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Die Böden sind karg, das Gold verheißt wenigsten etwas Wohlstand.

Nigeria

Gold, von Gift umhüllt

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Rund um das nigerianische Shikira brechen Bergbauern das Edelmetall aus dem Fels. Der Tuluma-Stein enthält giftiges Blei – aber die Not treibt die Menschen in die Stollen.

Jeden Tag, wenn Hassan Hussain sein Haus verlässt, wird er an die größte Katastrophe seines Lebens erinnert. Dann schaut er auf die Krankenstation, die von der Organisation Ärzte ohne Grenzen hier in seinem Dorf Shikira errichten worden und nun verwaist ist. An der gelben Fassade hängen Warnhinweise. „Blei schädigt die Gesundheit unserer Kinder“, steht da in Großbuchstaben, auf Englisch und Hausa, der wichtigsten Sprache Westafrikas. Dann erinnert sich Hussain daran, wie das Blei seine zwei Kinder raubte. Erst den kleinen Hussein, ein Jahr alt, und dann seine Tochter Miriam. „Sie wurde nur acht Monate alt.“

Hassan Hussain ist Bergbauer, er schürft und gräbt nach Gold, hier im Umland seines Dorfes im Bundesstaat Niger. Weil er das tat, mussten seine beiden Kinder sterben.

Der sechsjährige Umaru hat die Bleivergiftung dank medizinischer Hilfe überlebt – aber er redet kaum mehr, wirkt apathisch.

Shikira ist selbst für Westafrika ein abgelegener Ort. Um dorthin zu kommen, braucht es einen Vierradantrieb. Das staatliche Minenministerium stellt für die Recherche einen Landrover, dazu einen Beamten, der Sicherheit wegen. Die Fahrt dauert fünf Stunden, führt über eine holprige Straße, es geht durch sechs Flüsse. Die Äcker sind karg. Hier gibt es nichts anderes als den Tuluma-Stein, unter den sich das Golderz mischt.

Nun haben auch die Ärzte ohne Grenzen diese Einöde verlassen. Die Krankenstation ist leer, im Hof stehen zwei verwaiste Plastikstühle. Die mit dem Nobelpreis gekrönte Organisation hat eine der beiden wichtigsten Missionen des Landes Ende Oktober 2018 abgewickelt. Bis zum Jahreswechsel lief die Übergabe.

„Dass die Ärzte ohne Grenzen gehen, macht uns Sorgen“, sagte Habib Muasu, einer der Gewerkschaftsführer der Goldbergbau-Kooperative, damals. Denn die Angst, dass der Tod wieder nach Shikira kommt, ist immer noch da.

Es war 2015, als Hussein, Miriam, und Hunderte andere Kinder des Dorfes plötzlich an seltsamen Schmerzen litten. Im Kopf, im Bauch, in den Gliedmaßen. Dabei war gar keine Malaria-Saison. Schnell dachten die Menschen im Dorf, das sei Hexerei. Sie brachten den Göttern Opfer dar, beteten. Doch es half nichts. Mindestens 28 Kinder starben, schätzt das Gesundheitsministerium Nigerias. Im Dorf sagen sie, es seien 58 gewesen. „Erst als die Ärzte kamen, erfuhren wir, dass das mit dem Blei zu tun hatte“, erzählt Gewerkschafter Muasu. Shikira hatte den zweiten Ausbruch von Bleivergiftungen im Land seit 2010 erlebt. Damals waren im nördlichen Bundesstaat Zamfara Hunderte Kinder gestorben. Von mindestens 420 Todesopfern landesweit ging die Regierung im vergangenen Jahr aus.

Mindestens zwei seiner Kinder starben an Bleivergiftung: Hassan Hussain (vorne) mit seiner zweijährigen Tochter Mariam.

Vom Norden bis in den Südosten zieht sich durch Nigeria eine besondere Gesteinsschicht: Im Tuluma-Stein ist nicht nur das Gold eingeschlossen, es ist auch mit Blei und weiteren Schwermetallen durchsetzt. Gelangt Blei in den Körper, wirkt es toxisch. Alle der 312 getesteten Kinder hatten Blei im Blut. Die allermeisten kamen auf Werte von mehr als 45 Mikrogramm pro Deziliter, ein Viertel sogar auf mehr als 100 Mikrogramm. Zum Vergleich: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt ein Wert von zehn Mikrogramm als Vergiftung. Bei Erwachsenen können schon weniger als zehn Mikrogramm pro Deziliter Blut zu Herz-Kreislaufbeschwerden, Immunschwäche und eingeschränkter Fruchtbarkeit führen. Bei Kindern reichen sogar fünf Mikrogramm, um Verhaltensänderungen sowie Nerven- und Hirnschäden zu verursachen.

