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Fische an jeder Ecke …

Vietnam

Die Goldfische und die Freiheit

Selbst im letzten verbliebenen kommunistischen Einparteienstaat haben religiöse Rituale Bestand.

Mit 17 Jahren ist man auch in Vietnam in einem Alter, in dem man die Dinge anders machen will als die anderen. Doch Dang Thi Hong Anh macht dieser Tage genau das, was die meisten ihrer Landsleute auch machen. Zusammen mit ein paar Freunden ist sie zur Long-Bien-Brücke gezogen, einer der wichtigsten der Hauptstadt Hanoi. Nun wirft sie Goldfische in den Roten Fluss. So geschieht das nicht nur in Hanoi, sondern auch im Rest des Landes.

Das Aussetzen der Fische kurz vor Tet Nguyen Dan, dem „Fest des Ersten Morgens“, bei dem das neue Jahr nach dem Mondkalender gefeiert wird, hat hierzulande Tradition. Die Fische sind dazu gedacht, Ong Tao gnädig zu stimmen, den Küchengott. Er ist dafür verantwortlich, alles, was das Jahr über in einer vietnamesischen Familie passiert, dem Jadekaiser zu melden, dem Obersten der Götter.

„Wir glauben, dass der Küchengott die Fische nach oben in den Himmel bringt“, sagt die 17-Jährige. „Deshalb kauft sich jede Familie ein paar Goldfische und lässt sie im Fluss frei. Damit sie im neuen Jahr Glück hat.“ Das Aussetzen ist dabei nur eines von verschiedenen Ritualen. Erstaunlich für ein Land, das mit Religion offiziell nur wenig anzufangen weiß.

Den Zahlen zufolge ist der kommunistische Einparteienstaat – einer der wenigen, die es noch gibt – eines der Länder der Welt mit dem geringsten Anteil gläubiger Menschen. Von den mehr als 95 Millionen Einwohnern gehören nach der jüngsten Volkszählung mehr als 80 Prozent keiner Religion an. Etwa elf Millionen sind Buddhisten, sechs Millionen Katholiken, eine Million Protestanten.

Das hält die Vietnamesen nicht davon ab, sich in den Tagen vor Tet, das in diesem Jahr am 5. Februar gefeiert wird, den alten Bräuchen hinzugeben. So kann man derzeit überall kleine Pfirsich- und Mandarinenbäumchen kaufen. Der Pfirsich soll „blühende Zeiten“ bescheren. Die Mandarinen sollen Fruchtbarkeit symbolisieren. Sie werden also gern an junge Paare verschenkt.

Wichtig ist auch, wer im neuen Jahr als erster ins Haus kommt. Die erste Person, die über die Schwelle tritt, hat angeblich großen Einfluss auf die Geschicke in den nächsten zwölf Monaten. Deshalb geschieht das in vielen Familien nur auf Einladung – und wer eingeladen wird, ist Gegenstand langer Debatten. Manche verlassen sich auch auf Wahrsager.

Der Seher bringt dann ein geschlachtetes Hühnchen mit und liest in dessen Blut, was kommen wird. Der frühere Abgeordnete Nguyen Minh Thuyet, ehemals Vorsitzender des Kultur-Ausschusses der Nationalversammlung, sagt: „Die Vietnamesen glauben immer noch an die Rituale von Tet. Und zwar mehr noch als früher.“ Auch die Jugend – siehe die 17-jährige Dang – macht gerne mit. Thuyet ist der Meinung, dass es keinen großen Unterschied macht, ob jemand gläubig ist oder nicht. „Das ist ein gemeinschaftliches Ereignis für alle.“

Es gibt aber auch Leute, die daran zweifeln, ob das alles in dem einst so bitterarmen Land wirklich schon Tradition hat. Die Rentnerin Nguyen Thi Hanh zum Beispiel sagt: „Früher hatten wir nicht einmal Fisch zum Essen. Woher hätten wir das Geld nehmen sollen, um Fische ins Wasser zu schmeißen?“ Das hindert die 64-Jährige aber lange nicht daran, ebenfalls zur Long-Bien-Brücke zu kommen. „Ich weiß nicht, ob der Jadekaiser mich hört. Aber ich bin im Reinen mit mir, wenn ich das mache“, sagt sie.

Die Kommunistische Partei hat gegen die alten Praktiken, die sie früher abschaffen wollte, inzwischen nichts mehr einzuwenden. Der Ex-Abgeordnete Thuyet sieht die Rituale sogar als Beweis dafür, dass seine Landsleute mit steigendem Einkommen – Vietnam gehört weltweit zu den Boom-Ländern – materialistischer geworden sind. „Früher haben die Leute für ihre Gesundheit gebetet. Jetzt beten sie auch für mehr Geld und für ihre Karriere.“

Man sieht aber auch an anderen Dingen, wie sich die Zeiten ändern. Im Unterschied zu den meisten ihrer Landsleute brachte Dang ihre Fische nicht in einer Plastiktüte zur Brücke, sondern im Eimer. „Ich will helfen, dass nicht mehr so viele Plastiktüten verschwendet werden“, sagt sie. Damit ist sie in Vietnam, einem der schlimmsten Plastik-Sünder der Welt, doch die Ausnahme. (Bennett Murray und Bac Pham, dpa)

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