Umwelt

Studie zu Pestiziden belegt: Glyphosat ist überall

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Über die Luft gelangen schädliche Pestizide vom Acker bis tief in die Städte und Naturschutzgebiete hinein. Dazu gehört auch Glyphosat.

  • Eine aktuelle Studie belegt: Pflanzenschutzmittel verbreiten sich weiter, als bislang angenommen.
  • Die Messungen für die Studie über die Verbreitung von Pestiziden wurden von März bis November 2019 gemacht.
  • Auch Glyphosat verteilt sich bis in die hintersten Winkel Deutschlands.

Die Debatte über die Gefahren von Pestiziden in der Landwirtschaft nimmt neue Fahrt auf: Laut einer aktuellen Studie verbreiten sich viele Pflanzenschutzmittel und ihre Abbauprodukte per Ferntransport über die Luft bis in Städte und Nationalparks hinein. In Deutschland gebe es wahrscheinlich keine unbelasteten Orte mehr. Die Risiken für Gesundheit und Artenvielfalt seien unabsehbar, kritisierten die Auftraggeberinnen und Auftraggeber der Untersuchung.

Pestizide in rund drei Viertel der untersuchten Standorte

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sieht dringend Handlungsbedarf, die Pestizidhersteller wiederum warnen vor einer „überzogenen Riskodebatte“. Das bislang aufwändigste Messprogramm zur Ausbreitung von Pestiziden hat unerwartete Daten zu Tage gefördert. Danach wurden an rund drei Viertel aller bundesweit untersuchten Standorte jeweils mindestens fünf Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden – im Extremfall waren es sogar 34.

Pflanzenschutzmittel-Hersteller sprechen von „überzogenen Risikodebatten.“

Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz seien zwölf Pestizide nachweisbar gewesen, hieß es. „Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren“, teilten das private Umweltinstitut München und das „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ mit, die die Studie in Auftrag gegeben haben.

Pestizide: Glyphosat „in allen Regionen Deutschlands“

So sei unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat „in allen Regionen Deutschlands“ und „weit abseits von potenziellen Ursprungs-Äckern“ nachgewiesen worden. Die Messungen für die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ wurden von März bis November 2019 gemacht.

Die Mess-Standorte lagen dabei im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu über 1000 Metern Entfernung von potentiellen Quellen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in Naturschutzgebieten. Die Daten wurden auf mehreren Wegen erhoben: mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammelgeräten, aus Filtermatten in Belüftungsanlagen von Gebäuden sowie durch die Analyse von Bienenstöcken und Baumrinden.

Weiter flossen in die Gesamtstudie Ergebnisse einer Untersuchung ein, für die von 2014 bis 2019 Baumrinden auf Pestizide getestet wurden. Durchgeführt wurde die Studie vom Forschungsbüro „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ in Dortmund. Sie wurde am Dienstag in Berlin im Beisein von Umweltministerin Schulze veröffentlicht. Der Agrarexperte Karl Bär vom Umweltinstitut München nannte die Ergebnisse der Studie „schockierend“.

Sofortverbot von fünf Pestiziden gefordert - darunter auch Glyphosat

Glyphosat und andere Ackergifte verteilen sich als wahrer Pestizid-Cocktail bis in die hintersten Winkel Deutschlands“, so Bär. Pestizide landeten in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in der Atemluft von Menschen. Bär kritisierte, dass der Ferntransport von Pestizidwirkstoffen im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren bislang nicht ausreichend berücksichtigt werde. Die beiden Organisationen begrüßten in diesem Zusammenhang die Initiative des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), ein jährliches Monitoring durchführen zu lassen.

Die Initiatorinnen und Initiatoren der Studie fordern ein Sofortverbot von fünf Pestiziden, die sich laut der Studie am stärksten verbreiten, darunter Glyphosat. Weiter fordern sie einen Ausstieg aus dem Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide bis 2035 und die Entschädigung von Biolandwirtinnen und Biolandwirten. Die seien damit konfrontiert, dass ganze Ernte nicht mehr als „bio“ verkauft werden können, weil sie durch synthetische Pestizide belastet seien.

Die Studie belege nun „einen wesentlichen Grund“ dafür: Die Pestizide gelangten über die Luft auf das biologisch angebaute Getreide, Obst und Gemüse. Für geschädigte Biobäuerinnen und -bauern fordert das Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft einen Entschädigungsfonds, den Pestizid-Hersteller füllen sollen. Schulze nannte die Ergebnisse der Studie „besorgniserregend – nicht nur für den Ökolandbau, sondern auch für die Natur“.

Studei zu Pestiziden und Glyphosat: Hersteller attackieren die Studie

Die Studie zeige, dass Pestizide „überall hinkommen können. Wir wissen nicht, wie dieser Cocktail wirkt.“ Sie verwies darauf, dass die Groko sich darauf verständigt habe, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Ihr Ministerium habe hier Vorschläge gemacht, die zurzeit mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium diskutiert würden. Zudem sehe die „Farm-to-Fork“-Strategie innerhalb des von der EU-Kommission vorgeschlagenen „Green Deal“ vor, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um die Hälfte zu reduzieren.

Der Industrieverband Agrar, der 35 deutsche Pestizidhersteller vertritt, attackierte die neue Studie heftig. Sie sei „alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide“. „Über diese Kampagne sind wir wirklich erstaunt“, so Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer. Die Pflanzenschutzmittel-Hersteller appellierten schon länger an die Biobranche, die Fälle, bei denen Landwirtinnen und Landwirte ihr Erntegut nicht mehr vermarkten konnten, klar zu benennen.

Thema um Pestizide und Glyphosat „künstlich aufgebauscht“

„Bisher haben wir keine konsistenten Hinweise aus der Bio-Branche erhalten. Hier wird der Dialog seit Jahren verweigert“, so Gemmer. „Doch nicht nur die Funde sind offenbar selten; die dabei nachgewiesenen Mengen sind so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind.“ Hier werde ein Thema „künstlich aufgebauscht“.

Pflanzenschutzmittel leisteten einen wichtigen Beitrag, Qualität und Ertrag der Nahrungsmittel zu sichern, sagte Gemmer. Überzogene Risikodebatten seien vor diesem Hintergrund wenig hilfreich. (Von Joachim Wille)

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