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Die Friedhöfe in Großstädten – hier in Athen – sind relativ voll.

Griechenland

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Wenn Griechen eine Feuerbestattung wünschen, müssen sie dafür ins benachbarte Bulgarien. Der Bau eines eigenen Krematoriums ist nun genehmigt, doch der Klerus stellt sich quer.

Andreas Tsakos weiß, wohin ihn seine letzte Reise führen wird: nach Sofia im benachbarten Bulgarien. Wenn es so weit ist, will der 74-jährige Grieche dort seinen Leichnam einäschern lassen. Denn in seiner Heimat gibt es bisher keine Möglichkeit einer Feuerbestattung.

Seit Jahrzehnten kämpfen griechische Kommunalpolitiker für den Bau von Krematorien. Jetzt haben sie eine wichtige Hürde genommen. Diese Woche unterzeichnete Umweltminister Giorgos Stathakis eine Genehmigung für den Bau des ersten griechischen Krematoriums im Athener Stadtteil Eleonas, einem Gewerbegebiet. Dass es tatsächlich errichtet wird, ist aber damit nicht gesagt. Denn die mächtige orthodoxe Kirche stellt sich quer. Auch Anwohner versuchen, das Projekt zu stoppen.

Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis ist dennoch zuversichtlich. Die Ministererlaubnis sei „ein sehr wichtiger Schritt, die Grundrechte unserer Bürger zu achten“. Zu denen gehört nach Kaminis’ Empfinden auch das Recht, frei über die Art der Bestattung zu entscheiden.

Dass sich viele Kommunalpolitiker für Krematorien starkmachen, hat aber auch praktische Gründe. Vor allem in den Großstädten sind die meisten Friedhöfe voll belegt – obwohl es in Griechenland üblich ist, die Bestatteten nach einigen Jahren wieder auszubuddeln und ihre Knochen platzsparend in ein Gebeinhaus zu überführen.

Pläne für Krematorien in Patras und Thessaloniki

Pläne für den Bau von Krematorien gibt es auch in der Hafenstadt Patras und im nordgriechischen Thessaloniki. Aber sie kommen wegen immer neuer Einsprüche bei den Verwaltungsgerichten seit Jahren nicht vom Fleck. Thessalonikis Bürgermeister Giannis Boutaris kämpft besonders engagiert für ein Krematorium. Als seine Frau vor einigen Jahren verstarb, begleitete er ihren Sarg nach Sofia, wo die Leiche eingeäschert wurde, und kehrte mit der Urne zurück. Etwa 3000 verstorbene Griechen treten pro Jahr diese letzte Reise an. Der griechische Dienstleister True Memorial berechnet 1900 Euro für die Einäscherung in Bulgarien, einschließlich Überführungskosten.

Deutlich billiger wäre die Feuerbestattung, wenn es in Griechenland ein Krematorium gäbe. Doch das hat bisher der einflussreiche orthodoxe Klerus verhindert. Er betrachtet die Einäscherung als heidnischen Brauch, der „dem Geist der Heiligen Schrift widerspricht“. Hinzu kommt: Die Kirche verdient gut an den oftmals prunkvoll ausgerichteten Begräbnissen.

Schon 1946 gab es Bestrebungen, die Feuerbestattung zu legalisieren – vergeblich. 1960 kam das Thema wieder auf die Tagesordnung, als der bekannte griechische Dirigent Dimitri Mitropoulos in Mailand verstarb. Seine Leiche wurde in Italien eingeäschert und die Urne nach Athen gebracht. Doch die orthodoxe Kirche verweigerte damals den Hinterbliebenen den gewünschten Trauergottesdienst.

1985 wollte die Athener Gemeinde Kallithea ein Krematorium bauen. Das zuständige Landgericht untersagte die Pläne als „Verstoß gegen die guten Sitten und die öffentliche Ordnung“. Zehn Jahre später scheiterten Pläne für ein Krematorium in Thessaloniki an Protesten der Kirche und aufgebrachter Anwohner.

Erst 2006 wurde die Feuerbestattung in Griechenland legalisiert. Ein Krematorium aber gibt es bis heute nicht. Auch das Vorhaben in Athen könnte sich noch lange hinziehen. Denn zwei benachbarte Firmen und eine Bank haben den Staatsrat angerufen, das oberste Verwaltungsgericht. Die Kläger argumentieren, das geplante Krematorium verstoße gegen den Bebauungsplan und gefährde die öffentliche Gesundheit.

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