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Sie hat?s erfunden: Ariane Sherine in London mit ihrem Slogan auf Bus und Brust.

Bus-Botschaft

Die Gottlosen kommen

Mit ihrer Bus-Botschaft, dass es "wahrscheinlich" keinen Gott gibt, hat Ariane Sherine einen Boom ausgelöst.

Von PETER NONNENMACHER

Nicht nur die Zahl der Sonderangebote auf der Oxford Street muntert derzeit Passanten im Zentrum Londons auf. Auch zwei große elektronische Anzeigetafeln auf der Straße suchen die Winterstimmung aufzuhellen. Die Mitteilung auf diesen Tafeln legt Betrachtern nahe, dass sie kein Jüngstes Gericht, kein Höllenfeuer zu fürchten haben - weil es "wahrscheinlich keinen Gott" gebe. Die gleiche Botschaft ist auf 200 Bussen und 1000 U-Bahn-Plakaten in London zu lesen: "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also hört auf, euch zu sorgen, und genießt euer Leben."

Begonnen hatte die kuriose Geschichte damit, dass sich die junge Drehbuch-Autorin Ariane Sherine im vorigen Sommer über evangelikale Werbesprüche auf Londons Bussen ärgerte, die ihrer Ansicht nach mit finsteren Drohungen und übler Einschüchterung arbeiteten. Eine kleine Gegenaktion, die die Autorin im liberalen Guardian anregte, sollte der religiösen Lobby in diesem Januar auf etwa 30 Bussen Paroli bieten.

Zu ihrer eigenen Überraschung stieß der Aufruf auf phänomenales Interesse. Er trug Sherine nicht nur den Rückhalt prominenter Atheisten und Humanisten auf der Insel ein, sondern auch Tausende zustimmender Mails und insgesamt 140 000 Pfund an Spenden. So konnte sich die "atheistische Bus-Kampagne" U-Bahn-Plakate, Oxford-Street-Tafeln und 200 Londoner Busse erlauben - plus 600 weitere Busse überall auf der Insel, von Bristol bis Newcastle und Glasgow bis Birmingham.

Sogar in dem sonst ausschließlich für religiöse Reflexionen reservierten BBC-Radioprogramm "Thought for the Day" (Gedanke zum Tag) erhielt Sherine am vorigen Wochenende Gelegenheit zur Stellungnahme - zum Leidwesen solcher Gruppen wie "Christian Voice", die nun offiziell Beschwerde gegen die Bus-Aktion eingelegt haben. Ihr Direktor Stephen Green sagt, die Atheismus-Reklame verstoße gegen die Werbevorschriften. Schließlich gebe es ja "jede Menge Beweise für die Existenz Gottes, schon aus persönlichen Erfahrungen heraus", während "die Beweislage auf der Gegenseite äußerst dürftig" sei.

Wie sicher ist Gottes Existenz?

Dem Verband der Britischen Humanisten kommt solche Argumentation eher spaßig vor. Die Werbe-Aufsichtsbehörde sei nicht zu beneiden, "wenn sie ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes zu fällen habe". Gerade mit dem Wörtchen "wahrscheinlich" glauben die Ungläubigen, sich für alle Eventualitäten abgesichert und zugleich Nüchternheit bewiesen zu haben. Wiewohl diese Einschränkung auch auf sanften Unmut in atheistischen Kreisen stieß und Ariane Sherine ironische Vorschläge für andere Slogans eintrug - etwa, dass "die Erde wahrscheinlich nicht flach ist", und "Babys wahrscheinlich nicht der Storch bringt".

Mit der raschen Entwicklung ihres eigenen Babys kann Sherine jedenfalls zufrieden sein. Nicht nur hat ihre Kampagne in Britannien selbst unerwartet starke Resonanz gefunden. Auch bei Atheisten anderer Länder hat die Idee schon Funken geschlagen. In den USA wie in Australien suchen Gleichgesinnte die Londoner Aktion - mit unterschiedlichem Erfolg - zu kopieren. Selbst in Italien bereitet die "Union der Atheisten, Agnostiker und Rationalisten" eine entsprechende Initiative vor.

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