Ein Junge aus Shikira, der sechsjährige Umaru Garuba, redet kaum mehr. Er wirkt apathisch, reagiert verzögert. Die schlimmsten Folgen von Blei bei Heranwachsenden: Entwicklungsverzögerungen bis hin zu geistiger Behinderung. Jedes Mikrogramm im Blut geht mit dem Verlust von bis zu einem halben IQ-Punkt einher, schätzt die WHO.

Der Intelligenzverlust der Jugend ist Gift für die Entwicklung Afrikas: Forscher der New Yorker Universität schätzten im Jahr 2013 in einer Studie, dass die ärmsten Länder der Welt jährlich rund eine Billion Dollar verlieren, weil Kinder Blei ausgesetzt sind. Am stärksten betroffen ist Afrika: Die Bleiexposition von Kindern kostet den Kontinent jährlich rund 138 Milliarden Dollar, das sind vier Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die Krankenstation, auf deren Bau dieses Schild hinweist, ist inzwischen verwaist.

In Shikira brachte Hassan Hussain das gefährliche Golderz irgendwann mit nach Hause, so wie alle im Dorf. Die Männer versammelten sich unter dem Mangobaum im Zentrum des Dorfes, zerteilten die Brocken dort in kleinere Stücke. Das Gestein legte Hussain in eine Wanne. Um es zu zermahlen, nutzte er denselben Stampfer, mit dem seine Frau Yamswurzeln zu Brei schlägt. Das Blei, staubig und unsichtbar, verteilte sich auf dem Boden, gelangte ins Essen und ins Trinkwasser. Spuren davon fanden Experten – darunter die Ärzte ohne Grenzen und die amerikanische Stiftung TerraGraphics International – sogar in vielen Hütten Shikiras.

Der Boden wurde erst gereinigt, bevor die Bewohner Medikamente erhielten, um den Blutbleispiegel zu senken. Das rettete Leben. Laut Ärzte ohne Grenzen starb seit Beginn des Programms kein weiteres Kind. Aber die Schäden, die das Blei in den Hirn- und Nervenzellen bereits angerichtet hatte, können nicht behoben werden. Sie sind irreparabel.

Gemeinsam mit der US-Organisation „Occupational Knowledge International“ (OKI) starteten die Helfer das Gesundheitsprogramm „Sicherer Bergbau“. Rund tausend Kumpel lernten, Hände und Kleidung besser zu reinigen, das Erz nur im Fels, nicht aber im Dorf zu bearbeiten, und Kinder nicht ins Abbaugebiet mitzunehmen. Auch ein paar Geräte wurden übergeben, darunter eine dieselbetriebene Goldwaschanlage, die rund zwanzig Minuten Fahrt außerhalb von Shikira aufgebaut wurde.

Laual Bawa, 28, kurze Hose, ärmelloses Shirt, bedient die Maschine. Er füllt oben rotbraune Erde in eine Drehvorrichtung, seitlich strömt Wasser ein, das den giftigen Staub bindet, unten sammelt sich der Schlamm langsam auf einem Fließband an. Nach rund zehn Minuten greift Bawa unter den Schlamm und zieht eine grüne Plastik-Fußmatte aus dem Fließband. Er hält die Matte über eine Metallschüssel, spült den Dreck heraus, schüttelt, spült, schüttelt. Nun beginnt das klassische Goldwaschen: Bawa dreht die Schale, gießt das Schlammwasser ab. Diese Prozedur wiederholt er mehrmals, vorsichtig, das letzte Pfützchen Wasser pustet er weg. Übrig bleibt ein Bodensatz Sand mit ein paar glitzernden Körnchen – das Gold.

