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Vienna Cammarota.

"Italienische Reise"

Zu Fuß auf Goethes Spuren

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Eine Italienerin wandert vom tschechischen Karlsbad bis nach Sizilien.

Nach mehr als 1400 Kilometern zu Fuß steht sie an diesem regnerischen Novembertag auf der Via del Corso in Rom. Vienna Cammarota, eine kleine, blonde Frau mit Zehn-Kilo-Rucksack und Wanderstöcken, scheint auf Irrwegen zu sein zwischen mit Einkaufstüten behängten Römern und Touristen. Sie sucht den Eingang zur Casa di Goethe, einem kleinen Museum im oberen Stockwerk eines der Geschäftshäuser. Hier wohnte der deutsche Dichter, nachdem er auf seiner Italienreise 1786 – ebenfalls im November – in der Ewigen Stadt ankam.

Vienna Cammarota ist auf den Spuren Goethes und seiner „Italienischen Reise“ unterwegs, seit Ende August schon. Start ihrer Wanderung war im tschechischen Karlsbad, dann ging es durch Bayern und über den Brenner nach Verona, Venedig und weiter nach Süden.

Während der Dichter vor mehr als 200 Jahren vergleichsweise bequem in der Kutsche unterwegs war, läuft die 68 Jahre alte Italienerin zu Fuß. Goethes Beschreibungen seien neben Trockenobst und Parmesan ihr wichtigster Reisebegleiter, erzählt sie.

Vienna Cammarota, eine frühere Finanzbeamtin aus Paestum südlich von Neapel, ist ehrenamtliche Berg- und Naturführerin und an lange Wege gewöhnt. Mit ihrer selbst finanzierten Neuauflage der Goethereise verknüpft sie mehrere Anliegen. „Erstens will ich Menschen – und besonders Frauen – meines Alters zeigen, dass so etwas noch geht.“ Zweites will sie auf die Chancen durch Europas offene Grenzen hinweisen und drittens einen langsamen und sanften Tourismus propagieren. „Goethe ist ein Vorbild dafür, wie man auf Reisen Erfahrungen sammeln, beobachten und verstehen kann.“ Geologische Details habe er ebenso wahrgenommen wie Essensgewohnheiten. Ursprünglich kannte die Italienerin sein Werk kaum. „Inzwischen bin ich fasziniert von seinen Gedanken und Empfindungen. Vieles ist immer noch so aktuell.“

Die Orte zu finden, die Goethe beschreibt und wo er sich aufhielt, ist jedoch nicht immer leicht. „In dem Haus, wo er in München schlief, ist heute ein Benetton-Laden“, erzählt sie. Gedenktafeln oder andere Erinnerungen an den reisenden Dichter habe sie kaum gefunden. Oft wüssten die Leute nicht einmal, dass er einst in ihrem Ort Station machte.

Nächstes Jahr will sie den alten Seidenweg laufen

Zumindest in Rom ist das anders. In der „Hauptstadt der Welt“, wie er sie überschwänglich nannte, erinnert die Casa di Goethe an seinen Aufenthalt – als einziges deutsches Museum im Ausland.

In den Räumen, die Goethe gemeinsam mit dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein bewohnte, erfährt der Besucher einiges über den römischen Alltag der Künstler. Für die wandernde Vienna war es allerdings nicht einfach, bis ins Zentrum von Rom zu kommen. Ein Autobahnring, chaotische Schnellstraßen und monströs-hässliche Vorortviertel waren zu durchqueren. „Es ist genau, wie Goethe schreibt“, sagt sie und zitiert: „Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.“

Inzwischen ist Vienna Cammarota wieder Richtung Süden unterwegs, bis Mitte November will sie in Paestum ankommen. Dort sollte Endstation ihrer Wanderung sein. Goethe fuhr seinerzeit von Neapel aus mit dem Schiff weiter nach Sizilien. Vienna erwägt inzwischen, doch bis Sizilien zu laufen. Für nächstes Jahr hat sie noch ehrgeizigere Pläne: auf den Spuren Marco Polos zu Fuß den alten Seidenweg von Venedig bis China gehen.

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