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Das Jallianwala-Bagh-Massaker vom 13. April 1919 in Amritsar, wie es ein Gemälde im Central Sikh Museum der Stadt darstellt.

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Gewalt, Gegengewalt und Gegengewaltgewalt

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Der brutale Einsatz der britischen Kolonialmacht gegen friedliche Demonstranten in Amritsar im April 1919 hat den Kampf gegen den Kolonialismus weltweit beflügelt. Er hat aber auch dazu beigetragen, ihn gefährlich zu brutalisieren

Am 13. April 1919 hatten sich etwa 15?000 bis 20?000 Sikhs, Moslems und Hindus im Jallianwala-Park von Amritsar, einer Stadt in der Provinz Punjab im Nordwesten Indiens, zu einer Protestkundgebung eingefunden. Der noch immer sogenannte Park war 1919 schon lange keiner mehr. Er war zu einem unebenen, unbebauten Gelände von 225 mal 180 Metern geworden, auf dem die Einwohner ihren Müll abluden. Der 13. April ist der Tag des Vaisakhi-Festes. Die Hindus feiern an diesem Tag Neujahr. Sie erinnern sich daran, wie vor Jahrtausenden die Göttin Ganga – Ganges – auf die Erde kam. Für die Sikhs ist Vaisakhi der Tag, an dem im Jahre 1699 der Orden der Reinen, der Khalsa, gegründet wurde. So waren an diesem hohen Festtag Zehntausende in der Stadt.

Amritsar war in Aufruhr. Am 18. Januar des Jahres waren Gesetzesentwürfe veröffentlicht worden, die es der Polizei u. a. erlauben sollten, jederzeit in jedes Haus gehen zu dürfen. Also auch dann, wenn kein Mann, sondern nur Frauen im Haus waren. Gegen dieses Vorhaben kam es zu massiven Protesten. Gandhi rief, als einer der Vorschläge am 21. März 1919 in die Tat umgesetzt wurde, für den 6. April zu einem „Hartal“ auf, zu einem Fasten- und Gebetstag, also zu einem Generalstreik. Der Streik verlief friedlich. Bis Michael O’Dwyer (1864-1940), der britische Gouverneur des Punjab, zwei Führer des Protests aus Amritsar verschleppte und Gandhi die Einreise in den Punjab verwehrte. Das führte zu einem Generalstreik und einer Demonstration von etwa 50?000 Menschen in Amritsar. Auf die protestierende Menge wurde geschossen. Es soll zwanzig bis dreißig Tote gegeben haben.

Jetzt wurden Regierungsgebäude und Banken angegriffen, fünf Europäer wurden zu Tode geprügelt. Die Armee wurde gerufen. Brigade-General Reginald Edward Harry Dyer (1864-1927) traf am Abend des 11. April in Amritsar ein. Sofort übernahm er das Kommando. Am 12. April veröffentlichte er ein Verbot aller Versammlungen. Am 13.?April kamen Tausende aus den umliegenden Dörfern zum großen Festtag. Von dem Versammlungsverbot wussten die meisten, bis sie in der Stadt eintrafen, nichts. General Dyer ließ im Jallianwala-Park 150 Männer mit Gewehren und ein Panzerfahrzeug mit einem Maschinengewehr Position beziehen. Dennoch verlief die Versammlung friedlich. Eine Resolution wurde angenommen, die eine Rücknahme der neuen Gesetze verlangte und eine zweite, die die Schüsse vom 10. April verurteilte. Zur Abstimmung über die dritte Resolution gegen die Repressionspolitik der Regierung kam es nicht mehr. Denn General Dyer gab Schießbefehl. Der Panzerwagen hatte die schmale Zufahrt zu dem „Park“ nicht passieren können. So schossen jetzt die Soldaten aus 150 Gewehren zwanzig Minuten lang auf die unbewaffnete Menge, in der sich viele Frauen und Kinder befanden.

Der offizielle Bericht sprach später von 379 Toten und 1?200 Verwundeten. Ein anderer kam auf mehr als 1?000?Tote. Im ganzen Punjab kam es zu Massenprotesten. Fünf der Verwaltungsdistrikte der Provinz wurden unter Kriegsrecht gestellt. Eine Kommission, die die Vorfälle untersuchte, kam zu dem Schluss, General Dyer habe sich einer „falschen Vorstellung von soldatischer Pflicht“ schuldig gemacht. Er wurde seines Kommandos enthoben und verließ vorzeitig die Armee. Es fehlte nicht an Menschen, die fanden, nicht die Hunderte erschossenen Inder seien die Opfer, sondern General Dyer. Politiker der konservativen Partei schenkten ihm ein mit Juwelen geschmücktes Schwert, das die Aufschrift trug: „Dem Retter des Punjab“.

