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Roter Staub dringt in die Wohnungen. Eine Straße in Tamburi, neben dem Ilva-Werk.

Tarent in Italien

Giftiger Staub und leere Versprechen

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Ein riesiges Stahlwerk, Dioxin und Giftstoffe: Die italienische Hafenstadt Tarent hat eine hohe Sterblichkeitsrate, viele Kinder leiden an Krebs. Zahlreiche Bewohner erhofften sich von der Fünf-Sterne-Bewegung eine Verbesserung - sie wurden enttäuscht.

Der füllige Wirt hinter dem Tresen der „Mini Bar“ streicht mit dem Zeigefinger über ein Glasregal. „Da, heute Morgen erst habe ich gewischt“, sagt er. „Jetzt ist er wieder da.“ An seinem Finger klebt eine dicke Schicht gräulich-roter Staub. Keine 300 Meter entfernt türmen sich die Mineralien- und Kohlehalden der Ilva, des größten Stahlwerks Europas. Wenn der Wind aus Richtung Ilva weht, müssen die Leute in Tarents Stadtteil Tamburi ständig wischen, sagt der Wirt. Der rote Staub bedeckt die Autos, dringt in die Wohnungen, setzt sich in allen Ritzen ab. Aber das ist noch das kleinste Übel.

Carla Lucarelli und Angelo di Ponzio erinnern an Giorgios Leiden.

Gegenüber der Espresso-Bar, in der Kirche Gesù Divin Lavoratore – „Jesus, Göttlicher Arbeiter“ – läuten jeden Tag zwei Mal die Glocken für einen Trauer-Gottesdienst, erzählen Anwohner. Und in den übrigen drei Kirchen der Siedlung sei das auch so. Nicht nur im Arbeiterviertel Tamburi sterben mehr Leute als andernorts in Italien. Die ganze Hafenstadt Tarent mit ihren 200 000 Einwohnern hat eine erhöhte Sterblichkeitsrate. Das ist durch Studien belegt. Die Menschen sterben an Lungenkrebs, Leukämie und anderen bösartigen Tumoren oder an Herz-Kreislauferkrankungen. Es hat mit dem Staub, dem Dioxin, polyzyklischen Kohlenwasserstoffen und den Schwermetallen zu tun, mit denen das Ilva-Werk die Stadt vergiftet. Besonders gefährdet sind Kinder. Das Nationale Gesundheitsinstitut hat festgestellt, dass sie in Tarent 54 Prozent häufiger Krebs bekommen als in anderen Gegenden Apuliens. Bekannt ist der Umwelt-Skandal seit fast eineinhalb Jahrzehnten. Passiert ist so gut wie nichts. Im Januar hat der europäische Menschenrechtsgerichtshof Italien verurteilt, weil es die Bevölkerung rund um das Ilva-Werk nicht ausreichend schützt. Die Protestbewegung Fünf Sterne hatte jahrelang versprochen, die Dreckschleuder zu schließen. Aber jetzt regieren die Fünf Sterne Italien und Ilva produziert wie eh und je.

Das riesige Stahlwerk war Anfang der 60er Jahre eingeweiht worden, um den armen, bäuerlichen Süden Italiens zu industrialisieren. Heute bedeckt es eine Fläche von 15 Quadratkilometern, ist zweieinhalb Mal so groß wie Tarent. Auch Ölraffinerien wurden gebaut. Von den Hügeln des Nationalparks Terra delle Gravine sind die Schlote, Schornsteine und Rauchwolken, die Hochöfen, Koksereien und Verladekräne schon aus mehr als 20 Kilometern Entfernung zu sehen. Wie eine düstere Armee von Riesen stehen sie in der grünen Ebene Apuliens. Sie brachten Stadt und Region Arbeit und Brot. Mehr als 10 000 Menschen sind heute bei Ilva beschäftigt, noch einmal so viele bei den zahlreichen Zulieferern. Aber schon lange ist bekannt, dass die Stahlindustrie auch Tausenden den Tod brachte und bringt. Es ist ein Dilemma.

„Wir nennen die Ilva das Monster“, erzählen die Männer, die am Tresen der „Mini Bar“ ihren Espresso im Stehen trinken. Der Wirt sagt, er frage seine Gäste schon gar nicht mehr, wie es so geht. Fast jeder in Tarent hat einen Krebs- oder Todesfall in der Familie zu beklagen.

Die Bewohner ziehen weg

Viele Jalousien in Tamburi sind ständig geschlossen, die Bewohner weggezogen. Raffaele La Gioia führt in den fast ausgestorbenen Straßen des Viertels seinen Hund aus. Er lebt seit 25 Jahren in der Via Lisippo, in einem der Häuser direkt neben dem Ilva-Zaun. Vor seinen Fenstern ragen seit ein paar Monaten zwei riesige Tonnendächer auf, groß wie Bahnhofshallen und mehr als 70 Meter hoch. Sie wurden gebaut, um Umweltauflagen zu erfüllen und sollen verhindern, dass weiter Staub von den Halden weht. Völlig nutzlos seien sie, sagt La Gioia. Der hagere 51-Jährige hat zwei Jahrzehnte lang auf dem Ilva-Gelände gearbeitet. Jetzt ist er arbeitslos und hat ein Atemwegsleiden. Aber eine andere Wohnung, weit weg von Ilva und dem Staub, kann er sich nicht leisten.

