Coronagerüchte so rasend schnell Verbreitung. Der weit verbreitete, gefälschte „Focus“-Artikel über angebliche Absprachen der großen Supermarktketten über verkürzte Öffnungszeiten oder die angebliche Whatsapp-Sprachnachricht einer „Mitarbeiterin der Universitätsklinik Wien“ mit der Warnung vor Ibuprofen in Coronazeiten sind quasi die Klingelstreiche des Digitalzeitalters. Der kleine Kick für zwischendurch. Die Urheber verfolgen nicht immer finanzielle Ziele durch massenhafte Klicks. Manchmal lehnen sie sich auch einfach zurück und betrachten feixend, wie ihre Fälschung sich rasend schnell durchs Netz frisst.

Coronakrise: Ein Alternativangebot für die Wirklichkeit

So entsteht ein paralleles Prinzip der Weltdeutung, quasi ein Alternativangebot für die Wirklichkeit, das eine enorme Anziehungskraft hat. Denn solche Gedanken wirken massiv entlastend. Sie sprechen ihre Anhänger quasi davon frei, sich an der Gestaltung der Welt und der demokratischen Organisation der Gesellschaft zu beteiligen. „Warum denn? Wir sind ja doch ohnmächtig. Und Wahlen sind nur eine Inszenierung.“

Verschwörungstheorien sind Fluchtorte des Geistes. Schutzräume für die Zumutungen der Welt. Denn die Wahrheit ist nicht nur profan, sie ist beängstigend: Es gibt keine Muster. Es gibt keinen Plan. Keine geheime Instanz, die Natur und Menschheit höheren Zielen folgend lenkt. Wir selbst sind es, die für viele der Katastrophen auf diesem Planeten verantwortlich sind.

Ob das auch für Corona gilt, ist unklar. Aber das ist eben eine der Prüfungen, die die Seuche mit sich bringt: Wir müssen lernen, Unklarheiten auszuhalten.

Von Imre Grimm 

Wege des Coronavirus könnte Deutschland bald eine Ausgangssperre verhängen. Wird es Ausnahmen geben? Was, wenn man dagegen verstößt? Alles, was wichtig ist.

Eine paradoxe Auswirkung des Coronavirus: In der Schweiz schwächelt das Internet, weil offenbar zu viele Menschen wegen des Coronavirus zu Hause sitzen und Netflix schauen oder Playstation spielen. Droht der Netflix-Stopp? Und wie sieht es mit dem Internet in Deutschland aus?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare