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Der größte Schatz Albaniens ist seine in weiten Teilen ursprüngliche Natur. 

Albanien

Große Hoffnung, kleines Land

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Albanien will unbedingt in die EU – aber seit der Ablehnung der Beitrittsgespräche am Wochenende wird daraus erst mal nichts. Streiflichter einer Reise.

Nur zwei Stunden Flug sind es von Frankfurt nach Albanien. In dieses kleine, bergige Land in Europa zwischen Montenegro und Griechenland, keine 80 Kilometer entfernt von der italienischen Adriaküste. Aber kaum in Tirana angekommen, fühlen wir, die deutschen Besucher, uns hineingeworfen in eine ganz andere Welt. Die Hauptstadt ist nicht zu fassen vor lauter Betriebsamkeit. Und Widersprüchen.

Am Skanderberg-Platz in Tirana wurde einst marschiert, heute wird flaniert.

Auf der einen Seite ist Tirana eine boomende Metropole. Baukräne schwenken über halbfertige Hochhäuser, Glaspaläste mit Büros, Hotels, Restaurants, Einkaufszentren. Autos mit dem Stern auf der Kühlerhaube stehen im Stau hinter anderswo längst ausrangierten Bussen. Auf dem schick mit Bäumen angelegten Boulevard Zogu i Parë scheint ein Laden nach dem anderen zu öffnen oder in einen eben geschlossenen einzuziehen. Da packt der junge Besitzer eines Handyladens seine letzten Pakete aus, in der schicken Boutique nebenan werden Schaufenster mit hippen Klamotten internationaler Modelabels dekoriert. Ein paar Schritte weiter, auf dem zentralen Skanderberg-Platz, unter Diktator Hoxhas Regime Aufmärschen gewidmet, glänzt restauriert das gigantische Mosaik am Nationalmuseum aus kommunistischer Zeit, flanieren Einheimische und Touristen vorbei an der schönen alten, noch eingerüsteten, Moschee, an Blumenbeeten und Bäumen, herangekarrt aus dem ganzen Land, an Amtsgebäuden in sanierten Palazzos, von den italienischen Besatzern in den 1920er Jahren errichtet.

Und dann ist da die andere Seite, nur wenige Gehminuten entfernt. Enge Gassen, heruntergekommene Wohnblocks, Plattenbauten, eine Unzahl zimmergroßer, provisorisch aufgemachter Lädchen, vollgestopft bis unter die Decke. Hier wird einfach alles verkauft: Fisch, Altkleider, gebrauchtes Fahrradzubehör, Radkappen, Waschmaschinen, Plastikstühle, halb vertrocknete Beeren. Davor, auf dem Gehweg, fliegende Händler. Eine ärmlich gekleidete Bäuerin mit drei Kopfsalaten im Angebot. Ein junger Mann, der für ein paar Münzen Feuerzeuge befüllt. Daneben ein Alter, der Schirme repariert.

Hofft auf die Jugend: Wirt Fatmir.

„Hier ist natürlich immer noch längst nicht alles Gold, was glänzt“, sagt Leke Tasi, den wir später im Restaurant unseres Hotels treffen. „Man darf nicht vergessen, wir sind ein halbes Jahrhundert zurückversetzt worden durch die kommunistische Gewaltherrschaft, die ein ganzes Volk versklavte.“ Mit bewegenden Worten berichtet der 90-jährige Künstler, wie seine Schwester und sein Onkel von der Geheimpolizei des Hoxha-Regime verhaftet wurden, wie der Vater im Gefängnis starb und der Rest seiner Familie als Angehörige von Volksfeinden in die Einöde verbannt wurde. Schrecklich war das, aber sie haben überlebt. Und er ist froh, viele Aufzeichnungen von damals gerettet zu haben, die heute jeder als Buch lesen kann. „Es fehlt das Interesse, das alles aufzuarbeiten. Aber Aufklärung ist wichtig, besonders für junge Leute“, sagt Tasi. Er macht keinen Hehl daraus, dass die alte Elite immer noch ihre Netzwerke hat, die Korruption trotz Reformen nicht vom Tisch ist und Arbeitslosigkeit seine Landsleute auf die Straße bringt.

Trotzdem ist er zuversichtlich, was die Zukunft angeht. „Für diese lange und totale Isolation ist der Wandel schon sehr bemerkenswert. Es geht halt nicht alles auf einmal. Demokratie muss man lernen,“ sagt der alte weise Mann. Und er ist sicher: „Die Zeit ist reif, Albanien in die EU zu führen.“ Für ihn ist das auch eine Chance, dass sich die regierenden Sozialisten und die demokratische Opposition wirklich zusammenraufen, anstatt wie bisher destruktiv auf Konfrontation zu gehen.

