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Konflikt um Bergkarabach

„Graue Wölfe sind nicht weit von euch“: Türkische Rechtsextreme bedrohen armenische Familien

  • vonJoel Schmidt
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Der Konflikt um die Region Bergkarabach hat seine Kreise bis nach Deutschland gezogen. Mitglieder der rechtsextremen Grauen Wölfe bedrohen hier lebende armenische Familien.

  • Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach forderte viele Tote.
  • In Deutschland werden seit Beginn des Konfliktes Armenier:innen von türkischen Rechtsextremen der Grauen Wölfe terrorisiert.
  • Die Grauen Wölfe stellen die größte rechtsextreme Organisation in Deutschland dar.

Berlin – Im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um Bergkarabach stehen mittlerweile die Waffen still. Dennoch zieht der Konflikt um die Region weiterhin seine Kreise und betrifft auch in Deutschland lebende Armernier:innen. Denn wie verschiedene Medien berichteten, sollen in der deutschen Diaspora lebende Armenier:innen schon seit längerem im Fokus der rechtsextremen türkischen Organisation Graue Wölfe stehen – und von diesen terrorisiert werden.

Der Konflikt um Bergkarabach: Türkei und Russland präsentieren sich als Schutzmacht

Im Konflikt um die Region Bergkarabach kam es Anfang Juli 2020 zu verstärkten Gefechten zwischen Aserbaidschan und Armenien, bei denen beide Seiten dutzende Tote zu beklagen hatten. Relativ früh mischten auch die Türkei und Russland in dem sich verschärfenden Konflikt mit, indem sie als Schutzmacht von Aserbaidschan und Armenien auftraten. Deutschland schien in dem Konflikt um die Region Bergkarabach vorerst keine größere Rolle zu spielen.

Ein Teilnehmer einer Demonstration trägt ein Stirnband der rechtsextremen Organisation Graue Wölfe (Archivbild).

Rechtsextreme Graue Wölfe in Deutschland: Armenische Kirche spricht von Drohungen

Doch wie die Zeitung „Welt“ berichtet, sollen im Zuge des eskalierenden Konflikts um die Region Bergkarabach auch in Deutschland lebende Armenier:innen zunehmend von Mitgliedern der rechtsextremen türkischen Organisation Graue Wölfe bedroht worden sein. Der „Welt“ liegt ein Schreiben des in Köln ansässigen Bischofs Serovpe Isakhanyan von der Armenischen Kirche in Deutschland vor, welches dieser Anfang November an Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) und weitere Politiker:innen verschickt hatte.

In diesem unterrichtet der Bischof den Innenminister darüber, dass „ultranationalistische türkisch-aserbaidschanische Kreise“ versuchten, die Eskalation um die Region Bergkarabach zum Anlass zu nehmen, „den Konflikt auch nach Europa zu übertragen [...] und ihre Anhänger und Sympathisanten gegen die hiesigen Armenier aufzuhetzen“.

Armenische Kirche in Deutschland: Graue Wölfe verfolgen „faschistische, antisemitische Ideologie“

Bischof Isakhanyan informierte in seinem Brief weiterhin darüber, dass Mitglieder der rechtsextremen türkischen Organisation Graue Wölfe in den vergangenen Monaten Drohbriefe an in Deutschland lebende Armenier:innen verschickt hätten. „Die Androhungen dieser gewaltbereiten und ultranationalistischen Gruppierung, die allgemein eine faschistische, antisemitische und anti-christliche Ideologie verfolgt, nehmen wir [...] besonder ernst“, zeigte sich der Bischof in dem Schreiben besorgt.

Das Schreiben des Bischofs endet mit einer Bitte an die deutschen Sicherheitsbehörden, gegebenenfalls entsprechende Untersuchungen einzuleiten und eventuelle Maßnahmen zu ergreifen.

Konflikt um Bergkarabach: Mehrere Angriff gegen Armenier:innen in Deutschland

Erste Meldungen über Drohungen gegenüber in Deutschland lebenden Armenier:innen lassen sich bereits im Sommer 2020 finden. So wurde etwa in der Nacht vom 22. auf den 23. Juli vor der Botschaft der Republik Armenien in Berlin ein Fahrzeug mit diplomatischem Kennzeichen in Brand gesteckt. In einer Mitteilung der „Armenischen Allgemeinen Wohltätigkeitsunion“ (AGBU) hieß es im Anschluss in Richtung von Recep Tayyip Erdogan: „Angesichts der aggressiven Rhetorik der Präsidenten der Türkei und Aserbaidschans in den vergangenen Wochen ist ein rassistisches, armenierfeindliches Motiv überaus denkbar.“ Auf Anfrage der „Welt“ bestätigte ein Berliner Polizeisprecher: „Wir konnten nach unseren Ermittlungen feststellen, dass diese Tat unmittelbar im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien steht“.