Simba Tirima, stellvertretender Landeschef von Ärzte ohne Grenzen, ist überzeugt: „Unsere Maßnahmen haben das Risiko einer erneuten Exposition mit Blei deutlich gesenkt.“ Allein durch die Nassmethode wurde der Bleigehalt der Luft um 95 Prozent verringert, wie eine gemeinsame Studie von Ärzte ohne Grenzen und OKI belegt, die im Januar in einer Oxford-Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Damit das auch in Zukunft so bleibe, müsse nun die Regierung Verantwortung übernehmen.

Manche ziehen mit Küchenutensilien los, um das Gold aus dem Stein zu brechen.

Im Juni hatte das Ministerium für Bergbau und Stahlentwicklung auf einer nationalen Konferenz gegen Bleivergiftung versprochen: Die Bergbaugebiete sollen geologisch erfasst werden, um einen erneuten Ausbruch zu verhindern. In Nigerias Hauptstadt Abuja betont auch Ojeka O. Patrick, Abteilungsleiter für handwerklichen und Kleinstbergbau im Ministerium, dass das Programm „sicherer Bergbau“ fortgeführt werde. „Wir müssen den Sektor formalisieren“, fordert er. Dazu gehöre ein digitales Kataster, denn rund eine Million Menschen sind direkt im Kleinstbergbau tätig, weitere zwei Millionen indirekt. Eine Mammutaufgabe.

Dabei hat Patricks Behörde schon jetzt kaum Mittel, um auf Patrouille zu gehen. Den Geologen fehlen die Fahrzeuge, den Kontrolleuren die Mittel fürs Benzin, und ein ranghohes Amtsmitglied, zuständig für zwei Bundesländer, verfügt nicht einmal über einen Dienstcomputer. Die Beamten sind machtlos gegen den Schmuggel im Bergbau – und erst recht, wenn es darum geht, ein Gesundheitsprogramm fortzuführen.

Auch Simba Tirima räumt ein, dass es an staatlichen Ressourcen fehle. „Es gibt bislang keine nationale Strategie gegen Bleivergiftung.“ Trotzdem ist er überzeugt, dass die Ärzte ohne Grenzen den Einsatz beenden mussten. „Denn manchmal können Entwicklungsorganisationen Problemlösungen verhindern.“ Seine Erfahrung sei, dass oft viele dieser Organisationen die Probleme sogar verstetigten. „Die Regierung wird sich immer freuen, dass jemand da ist, um ihre Arbeit zu machen“, sagt Tirima.

Im Dorf Shikira, das nun sauber ist, arbeiten manche Einwohner trotzdem so weiter wie früher. Mehrere Frauen in bunten Kleidern tragen Bottiche auf ihren Köpfen, darin Kellen, Löffel, Eimer. Der Bergbaubeamte ist entsetzt: „Das sind dieselben Eimer, mit denen sie später das Trinkwasser holen.“ Unter den Frauen ist auch ein schmächtiges Mädchen, kaum 15 Jahre alt. Die Armut treibt sie sogar mit Küchengeräten zum Goldwaschen.

Arzt Tirima sagt, Kinderarbeit sei leider traurige Praxis in diesen Gebieten. Die Gefahr einer Bleivergiftung sei beim Goldwaschen aber nicht so hoch, da das Wasser den Staub binde. Viel gefährlicher sei der Erzabbau am Fels, das Zermahlen und Pulverisieren. Tirima fürchtet aber etwas anderes noch viel mehr: Dass es erneut zu einem Goldrausch kommt. „Wenn plötzlich von überall Bergleute in die Abbauregionen strömen, wird es für solch kleine Dörfer schwierig, diesen Bevölkerungszuwachs zu managen.“ Heißt: Ihnen die sicheren Abbaumethoden beizubringen.

Die lukrativen Bleivorkommen wecken inzwischen auch bei der Regierung Begehrlichkeiten. Der Minister für Bergbau und Stahlentwicklung, Abubakar Bwari, teilte auf einem Investitionsgipfel im Januar mit, derzeit erkunde eine australische Firma die Blei- und Zinkvorkommen in einem Tagebau. Später sollen im ganzen Land noch weitere Vorkommen erkundet werden. Bergbau sei in Nigeria nun leichter geworden, versprach Bwari den ausländischen Partnern, „weil wir die Umwelt besser überwachen und garantieren, dass die Sicherheitsstandards befolgt und eingehalten werden“.

Petra Sorge & Isaac Anyaogu

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