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Klemens Jakob braucht nicht viel - und sein Häuschen schenkt ihm Lebenszeit.

Zukunft hat eine Stimme

Glücklich geschrumpft

  • vonMarkus Wanzeck
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Klemens Jakob lebt in einem Kleinheim mit 18 Quadratmetern Grundfläche. Die wahre Größe des Hauses sind seine inneren Werte – und seine Unabhängigkeit: Für Strom und Wasser sorgt es selbst.

Urlaub? „Was ist das?“, fragt Klemens Jakob. Schon vor Corona war es für ihn längst keine Einschränkung mehr, nicht einfach kreuz und quer durch die Welt reisen zu können. Im Gegenteil: Der kleine Radius, den sein Leben inzwischen hat, ist die Krönung seines sechs Jahrzehnte währenden Lebenskunstwerkes, so sieht er es.

„Urlaub ist für Menschen, die irgendwelche Dinge tun, die ihnen keinen Spaß machen“, sagt Jakob, verschmitztes Lächeln, kurze silbergraue Locken. Er zeigt auf den Wintergarten an der Südseite seines Hauses. „Im Sommer ist da Afrika, 50 Grad warm. Im Osten drüben ist dann mehr Südfrankreich, Spanien. Und im Norden ist immer Schweden.“ Er hat sich seine Welt gemacht, wie sie ihm gefällt.

Das Leben von Klemens Jakob, 60, ist eines der kurzen Wege. Wenn man sein Häuschen betritt, im Garten hinter einem großen, alten Bauernhaus im 660-Seelen-Dorf Isingen am Fuß der Schwäbischen Alb, steht man schon direkt im Wohnzimmer. Ein Schritt nach rechts: das Bad. Ein Schritt nach vorn: die Küche. Über eine Holztreppe gelangt man nach oben in die Schlafetage.

Jakob hat sich in Eigenregie ein Eigenheim gebaut, das dreifach außergewöhnlich ist. Zum einen, das fällt sofort ins Auge, ist es erstaunlich klein. 18 Quadratmeter Grundfläche. Damit ist es so kompakt wie ein Tiny House auf Rädern. Allerdings ist es unbeweglich, eine Immobilie, auf sechs Punktfundamenten ruhend. Jakob gönnt sich also nicht einmal die Hälfte der durchschnittlichen Pro-Kopf-Wohnfläche in Deutschland. Die steigt seit Jahrzehnten. Waren es 1991 noch etwa 35 Quadratmeter pro Person, sind es heute ein Drittel mehr: knapp 47 Quadratmeter.

Zweitens ist das Jakob’sche Häuschen so nachhaltig wie kaum ein anderes. Erbaut fast ausschließlich aus den Naturmaterialien Holz, Kalk und Lehm. Die Fenster und Türen: dreifach verglast. Damit sie im Winter die Wärme drinnen und im Sommer draußen halten. Die Wände: mit Holzfaserplatten gedämmt, 20 Zentimeter dick.

Außerdem, drittens, ist das Minihaus autark. Es benötigt keinen Strom aus dem öffentlichen Netz – und auch kein Wasser. Beides schickt der Himmel. Einmal als Sonnenstrahlen. Einmal als Regen.

Das Haus hat Klemens Jakob zusammen mit Helfern aus vorgefertigten, nummerierten Holzelementen zusammengesteckt. Ein bisschen wie ein Ikea-Schrank, nur größer. Und tatsächlich, das Haus ist zugleich ein Schrank: Unter den Bodenplatten, die Jakob mit einem Saugnapf anheben kann, stecken kleine Stauräume. „Hier im Haus kann es unglaublich unordentlich sein. Aber innerhalb von fünf Minuten ist alles aufgeräumt.“ Im Boden ist Platz für vieles, für das man ansonsten Möbel bräuchte. Für Essensvorräte. Für Bücher. Für Spiele. Für Unterlagen. Unter der Bodenplatte direkt am Eingang sind sechs Blei-Gel-Batterien verbaut, als Speicher für den Sonnenstrom, den die Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt.

Ein Badeofen, mit Holz befeuert, sorgt für Warmwasser. „Den mach ich einmal am Tag an, dann reicht das für 24 Stunden“, erklärt Jakob. In der Zwischenholzdecke der Schlafetage schlummert zudem eine Klimaanlage – in Form von 300 Kilogramm „Phasenwechselmaterial“. Das, so Jakob, schmelze bei 21 Grad Celsius. Sinke die Temperatur darunter, kristallisiere es wieder. „So wird das Haus eine Zeit lang um die 20 Grad gehalten.“ Sollte es im Winter mal klirrend kalt werden, kann der Badeofen auch die Heizung mit Warmwasser versorgen.

