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Francesco Schettino auf seinem Platz auf der Anklagebank im Gericht in Grosseto (Italien).

Costa Concordia

„Gott habe Gnade mit ihm“

Das Theater von Grosseto ist die Bühne, auf welcher der Prozess gegen Francesco Schettino endet: Der Kapitän der Costa Concordia ist für seine Ausreden bekannt. Eine Übersicht über die wichtigsten Akteure im Prozess.

Von Miriam Schmidt und Annette Reuther, dpa

Ein Angeklagter, der für seine Ausreden bekannt ist, Staatsanwälte ohne Gnade, ein erfahrener Richter, gewiefte Verteidiger und eine blonde Ex-Geliebte. Eine Übersicht über die wichtigsten Akteure im Costa-Prozess:

Seit Juli 2013 steht Francesco Schettino als einziger Angeklagter im Mittelpunkt des Mammut-Prozesses. Der 54-Jährige nahm an fast jeder der Verhandlungen teil und sorgte vor Gericht und abseits der Verhandlungen immer wieder mit abstrusen Ausreden für Aufsehen. Schettino hat zwar Fehler zugegeben, die Hauptschuld für die Havarie mit 32 Toten sieht er aber bei seiner Crew.

Bis vor wenigen Wochen war der angesehene Staatsanwalt Francesco Verusio für den Prozess zuständig, dann ging er in Rente. Die Plädoyers hielten daher die drei Ankläger Stefano Pizza, Maria Navarro und Alessandro Leopizzi. Sie gingen mit Schettino hart ins Gericht und forderten eine Haftstrafe von 26 Jahren und 3 Monaten. „Gott habe Gnade mit ihm, weil wir keine haben können“, sagte Pizza.

Auf Giovanni Puliatti werden sich alle Augen richten, wenn das Urteil fällt. Der Vorsitzende Richter in Grosseto leitet die Verhandlung bestimmt, ruhig und besonnen. Über Puliatti ist relativ wenig bekannt – auch nicht, ob er als eher strenger oder nachsichtiger Richter gilt. Der Costa-Prozess ist sein bisher größter. Vorher hatte er in der beschaulichen Toskana-Stadt Grosseto eher mit weniger aufsehenerregenden Verfahren zu tun.

Schettino wird von den beiden Anwälten Donato Laino und Domenico Pepe vertreten. Angeführt wird das Team, dem im Hintergrund eine ganze Reihe von Anwälten zuarbeitet, von Pepe. Der grauhaarige Anwalt ist Anfang 60, er und Schettino lernten sich laut einem Medienbericht bei einer Kreuzfahrt kennen. Pepe hat reichlich Erfahrung in Strafprozessen. Mit seinem Team bastelte er sorgfältig an einer Strategie für die Verteidigung.

Das meiste Interesse zog Domnica Cemortan auf sich. Die Moldauerin soll in der Unglücksnacht mit Schettino zu Abend gegessen haben und hatte ein Verhältnis mit dem Kapitän zugegeben. Sie fordert 200 000 Euro Schadenersatz – für ihren Schaden als Passagierin und wegen der „Aggressivität der Medien“. Dutzende Überlebende des Unglücks treten in dem Prozess als Nebenkläger auf, dazu kommen Ministerien, die Insel Giglio, die Region Toskana und ein Verbraucherschutzverband.

Obwohl die Reederei Costa Crociere auch in der Kritik stand, verlangt sie als Nebenklägerin von Schettino Schadenersatz für das Schiff. Bizarr: Die Reederei sitzt neben Opferanwälten auf der Bank, die wiederum von dem Unternehmen Schadenersatz verlangen.

Der indonesische Rudergänger Jacob Rusli Bin soll zum Zeitpunkt des Unglücks am Steuer gewesen sein – weshalb Schettino ihm eine Mitschuld gibt. Vor allem Verständigungsprobleme zwischen den beiden sollen aus Sicht von Schettino die Katastrophe ausgelöst haben. Der Rudergänger selbst einigte sich mit dem Gericht ohne Prozess gegen ein Schuldeingeständnis auf eine geringe Haftstrafe.

Der pensionierte Postmann Stefano Bigliazzi ist bereits so etwas wie ein Einrichtungsgegenstand in dem Prozess. Seit Beginn hat der 65-Jährige kaum einen Verhandlungstag verpasst. „Jetzt, nach etwa 67 Sitzungen kommt es mir komisch vor, dass der Prozess zu Ende geht“, sagte er. Er ist überzeugt, dass Schettino eine Schuld an der Havarie hat. Aber 26 Jahre Haft kommen ihm ein bisschen viel vor.

So Unmittelbar vor dem Urteil im Prozess gegen den Kapitän der Costa Concordia hoffen deutsche Überlebende und Angehörige von Opfern des Unglücks auf Genugtuung. „Schettino soll zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt werden, sagen meine Mandaten. Die Länge der Haftstrafe ist ihnen egal“, berichtete Opfer-Anwalt Hans Reinhardt der Deutschen Presse-Agentur in Marl (Nordrhein-Westfalen). Er vertritt 30 Betroffene. Sie treten als Nebenkläger im Strafprozess im toskanischen Grosseto auf. „Interviews wollen sie nicht mehr geben.“

Insgesamt 32 Menschen, darunter 12 Deutsche, kamen ums Leben, als das Kreuzfahrtschiff mit mehr als 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern im Januar 2012 vor der Mittelmeer-Insel Giglio auf einen Felsen fuhr und kenterte. Schettino steht seit eineinhalb Jahren unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung vor Gericht. Er soll das Schiff nach der Havarie sich selbst überlassen haben.

Die Schadenersatzansprüche seiner Mandanten seien inzwischen weitgehend befriedigt, sagte Anwalt Reinhardt. In fünf Fällen gehe es noch um Wertsachen, die auf dem Schiff zurückgeblieben seien. „Es geht unter anderem um wertvollen Schmuck, der im Safe lag.“ Der Wert der noch nicht zurückgegebenen Gegenstände liege insgesamt im sechsstelligen Eurobereich. Falls die Sachen vom Salzwasser zerfressen seien, müsse Schadenersatz gezahlt werden.

Die übrigen Ansprüche seien inzwischen abgegolten, sagte Reinhardt. Es habe Gerichtsverfahren und außergerichtliche Einigungen mit dem Veranstalter und der Reederei gegeben. Die Summen lägen im fünf- und sechsstelligen Bereich.

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