Bei der Parlamentswahl 2018 stimmte er, wie so viele andere in Tarent, für die Fünf Sterne. Die Politik hatte stets dafür gesorgt, dass die Ilva-Produktion trotz der Gesundheitsgefahren weiterlaufen konnte. 2012 erließ die damalige Regierung eigens ein Ilva-Rettungsdekret, um die von der Staatsanwaltschaft verfügte Sperrung der Anlagen aufzuheben. Die Fünf Sterne dagegen versprachen Tarent eine saubere Zukunft ohne Ilva. Alle Arbeiter würden für einen umweltgerechten Rückbau des Werks umgeschult und weiter beschäftigt, sagte ihr Spitzenkandidat Luigi di Maio im Wahlkampf. Die Fünf Sterne bekamen in Tarent fast 50 Prozent der Stimmen.

Jetzt ist Di Maio seit einem Jahr Vize-Premier und als Minister für Wirtschaftsentwicklung auch für Ilva zuständig. Statt das Werk zu schließen oder zurückzubauen, wurde es an den französisch-indischen Stahlkonzern Arcelor-Mittal verpachtet. Die Schlote rauchen weiter. „Von wegen Regierung des Wandels“, schimpft Raffaele La Gioa, „die Fünf Sterne sind genau wie alle anderen“. Sie waren seine letzte Hoffnung. Bei der Europawahl wird er zuhause bleiben, sagt er.

Es gibt viele Wütende und Enttäuschte in Tarent. Carla Lucarelli und ihr Mann Angelo di Ponzio, ein Marine-Angestellter, haben einen Sohn wegen der Ilva-Gifte verloren. Giorgio, ein Junge mit dunkelblonden Locken und fröhlichem Lachen, starb im Januar an einem Weichteilsarkom, einer seltenen Krebsart, die durch Dioxin verursacht war. Er war 15 Jahre alt. Die Familie hatte nicht weit von Tamburi gelebt, im Stadtteil Paolo Sesto. Inzwischen ist sie in eine neue Wohnung gezogen, zwanzig Autominuten entfernt. Um ihre beiden anderen Söhne zu schützen, die elf und 17 sind, sagt Carla. Das Wohnzimmer ist noch immer nicht richtig eingerichtet, nur ein Sofa steht darin.

Ihre Zeit und Energie verwenden Carla und Angelo jetzt vor allem für ihr neues Lebensziel: Giorgios Leiden soll nicht umsonst gewesen sein, es soll sich endlich etwas ändern. Sie haben den Verein „Forever Giorgio“ gegründet, der andere betroffene Familien unterstützt. Bei jeder Anti-Ilva-Demonstration stehen sie in der ersten Reihe. Sie tragen dann T-Shirts mit dem Foto ihres toten Sohnes. Carla war auch dabei, als Minister Di Maio Ende April in Tarent Umwelt- und Bürgerinitiativen traf. Der Fünf-Sterne-Chef behauptete da, er habe nie eine Schließung des Werks versprochen. „Eine lächerliche Lüge“, schimpft Carla. Damals sagte sie beim Hinausgehen den zornigen Satz, sie werde di Maio erst die Hand reichen, wenn er seine Versprechungen wahrmacht. Er wurde in allen italienischen Medien zitiert.

Anti-Ilva-Aktivist Marescotti.

Auch Alessandro Marescotti war bei dem Treffen. Der graumelierte 61-Jährige in Jeans und Parka unterrichtet an einem technischen Gymnasium und ist ein stadtbekannter Anti-Ilva-Aktivist. Er war derjenige, der den Umweltskandal 2005 aufdeckte. In einer EU-Datenbank hatte er herausgefunden, dass die Dioxin-Werte in Tarent stark erhöht waren. Er ließ Lebensmittel aus der Region analysieren. Käse und Miesmuscheln waren bis zu elfmal stärker belastet als gesetzlich erlaubt. Marescotti brachte Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Gang, die schließlich in Anklagen gegen die früheren Besitzer mündeten, gegen die Industriellenfamilie Riva, die Milliarden in Steuerparadiese geschafft haben soll – ganz bewusst auf Kosten der Gesundheit der Menschen.

Marescotti, ein ruhiger, ernster Mann, hat früher einmal mit den Fünf Sternen sympathisiert, erzählt er vor Unterrichtsbeginn im Schulhof. Heute wirft er ihnen Propaganda vor. Als sich di Maio bei dem Treffen in Tarent damit brüstete, die Schadstoff-Emissionen der Ilva seien bereits um ein Fünftel zurückgegangen, widerlegte ihn Marescotti vor laufenden Kameras. Ruhig trug er Daten vor, die das Gegenteil beweisen. Sie stammten unter anderem von der Internetseite von di Maios Ministerium.