„Espresso oder eine Tasse Wasser?“ Klemens Jakob kredenzt seinen Besuchern in weißem Porzellan eine Cuvée aus Regen-, Spül- und Duschwasser. Klingt gewöhnungsbedürftig. Doch mit einer gewitzten Pflanzenkläranlage vor dem Küchenfenster und diversen Filtersystemen hat er dafür gesorgt, dass das, was bei ihm aus dem Hahn sprudelt, Trinkwasserqualität hat. 2500 Liter fasst der unterirdische Regenwassertank. „Ein bis zwei Jahre ohne Regen halte ich damit locker durch“, sagt Jakob. Denn wirklich verbraucht wird nur Wasser, das er trinkt oder verkocht – oder das in seiner kleinen fußbetriebenen Waschmaschine landet, die auf der Terrasse neben der Eingangstür steht. Alles andere geht zurück in den Miniatur-Wasserkreislauf des Hauses. „Ich kann duschen, so lange ich will. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen.“ Eine Klospülung gibt es in dem Haus nicht. Denn das WC ist eben gerade kein „Water Closet“, sondern eine Trockentoilette. Was hier anfällt, landet über kurz oder lang als Dünger im Garten.

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PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Interessierte können sich selbst einen Eindruck verschaffen - Klemens Jakob führt an bestimmten Tagen Gäste durch sein kleines Zuhause. Termine unter ownworld.org

WEITERLESEN: Über die Ownhome-Projekte und solidarische Bauwirtschaft informiert auch die Seite www.sobawi.de

Klemens Jakob, der als junger Mann einmal nach Nordafrika radelte und später beim Kunststudium von Josephs Beuys’ Werk dazu inspiriert wurde, das eigene Leben als soziale Plastik zu sehen, hat für sich beschlossen: „Ich möchte nicht auf Kosten anderer leben.“ Ursprünglich hatte der gebürtige Franke „ein, in Anführungszeichen, normales Leben geführt“. Fester Job bei der Deutschen Bundespost, alltäglicher Alltag, Verlangen nach – Urlaub. Zweimal nahm er sich ein Vierteljahr unbezahlten Urlaub. „Weltbesichtigungszeit“, so Jakob. Für seine Afrika-Radtour wollte er schließlich ein ganzes Jahr Urlaub nehmen. Bekam er nicht. Also kündigte er.

„Als ich aus Afrika zurückgekommen bin, pfff …“ – Jakob schnaubt, als würde er sie gerade noch einmal durchleben: die Rückkehr von seiner horizontweitenden Weltwanderung, die Aussicht auf eine genormte Bundespostkarriere – “… da war ein sogenanntes normales Leben sehr, sehr schwierig.“ Er lernte die Mutter seiner Kinder kennen, eine Kolumbianerin. Sie lebten eine Zeit lang in Kolumbien, es folgten verschiedene Stationen in Deutschland. „Wir haben immer in irgendwelchen Gemeinschaftszusammenhängen gelebt“, erzählt Jakob. „Biologische Landwirtschaft. Biologische Baumschule. Solche Geschichten.“ Der Bruder seiner Partnerin war Landwirt auf einem Demeter-Hof nicht weit von Isingen. Er fragte sie, ob sie sich vorstellen könnten, auf dem Hof mitzuarbeiten, vor bald drei Jahrzehnten war das. Sie konnten. Jakob zog mit Frau und Kindern nach Baden-Württemberg, an den Rand der Schwäbischen Alb. Und blieb.

Die Idee für das genügsame, autarke Holzzuhause, in dem er heute lebt, war ihm 2015 gekommen, sagt Klemens Jakob. Er arbeitete zu jener Zeit für die Photovoltaikfirma seines Sohnes. Super Sache, so hatte er lange gedacht: „Wir verdienen unser Geld. Die Kunden verdienen ihr Geld. Und gemeinsam retten wir die Welt.“ Doch allzu oft erlebte er, was Wirtschaftswissenschaftler „Rebound-Effekt“ nennen: Das durch die eingesparte Energie eingesparte Geld wurde reinvestiert – in Dinge, die gar nicht im Sinne des Klimaschutzes sind. Als Jakobs Kunden am Wechselrichter sehen konnten, wie viel CO2 sie einsparten, setzte sich bei einigen von ihnen der imaginäre Rechenschieber in Bewegung, erzählt er. „Und dann ging das klack-klack-klack: Dafür können wir einmal mehr in den Urlaub fliegen. Oder ein dickeres Auto kaufen.“

Jakob stieg aus dem Solarstromgeschäft aus. Und ersann und erbaute, gemeinsam mit Unterstützern, sein „Ownhome“, wie er es nannte. „Eigen-Heim“. Was man im Sinne von „selbst besitzen“ verstehen kann und im Sinne von „selber machen“. Im Frühjahr 2016 begannen die Bauarbeiten. Im Herbst 2017 konnte er einziehen. Mit dem Minihaus hat er sein Leben so gestaltet, dass es Modell stehen kann für einen, so Jakob, „weltgerechten Lebensstil“, gemäß der goldenen Regel des Anthropozäns: Verbrauche nur so viele Ressourcen, wie jedem einzelnen Menschen bei einer global gerechten Verteilung zustehen. „Unser Lebensstil hier in Deutschland verschlingt das Fünffache von dem, was uns eigentlich zusteht. Als mir das klar wurde, hab ich gesagt: Nee, will ich nicht.“

Autark - und auffallend klein.

