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Für 30 Euro pro Nacht: Die Arbeit der Zama Zama bringt viele Gefahren mit sich.

Zama Zama

Goldgräber-Tunnel gefährden Johannesburg

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Zehntausende Männer schürfen illegal Gold unter Johannesburg. Seit sie dafür Sprengstoff verwenden, wächst in der Metropole die Angst vor einer Katastrophe.

Wer nichts von ihnen weiß, nimmt sie nicht einmal wahr: Jene Gestalten, die nach Einbruch der Dunkelheit am Rand zahlreicher Straßen von Johannesburg wandeln – und plötzlich verschwinden. Wer dem Phänomen nachgeht, stellt fest, dass die Männer durch ein kleines Loch in den Boden geklettert sind. Verschluckt von der Erde, die in der Stadt des Goldes noch immer ungeborgene Schätze enthält.

Die Löcher sind nachträglich geschaffene Zugänge zu dem 140 Kilometer langen Stollensystem, das die Goldbergwerke in und um Johannesburg miteinander verbindet. Und bei den verschwundenen Männer handelt es sich um illegale Minenarbeiter, die aus dem unterirdischen Labyrinth auch noch die letzten Goldreste zu bergen suchen. Insider schätzen, dass täglich bis zu 30 000 der „Zama Zama“ genannten Kumpels in den Unterleib der Metropole steigen.

Die Stadtväter wissen schon seit Jahren von den Aktivitäten, ohne dagegen einzuschreiten. Wohl vor allem, weil sich sonst noch viel mehr Menschen auf dem ohnehin heillos überbevölkerten Arbeitsmarkt drängeln. Auch die Polizei schaut untätig zu – oder hält die Hand für Schmiergeldzahlungen auf.

Jetzt aber heulen in Johannesburg die Alarmsirenen auf, nachdem bekannt wurde, dass die illegal arbeitenden Kumpel  immer wieder auch Dynamit einsetzen – und zwar selbst Meter oder gar Zentimeter von unterirdischen Gas-, Benzin- und Erdölleitungen entfernt. „Die Stadt ist mit einem Desaster unvorstellbaren Ausmaßes konfrontiert“, warnt Conal Mackay, Chef der städtischen „Einheit zum Schutz der Infrastruktur“, gegenüber der dortigen „Sunday Times“.

Würde eine Dynamit-Explosion eine Gas- oder Benzinleitung beschädigen, wären im Umkreis von 300 Metern jedes Gebäude zerstört und alle Menschen getötet. Zumindest in einem Fall seien die Wühlmäuse einer Gasleitung auch schon bis auf 30 Zentimeter nahe gekommen, will Mackey wissen. Sogar in der Nähe eines Treibstoffdepots würden die Zama Zama ihr Dynamit einsetzen.

Ganz oben auf der Liste der gefährdeten Orte steht Johannesburgs Fußball-Arena mit ihren 94 000 Plätzen. Dort fanden vor acht Jahren das Eröffnungs- und das Endspiel der Fußball-WM statt, dort trat Deutschland gegen Ghana an. Neben dem einer riesigen Kalabasse nachempfundenen Bau führt offenbar eine Gasleitung vorbei. Gleichzeitig liegt die Arena ganz in der Nähe des „Reefs“, der Gesteinsader, der Südafrika den Großteil seines Goldes verdankt. Eine Explosion der Gasleitung in der Nähe des Stadions werde „katastrophale Folgen“ haben, warnt Infrastrukturschützer Mackay.

Kürzlich wurde Johannesburgs Öffentlichkeit bereits von der Meldung aufgeschreckt, die Zama Zama seien dabei, eine Stadtautobahn zu untergraben. Werde nicht schleunigst etwas dagegen unternommen, drohe dem vielbefahrenen Highways der Zusammenbruch. In Stadteilen wie Florida und Riverlea klagen Hausbesitzer über Risse in ihren Wänden. Täglich seien im Boden Explosionen zu hören, sagen sie. „Gebe Gott, dass nichts passiert“, seufzt Johannesburgs Bürgermeister Hermann Mashaba. „Unser Katastrophen-Managementteam würde das niemals in den Griff bekommen.“ Er habe die Regierung in Pretoria schon vor einem Jahr gewarnt, fährt der Bürgermeister fort. Geschehen sei nichts.

Der Wert des von den Zama Zama illegal aus überwiegend stillgelegten Minen geborgenen Goldes wird auf jährlich knapp 450 Millionen Dollar geschätzt, ein Zehntel der legalen Produktion. Die Kumpel können nach eigenen Angaben in einer Nacht mit einer Ausbeute von umgerechnet rund 30 Euro rechnen – doch die inoffizielle Verarbeitung des Goldes ist sowohl aufwändig wie gesundheitsgefährdend. Erst müssen die Gesteinsbrocken zu feinem Mehl gemahlen, dann das Gold ausgewaschen und schließlich mit Quecksilber gebunden werden. Beim anschließenden Ausbrennen des Quecksilbers entstehen giftige Stoffe, die von vielen Zama Zama eingeatmet werden. Gefahr droht den Kumpels zudem von oft tödlich verlaufenden Revierkämpfen. Und schließlich kommt es immer wieder zu Grubenunglücken, denen bereits Hunderte der informellen Bergleute zum Opfer gefallen sind.

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