Diese Hoffnung teilen alle Albaner, mit denen wir reden. Doch wir hören mindestens genauso viel Frust heraus während der Reise, die uns nicht, wie die meisten Touristen, an die Strände des Südens oder in die Alpen im Norden führt. Sondern mitten hinein in sein Herz, im größeren Umkreis von Tirana. Dort verfestigt sich der Eindruck der harten Gegensätze. Berat, die „Stadt der 1000 Fenster“, überrascht mit einer zauberhaften Altstadt aus osmanischen Zeiten, deren Häuser sich wie übereinandergestapelt die Hänge über einem Flussbett hinaufziehen. Ein Welterbe, sorgfältigst gehegt.

Mit vielen anderen Touristen und hunderten albanischen Schülern flanieren wir durch die gepflasterten Gassen, sprechen mit geschäftigen Caféhausbesitzern und Outdoor-Touranbietern, die alle stolz auf ihre Stadt sind, in der so vieles möglich sei. Aber kaum raus aus diesem Aushängeschild, sind wir fernab aller Touristenpfade – und auch vom Aufschwung ist außerhalb der Städte nicht mehr viel zu spüren. Etwa im Dorf Shelcan, wo auf einem Hügel ein unscheinbares orthodoxes Kirchlein steht. Freundlich bittet der Pater herein und erklärt seinen Gästen mit Hingabe die wunderbar erhaltenen, 500 Jahre alten Fresken, gemalt von Onufri, dem berühmtesten Ikonenkünstler Osteuropas.

Hüter der Fresken: Pater in Shelcan.

Der Schock folgt in Kucova, ehemals Stalin-Stadt und bedeutender Industriestandort. Jetzt wirkt der Ort unwirtlich geisterhaft mit leeren, halb verfallenen Fabrikhallen. Ein paar übriggebliebene Ölförderpumpen heben und senken sich ächzend, umgeben von schwarzen Lachen. Wenige Kilometer weiter blühen Landschaften, ein wunderbarer See, um den sich Häuser mit Gärten gruppieren. Vor einem halten wir an, ein älteres Ehepaar beackert dort den Boden. Sie stellen sich als Ali und Flora Tafani vor, und sofort kommen wir – der albanisch sprechenden Reiseleiterin sei Dank – ins Gespräch. Sie wohnen schon immer hier und können sich nicht vorstellen, nach Tirana oder in die Hafenstadt Durrës zu ziehen, wo mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt. Zu laut, zu hektisch, zu voll. Aber zufrieden sind sie nicht. „Uns wird so viel versprochen, nur kommt so wenig dabei heraus, egal, wer an der Regierung ist. Im Gegenteil: Alles wird durch die Reformen teurer“, sagen die beiden. Ihr Haus ist ein Rohbau, zu mehr reicht das Geld nicht. Und doch laden sie uns ein, füllen Raki in Wassergläser, stellen türkischen Kaffee daneben auf den Plastiktisch. Drumherum wächst Gemüse, hier scharren Hühner, dort schnattern Gänse. Das Ehepaar hatte Glück mit dem Grundstück, denn in der Gegend gebe es immer noch große Probleme mit der Landverteilung und den Besitzverhältnissen, erzählen sie. Jahrzehnte haben sie Tabak angebaut. Immer sei alles gut gegangen. Doch im letzten Jahr habe das Unternehmen, das ihre Ernte abkaufte, Konkurs angemeldet. Und dann einfach unter anderem Namen weitergemacht. „Aber wir: einen Jahresverdienst verloren“, sagt die Bäuerin und zuckt mit den Schultern. Nun versuchten sie es halt mit Heilkräutern und Blumen und hoffen auf Zuwendungen von Sohn und Tochter, die nach Griechenland und Italien gezogen sind, wie so viele hier.