So ein Leben auf kleinem Fuß, sagt Jakob, habe nichts mit Verzicht zu tun. „Im Gegenteil. Das ist eine riesige Aufwertung, Luxus pur. Ich hab noch nie so komfortabel gelebt.“ Schließlich steige die Lebensqualität nicht automatisch mit mehr Besitz. „In unserer Gesellschaft lautet die Gleichung: Zeit ist Geld“, sagt Jakob. Aber das stimme nicht: „Zeit ist Leben.“ Er zeigt rauf, auf den Hügel, wo die Eigentumshäuser des Neubaugebietes stehen: „Kein Haus unter 500 000 Euro. Dreißig Lebensjahre.“

Sein Häuschen hingegen schenkt ihm Lebenszeit, Tag für Tag. Mini-Putzaufwand. Mini-Nebenkosten. Eine Tonne Holzbriketts oder Buchenholz für den Badeofen reiche ein Jahr, erklärt Jakob. Macht rund 250 Euro. Dazu das Methanol für den Campingkocher in der Küche, 30 Euro für zehn Liter. Einmal im Jahr ein neuer Schwebstofffilter und eine UV-Lampe für die Wasserreinigung, macht zusammen vielleicht 120 Euro. Dann noch die Müllabfuhr. Viel mehr ist es nicht.

Der Hausbau selbst hat Jakob zwar einiges an Zeit und, als Pionier, natürlich auch an Nerven gekostet, aber was das Geld angeht: Etwa 50 000 bis 60 000 Euro an Materialkosten kamen zusammen. Gemäß seiner eigenen Rechnung hieße das: etwa drei Lebensjahre.

Seine Lebenshaltungskosten hat er zusammen mit der Wohnfläche heruntergefahren. „Mit 1000 Euro im Monat komme ich sehr gut aus“, sagt Jakob. Davon bekomme er etwa 250 Euro als Spenden von Besuchern. An jedem ersten Samstag im Monat öffnet er sein Haus, Tag der offenen Tür, führt ein paar Dutzend Interessierte in Kleingruppen herum. Jakob ist zudem als Händler für Trockentrenntoiletten gelistet. Ab und an hilft er auf einer Lehmbaustelle mit oder installiert gemeinsam mit seinem Sohn eine Photovoltaikanlage. Ein Sammelsurium an Minijobs. Ein bisschen Geld komme obendrein durch Vorträge und Workshops herein. „Und immer wieder gibt es Menschen, die mir für meine Beratung etwas bezahlen.“ So wie Klemens Jakob das sagt, klingt es wie ein kleines Wunder.

Klemens Jakob könnte Kapital aus seiner Idee schlagen, Tiny Houses sind in Deutschland seit Jahren im Trend. Doch er möchte mit seinem kleinen Haus nicht das große Geld scheffeln. Damit, glaubt er, würde er ja nur wieder Teil jener kapitalistischen Wachstumslogik, die die Probleme erzeugt, zu deren Lösung er beitragen will. Kaufen kann man das „Ownhome“ deshalb nicht. Aber gerne selbst bauen, sagt Jakob. Alles, was man dafür brauche – Tipps, Pläne, Materiallisten, Hausmodelle, für die bereits Baugenehmigungen vorliegen –, finde man über die Internetseiten ownworld.org und sobawi.de. „Sobawi“ steht für „Solidarische Bauwirtschaft“, Klemens Jakob hat gemeinsam mit Mitstreitern einen Verein gleichen Namens gegründet.

Im Kleinen greift Klemens Jakobs Idee vom kleinen ökologischen Fußabdruck durch kleine, nachhaltige Holzhäuser bereits um sich. Drei weitere „Ownhomes“ sind derzeit in Planung oder schon im Bau. Eines im Schwarzwaldstädtchen Rottweil, zwei im Raum Berlin; wobei letztere beiden ans Wasser- und Stromnetz angeschlossen werden. Autark nein, nachhaltig ja.

Auch in Jakobs unmittelbarer Nachbarschaft sind weitere Minihäuser geplant. „Der Holzschuppen nebenan wird gerade abgebaut“, sagt er. „Dort werden einmal zwei kleine Rundhäuser stehen, die ineinander gehen. Am Ende sollen auf dem Grundstück so zehn, zwölf Menschen leben.“ Klemens Jakob braucht nicht mehr in die große, weite Welt gehen. Er holt sie zu sich, Afrika, Südfrankreich, Schweden und all die Weltbewohner.

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