Nicht nur in Tarent haben die Fünf Sterne viele ihrer früheren Unterstützer tief enttäuscht, sagt Marescotti. In Norditalien hatten sie den Baustopp einer Hochgeschwindigkeitsstrecke von Turin nach Lyon versprochen, nahe Brindisi wollten sie den Bau einer Gaspipeline verhindern. Nichts davon haben sie wahrgemacht. In Umfragen sind sie mehr als zehn Prozentpunkte abgesackt, seit sie regieren. „Als di Maio im April kam, waren Scharfschützen auf Tarents Dächern postiert, Helikopter kreisten. Im Wahlkampf hatte er noch in der begeisterten Menge gebadet“, erzählt Marescotti mit spöttischem Lächeln.

Ganz anders sehen die Lage die „Freunde Beppe Grillos“ in ihrem Ladenbüro in Tarents Innenstadt, wo Di Maio als lebensgroße Pappfigur im Schaufenster steht. Jeden Dienstag treffen sich hier Fünf-Sterne-Aktivisten. Sie sind zu siebt an diesem Abend, mehrere Rentner, ein Freiberufler, ein Rollstuhlfahrer. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. „Man kann eine Fabrik nicht von einem auf den andern Tag abreißen“, sagt einer von ihnen. „Di Maio hat immer gesagt, der Rückbau dauert viele Jahre.“ Man müsse ihm Zeit geben. Die „Freunde Beppe Grillos“ sind fest überzeugt, dass die Zustimmung für die Protestbewegung ungebrochen ist. „Die Unzufriedenen sind eine Minderheit. Hier kommen sogar Leute vorbei, um sich zu bedanken.“ Schließlich hätten die Fünf Sterne dafür gesorgt, dass Arbeitslose und Bedürftige jetzt das „Bürgergeld“ bekommen.

Die Arbeitslosigkeit in Tarent liegt bei 18 Prozent. Trotz Ilva, der Raffinerie, trotz des Hafens und eines Marine-Stützpunkts. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen findet keinen Job. Die historische Altstadt, auf einer Insel zwischen dem Ionischen Meer und der Lagune „Mar Piccolo“, könnte ein Juwel sein. Aber sie ist entvölkert und verwahrlost. Die meisten Häuser stehen leer, sind einsturzgefährdet. Auch im neueren Stadtzentrum gibt es fast nur Billigläden.

Viele Entlassungen, Neueinstellungen gibt es nicht

Als Arcelor-Mittal vergangenen Herbst das Ilva-Werk übernahm, wurden 2600 Arbeiter entlassen. Der Stadtverordnete Massimo Battista war einer von ihnen. 21 Jahre lang war er Mechaniker bei Ilva gewesen. „Früher hat das Werk uns Wohlstand gebracht. Inzwischen sind die Hähne zugedreht“, sagt er. Neueinstellungen gibt es schon lange nicht mehr.

Battista war für die Fünf Sterne ins Stadtparlament gewählt worden. Im Herbst ist er aus der Bewegung ausgetreten, aus Protest. Er sagt, die Regierung aus Fünf Sternen und rechter Lega sei schlimmer als alle Vorgänger. „Die waren wenigstens überzeugte Vertreter der Industrie und haben das getan, was man von ihnen erwarten konnte.“ Die Fünf Sterne sind gescheitert, glaubt Battista. Bei der Europawahl werden sie die Quittung bekommen, sagt er. Nicht nur in Tarent.

Für die Stadt sieht er schwarz. Der Koloss Ilva arbeite seit fast sechzig Jahren ununterbrochen, sagt Battista, 24 Stunden, Tag für Tag. Die Anlagen seien völlig veraltet. Zwar hat sich Arcelor-Mittal verpflichtet, Teile davon zu erneuern, den Asbest zu entfernen, moderne Filter einzubauen. Aber bei laufendem Betrieb zu sanieren, das sei schlicht unmöglich. „Ein fahrendes Auto kann man auch nicht reparieren.“

Und selbst wenn die Fünf Sterne ihr Versprechen doch wahrmachen und das Werk stilllegen und zurückbauen wollten, so bräuchten die Menschen in Tarent doch eine Alternative. Tourismus, Landwirtschaft, saubere Technologien zum Beispiel. „Aber die haben auch nach einem Jahr an der Regierung überhaupt keinen Plan und keine Zukunftsvision“, sagt Battista. Ein so tiefgreifender Strukturwandel würde mindestens 15 Jahre dauern und viele Milliarden kosten. „Glauben die Fünf Sterne denn, dass sie so lange an der Regierung bleiben?“, sagt Battista kopfschüttelnd.

Andere geben die Hoffnung nicht auf. So wie Carla und ihr Mann Angelo, die weiterhin bei allen Demonstrationen in der ersten Reihe stehen wollen. Oder wie der Wirt der „Mini Bar“, der vor ein paar Jahren gemeinsam mit einer bekannten italienischen TV-Moderatorin eine Spendenaktion startete. Er ließ T-Shirts mit Dialekt-Sprüchen seiner Gäste drucken und verkaufte sie. Eine halbe Million Euro kam zusammen. Mit dem Geld ist vor zwei Jahren endlich eine Krebs-Station speziell für Kinder eingerichtet worden. Die hatte es in Tarent bis dahin nicht gegeben.

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