Wie die „taz“ berichtet, sei im Sommer ebenfalls eine armenische Shisha-Bar in Köln-Mühlheim Ziel eines Angriffs geworden. Die Rechtsanwältin des Barbesitzer sprach der Zeitung gegenüber von etwa 30 vermummten Personen, die sich als Aserbaidschaner:innen zu erkennen gegeben hätten und die Bar angegriffen haben sollen. In einer im Anschluss veröffentlichten Stellungnahme des Zentralrats Armenien in Deutschland hieß es damals: „Das sind organisierte Terrorangriffe gegen die in Deutschland lebenden Bürger armenischer Abstammung“.

Drohbriefe an armenische Familien: „Die Grauen Wölfe sind nicht weit von euch“

Nach Informationen der „Welt“ sollen die von Bischof Isakhanyan erwähnten Drohbriefe bisher an armenische Familien in Hanau, Osnabrück und Hamburg gegangen sein. Einer der anonymen Drohbriefe, die der Zeitung vorliegen, trägt die Überschrift „Die Grauen Wölfe werden euch kriegen!“. In dem Schreiben solidarisieren sich die anonymen Verfasser:innen mit Aserbaidschan und sprechen davon, dass man es nicht zulassen werde, „dass ungläubige Hunde Armeniens in Deutschland in Frieden leben“.

Des Weiteren beinhaltet das Schreiben eine explizite Drohung gegen die armenischen Empfänger:innen sowie deren Kinder. Es endet mit der Warnung: „Die Grauen Wölfe sind nicht weit von euch!“.

Wie die „Welt“ weiter berichtet, habe das Fachkommissariat für Staatsschutzdelikte des Polizeipräsidiums Südosthessen die Ermittlungen in dem Fall der Drohbriefe übernommen. Weitere Auskünfte wolle man „vor dem Hintergrund der laufenden kriminalpolizeilichen Ermittlungen“ derzeit jedoch nicht geben

Die Grauen Wölfe in Deutschland: Größte rechtsextreme Organisation

Die rechtsextremen Grauen Wölfe sind europaweit aktiv und unterhalten nach Auskunft der Kurdischen Gemeinde in Deutschland eine Europazentrale. Nach Recherchen des ZDF aus dem Jahr 2015 sind den Grauen Wölfen bundesweit knapp 18.000 Menschen zuzurechnen, die sich auf über 300 unterschiedliche Mitgliedervereine verteilen. Damit stellen die Grauen Wölfe die größte rechtsextreme und verfassungsfeindliche Organisation in der Bundesrepublik dar.

Nach gewalttätigen Übergriffen von Mitgliedern der Grauen Wölfe im französischen Dijon im Sommer 2020 wurde die rechtsextreme Organisation in Frankreich bereits im vergangenen Monat verboten. Mehrere Bundestagsparteien sprachen sich im Zuge dessen ebenfalls für ein Verbot der Grauen Wölfe in Deutschland aus.

Besonders gewalttätig sind Mitglieder der rechtsextremen Grauen Wölfe in den 1970er und 1980er Jahren gegen politische Gegner:innen vorgegangen. Ein Überblick:

  • 21. Mai 1974: In Norderstedt wird der Bauingenieur Neşet Danış von Grauen Wölfen zu Tode geprügelt.
  • 05. Januar 1980: In Berlin Kreuzberg greifen Graue Wölfe eine Gruppe Kommunist:innen an, dabei töten sie den Lehrer und Gewerkschafter Celalettin Kesim.
  • 13. Mai 1981: Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis begeht Mehmet das Graue Wölfe-Mitglied Ali Ağca auf dem Petersplatz in Rom ein Attentat auf Papst Johannes Paul II.
  • 03. Mai 1984: Mitglieder der Grauen Wölfe verüben einen Anschlag auf ein Mahnmal für den Völkermord an den Armenier:innen in einem Pariser Vorort. Dabei zerstören drei Bomben das Denkmal und verletzen 13 Menschen.

Die Ideologie der Grauen Wölfe: Rassismus und Nationalismus

Die Bundeszentrale für politische Bildung bescheinigt den Grauen Wölfen eine Ideologie übersteigerten Nationalbewusstseins, dem ein rassistisch geprägtes Menschenbild zugrunde liegt. Verschiedene Expert:innen beobachten zudem verstärkt islamistische Züge. Der sogenannte Wolfsgruß, bei dem Daumen und Finger des rechten ausgestreckten Arms den Kopf eines Wolfs formen, gilt als das Erkennungszeichen der Grauen Wölfe.

In der Türkei haben die Grauen Wölfe zudem enge Verbindungen zur ultrarechten Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) und gelten als ihr paramilitärischer Arm. Die MHP ist ein Bündnispartner der regierenden AKP von Präsident Erdogan. (Joel Schmidt)

Rubriklistenbild: © Shabtai Gold/dpa

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