Ein Jahr nach dem Urteil gegen "El Chapo"
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Ein Jahr nach dem Urteil gegen „El Chapo“.

Mexiko

Die Gewalt nimmt kein Ende

Vor einem Jahr wurde der mächtige Drogenboss „El Chapo“ inhaftiert, gebessert hat sich die Situation in Mexiko dadurch nicht. Im Gegenteil: Immer neue Kartelle kämpfen um die Macht im Land.

Joaquín „El Chapo“ Guzmán, der berühmteste Drogenboss Mexikos, womöglich der Welt, verbringt heute seine Tage in einer dreieinhalb mal zwei Meter großen Zelle. Nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft in den USA vor einem Jahr, am 17. Juli 2019, kam der heute 63-jährige Ex-Chef des Sinaloa-Kartells in das Hochsicherheitsgefängnis der Stadt Florence im Bundesstaat Colorado. Seine Schreckensherrschaft ist vorbei. Die Gewalt der Kartelle in Mexiko aber noch lange nicht.

Zerstückelte Leichen werden immer wieder gefunden, ein Richter und seine Frau werden zu Hause erschossen, auf den Polizeichef der Hauptstadt wird ein Attentat verübt, bei einem Massaker in einer Entzugsklinik werden 27 Menschen getötet – all das und mehr ist allein im vergangenen Monat passiert. Im vergangenen Jahr wurden laut einer offiziellen Statistik im Durchschnitt fast 100 Menschen pro Tag in Mexiko ermordet. Trotz Corona-Krise ist es 2020 nicht weniger geworden.

Mitte vergangenen Monats, an einem Freitagabend im Juni, fuhren um die 20 Kleintransporter voller bewaffneter Männer in die Stadt Caborca in der Wüste des Bundesstaates Sonora, rund 150 Kilometer von der US-Grenze entfernt. Vermummte zündeten Häuser, Autos, eine Tankstelle und einen Lastwagen an. Die Stadt war offenbar ein Schauplatz eines Krieges zwischen Faktionen des Sinaloa-Kartells geworden.

„Es war eine Horrornacht“, erzählte eine Frau auf der Straße. „Wir sind ins hinterste Zimmer gegangen und haben eine Matte unter das Bett gelegt. Darauf haben wir geschlafen, in Angst davor, was passieren könnte.“ Später wurden zehn Leichen mit Schusswunden am Rande einer Landstraße des Orts entdeckt.

Drei Söhne Guzmáns – Iván Archivaldo, Jesús Alfredo und Ovidio, bekannt als die „Chapitos“ – ließen den mexikanischen Staat im vorigen Jahr schlecht aussehen, als sie in Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, Angst und Schrecken verbreiteten. Der Armee war es gelungen, den 30-jährigen Ovidio festzunehmen, aber seine Brüder erzwangen mit einem Gewaltausbruch seine Freilassung.

Währenddessen breitet sich ein neueres Kartell schnell aus: das Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG), das früher mit dem Sinaloa-Kartell von „El Chapo“ verbündet war und nun ein Rivale ist. CJNG-Chef ist Nemesio Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“. Für Hinweise, die zur Festnahme führen, hat die US-Regierung zehn Millionen Dollar ausgelobt.

Die Gruppe des gesuchten „El Mencho“, die in mehr als 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten präsent ist, hat sich durch den hemmungslosen Gebrauch von schweren Kriegswaffen hervorgetan. Vor fünf Jahren holten sie sogar einen Militärhubschrauber aus der Luft – neun Menschen starben bei dem Angriff.

Nur wenige Stunden nach dem heimtückischen Attentat auf ihn am 26. Juni dieses Jahres schrieb der angeschossene Polizeichef von Mexiko-Stadt, Omar García Harfuch, von seinem Krankenhausbett aus auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: Es handle sich um einen Angriff des Cártel Jalisco Nueva Generación.

In ihrem jährlichen Bericht zur Bedrohung durch Drogen für 2019 schrieb die US-Antidrogenbehörde DEA über kriminelle Organisationen aus Mexiko: „Keine anderen Gruppen in Mexiko sind derzeit in der Lage, die Kartelle herauszufordern.“ Der Schmuggel von Fentanyl, einem synthetischen Opioid, das 50-mal stärker ist als Heroin, ist im Moment ein besonders großes Geschäft.

Aber der Drogenhandel ist längst nicht die einzige Einnahmequelle der knapp 200 kriminellen Organisationen, die es nach einem Bericht des Forschungsinstituts International Crisis Group im nordamerikanischen Mexiko gibt. Viele Gruppierungen wenden sich neben dem Drogengeschäft auch anderen kriminellen Machenschaften zu.

Darunter sind regionale Gruppen wie zum Beispiel das Kartell Santa Rosa de Lima, das aus dem Diebstahl von Kraftstoff erwuchs, und das Nordost-Kartell, das unter anderem Migrantinnen und Migranten entführt, um Lösegelder zu fordern. „Im Allgemeinen sind mexikanische kriminelle Organisationen kleiner und kleiner geworden“, heißt es in dem Bericht der US-Antidrogenbehörde. „Sie kämpfen um bescheidene Stücke der Wirtschaft, wie Produktion und Vertrieb von Tabak, Avocados und Schweinswalleber – eine Delikatesse in der chinesischen Küche.“

Das Vermächtnis von „El Chapo“ lebt in Mexiko in der Gewalt seines Kartells weiter, aber auch im Persönlichkeitskult um ihn. Seine Tochter Alejandrina betreibt eine Marke, die seinen Namen trägt. Sein Konterfei ziert Kleidung, Bierflaschen und während der Corona-Krise auch Mundschutzmasken.

„El Chapo“ hatte 2016 in einem Interview des US-Schauspielers Sean Penn für das Magazin „Rolling Stone“ dem Geschäft mit Drogen eine lange Zukunft vorausgesagt. „Am Tag, an dem ich nicht mehr existiere, wird es nicht nachlassen.“ Diese Prophezeiung bewahrheitet sich gerade. (dpa)

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