Keinem einzigen Auto und keinem einzigen Menschen begegnen wir, als wir auf Schotterpisten hineinruckeln in die herrliche, ungezügelte Landschaft des Nationalparks Shebenik-Jablanica an der Grenze zu Mazedonien. Um uns herum: Wilde, gezackte Berge, Wasserfälle, die sich steile Felswände hinabstürzen, in 1200 bis 2600 Metern Höhe. Ein paar steinerne Weiler ducken sich in Hänge, die meisten verlassen. Quartier nehmen wir im vergleichsweise belebten 30-Familien-Dorf Fushë Studën, wo mit Hilfe italienischer Entwicklungshelfer ein kleines Park-Infozentrum und ein einfaches Gästehaus entstanden, mit Gemeinschaftsbad und Stockbetten in den Zimmern. Der Luxus ist hier die Natur. Deren größter Schatz sind uralte, fast unangetastet Buchenwälder, durch die Balkanluchse schleichen, die letzten ihrer Art.

Spuren hat er schon gesehen, sagt Laurenc Tupi, der sie durch das Hochtal in der Nähe des Dorfes führt. Tausende wilder Stiefmütterchen blühen auf den Wiesen. Überirdisch jadegrün schimmert der Gletschersee. Wie heißen diese zarten weißen, vorher nie gesehenen Blumen hier? „Das ist die Sommerblume, weil sie dann blüht, wenn der letzte Schnee geschmolzen ist“, sagt Laurenc. Er ist Hilfsranger und der Sohn des einzigen Wirtes im Ort. Ihm sei es ganz recht, wie es ist, sagt der 31-Jährige, und wirkt dabei äußerst gelassen. Er habe alles, was er brauche, auch wenn noch keine Frau in Sicht sei. Inzwischen regnet es wie aus Kübeln, also schnell zurück in Vater Fatmirs Kneipe, Kleider trocknen, etwas essen. Über offenem Feuer grillt Fatmir Brot, tischt Mixed Pickles, Ziegenfleisch, und Blätterteigtaschen auf, gefüllt mit Lamm, Eiern und Spinat. Alles gekocht von seiner Frau und – wie der Wein – aus eigener Produktion.

Viele Albaner glauben, dass der Tourismus dem Land eine Zukunft geben kann.

Männer aus dem Dorf sitzen an drei Tischen in der anderen Ecke, rauchen, trinken Raki, starren in den Fernseher, wo irgendein Musikvideo läuft, schweigen. Fatmir findet das furchtbar. „Hier ist nichts mehr los. Uns hat man vergessen“, sagt er und erzählt von Zeiten, in denen es in den Dörfern der Gegend noch Läden, Bars, eine Schule, ein Krankenhaus gab. Von einst 5000 Einwohnern seien 500 übrig geblieben. Der Tourismus könne sicher helfen. Aber was nütze die Ernennung zum Nationalpark, wenn die Regierung kaum Geld hineinsteckt und die Bewohner nur unzureichend in Gästebetreuung geschult werden. „Wir brauchen mehr Unterstützung und mehr junge Leute, die zurückkommen in ihr Land und was draus machen“.

Flori Uka ist zurückgekehrt. Er studierte Weinbau in Italien und sieht aus, wie ein Jungunternehmer auszusehen hat: legeres Leinen-Jackett, drei-Tage-Bart, elegante Lederschuhe. Er ist beseelt von seiner Idee, Wein zu machen, wie es sonst keinen auf der Welt gibt: aus der wilden Ceruja, „die sogar die Reblaus überlebte“. Wie er diese weiße, auf Bäumen wachsende Wundertraube anpreist: Perfektes Marketing. Und doch spürt man, er will auch Verantwortung für sein Land übernehmen. 200 Familien in den ärmsten Regionen ernten mittlerweile für ihn. Und andere Winzer ließen sich anstecken. Sie könnten doch auch zum Imagewandel des Landes beitragen, sagt der Mittdreißiger: Dass es durch Wein aus uralten Rebsorten und gutem Essen von sich reden macht – noch dazu rein bio.

So wie die ganze Uka-Farm in einem kleinen Ort nördlich von Tirana Vorbild sein will, Gemüse und Obst organisch anzubauen. Sein Vater Rexhep, Uniprofessor, Insektenforscher und nach der Wende auch mal Landwirtschaftsminister, hat sie vor 20 Jahren gegründet. Jeder kann die idyllisch mit Baumalleen und Gemüsebeeten angelegte Farm besuchen, sich erklären lassen, wie Insekten Schädlinge bekämpfen, wie man ohne Chemie düngt, – und dann im modern-rustikal gestalteten Restaurant all ihre Produkte verspeisen. „Nicht in alten Zeiten verharren, sondern vorangehen und anpacken.

So können wir es schaffen“, sagt Flori Uka. Und lacht sich kaputt, als er mit seinen schönen Schuhen in einen Kuhfladen tritt.

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