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Auch mit des Spenders Hilfe sind heute zwei Drittel der Görlitzer Altstadtsubstanz saniert.

Görlitz

Görlitz erhält die letzte Altstadtmillion

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Ein Unbekannter öffnete für die Verschönerung Stadt seit 1995 jedes Jahr seinen Goldtopf – doch nun ist Schluss.

Wer einmal dort war, wird es nicht bestreiten: Görlitz gehört zu Deutschlands allerschönsten Städten. Ein Gang durch die Gassen im alten Zentrum der geteilten Neißestadt ist ein Streifzug durch Jahrhunderte Architekturgeschichte. Mehr als 4000 Baudenkmäler kennt die Grenzstadt zu Polen, Filmproduzenten aus Hollywood wissen das längst zu schätzen. Im prachtvollen Jugendstilkaufhaus drehte Wes Anderson seinen so wunderbaren wie märchenhaften Film „The Grand Budapest Hotel“.

Ein anderes Märchen ist gerade zu Ende gegangen in Görlitz. Es handelt von einem Unbekannten, der vor langer Zeit auf die Idee kam, seinen Goldtopf zu öffnen und jedes Jahr ein ordentliches Sümmchen nach Görlitz zu überweisen, nicht nach Panama. Mit dem Geld solle Görlitz renoviert und verschönert werden.

Bürgerhäuser in neuer Pracht

So der Geheimplan. Im Jahre 1995 meldete sich im Rathaus ein Anwalt aus München, der Geld eines Mandanten zu verschenken hatte: eine Million D-Mark. Einzige zwei Bedingungen: Der Name des Geheimnisvollen darf keinesfalls bekannt werden. Und: Das Geld geht nur in die Sanierung der Altstadt. Zuerst dachte der damalige Oberbürgermeister, man habe ihn veräppelt. Aber Görlitz willigte ein.

Und dann kam das Geld, tatsächlich. Und so ging es seitdem jedes Jahr: Bundeskanlzer Helmut Kohl ging, Bundeskanzler Gerhard Schröder kam, Schröder ging, Bundeskanzlerin Angela Merkel kam. Die Währung änderte sich, aus 1 000 000 Deutsche Mark wurden 511 500 Euro. Aber das Geld floss jedes Frühjahr von irgendwo aufs Görlitzer Konto, manchmal etwas früher, manchmal etwas später, so dass im Rathaus ein Zittern zu spüren war, ein Bangen, ob die „Altstadtmillion“ auch diesmal komme. Sie kam immer. Insgesamt bis heute knapp über elf Millionen Euro. Das Geld wird von der privaten Altstadtstiftung verwaltet. Ein Kuratorium entscheidet, welche Bauten saniert werden.

Viel Gutes ist geschehen. Mit der ersten Million renovierte man den prachtvollen alten Brunnen auf dem Postplatz. Inzwischen erstrahlen zahlreiche der alten Bürgerhäuser in neuer Pracht, die ehemalige Synagoge, die Lutherkirche, das Rathaus, der Meridianstein, das „Heilige Grab“ – eine Nachbildung des Grabes Jesu in Jerusalem: Über 1500 Projekte unterstützte der unbekannte Spendierhosenträger.

Aber nun ist Schluss. Jedes Märchen hat ein Ende, der Goldtopf des Fremden ist offenbar leer. Sein Anwalt teilte Oberbürgermeister Siegfried Deinegge mit, das Geld sei aufgebraucht. So flossen bei der Schlussüberweisung Nummero 21 auch nicht mehr 511500 Euro, sondern „nur“ noch 340 000 Euro. Er sei gerührt, meinte Rathauschef Deinegge bewegt. Und dann verkündete er schriftlich und der Natur des Geheimnisses geschuldet etwas ungelenk: „Ich bin der unbekannten Spenderin/ dem unbekannten Spender sehr dankbar. Für uns Görlitzer ist es ein unglaublich großes Glück, dass unsere Stadt in den Genuss dieser großzügigen Spende gekommen ist.“

Nicolas Cage der Spender?

Aber wer war es? Ein reicher Auswanderer, der seine Heimat nie vergessen hat? Ein schwerreicher Unternehmer? Jemand aus der Schokoladendynastie Sprengel? Es gibt viele Gerüchte und Spekulationen. Ex-Fußballer Michael Ballack oder sogar Hollywoodschauspieler Nicolas Cage sollen es gewesen sein. Aber: Pustekuchen. Das Rathaus hat dicht gehalten, jedes Gerücht wurde wegdementiert. Keiner von allen, hieß es immer.

Vorbei. 21 Jahre lang erlebte Görlitz jedes Frühjahr die Freude über eine fette nackte Zahl mit vielen Nullen. Man genoss den Segen, der sich von irgendwoher über der unbestreitbar schönen alten Stadt ergoss. Nun ist Schluss. Aber nicht ganz: Das Rätsel, das bleibt.

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