Was am 13. April 1919 im Jallianwalla-Park passierte, ging in die Geschichtsbücher als das Amritsar-Massaker ein. Als der Anfang vom Ende der britischen Herrschaft über Indien. Es kam zu einem in der ganzen Welt beachteten Prozess. In seiner Vernehmung erklärte Dyer, er hätte die Menge ohne Problem auch ohne zu schießen auflösen können, aber dann wären die Menschen wiedergekommen und hätten ihn ausgelacht. Er wäre zu einer Spottfigur geworden. Die brutale Massenerschießung sollte ganz Indien, so Dyer, klarmachen, dass jeder Widerstand erbarmungslos niedergeschlagen, dass er an keiner Stelle, niemals, zu Erfolgen führen werde. Aber das Amritsar-Massaker brach den Widerstand gegen die britische Kolonialmacht nicht. Es stärkte ihn.

Allerdings stärkte es auch den gewaltbereiten Flügel der Opposition. Es bildeten sich – gerade unter den Sikhs – terroristische Organisationen, die einen ihrer Hauptfeinde in Gandhis gewaltfreiem Widerstand sahen. Auch Udham Singh, der als 19-Jähriger das Amritsar-Massaker überlebt hatte, schloss sich nach dem Massaker den bewaffneten Kämpfern an. Er ging in die USA, um dort die Exil-Inder für den Kampf gegen die britische Besatzung zu organisieren. 1927 kam er zurück, ging ins Gefängnis, kam wieder frei. Seit 1934 lebte er in London. Am 13. März 1940 um 16.30 Uhr war er in der Caxton Hall, bei einer gemeinsamen Veranstaltung der East India Association und der Royal Central Asian Society. In einem Buch, das er passend ausgeschnitten hatte, hielt er einen Revolver versteckt. Vorne, in der ersten Reihe saß Michael O’Dwyer, der ehemalige Gouverneur des Punjab, der sich niemals hatte für das Massaker verantworten müssen. Dabei hatte er die Armee gerufen und das Massaker öffentlich eine „korrekte Handlung“ genannt. Als O’Dwyer sich erhob, um ein paar Worte an die Versammlung zu richten, ging Udham Singh auf ihn zu und streckte ihn mit fünf, sechs Schüssen nieder. Singh wurde sofort überwältigt und am 31. Juli 1940 erhängt. Während seines Prozesses erklärte er: „O’Dwyer war der eigentlich Verantwortliche. Er wollte den Geist meines Volkes brechen, also vernichtete ich ihn. Seit 21 Jahren habe ich versucht, Vergeltung zu üben. Ich bin froh, dass ich die Aufgabe erledigt habe.“

Nehru und Gandhi hatten die Ermordung des Ex-Gouverneurs sofort verurteilt. Der deutsche Rundfunk soll damals, als das Reich große Teile Europas besetzt hielt, erklärt haben: „Ein gequältes Volk schrie mit Schüssen.“ Der linke New Statesman schrieb: „Nach zweihundert Jahren Herrschaft wissen die britischen Konservativen immer noch nicht, wie man mit Irland umgehen soll. Ähnliches kann man wohl auch über die britische Herrschaft in Indien sagen. Werden die Historiker der Zukunft nicht vielleicht berichten müssen, dass nicht die Nazis, sondern die herrschende Klasse Großbritanniens das britische Empire zerstörte?“

1952, der siebzigjährige Gandhi war am 30. Januar 1948 ermordet worden, änderte Nehru, inzwischen Premierminister Indiens, seine Meinung über den Mörder des Ex-Gouverneurs und erklärte: „Ich grüße voller Ehrfurcht Udham Singh, der gehängt wurde, damit wir frei werden konnten.“ Im Juli 1974 wurde Udham Singh exhumiert und seine Überreste wurden nach Indien gebracht. Am Flughafen in Neu-Delhi nahmen Shankar Dayal Sharma, Präsident der Kongresspartei, und Zail Singh, Ministerpräsident des Punjab, den Sarg in Empfang. Premierministerin Indira Gandhi ehrte Singh ebenfalls. Später wurde Singhs Leichnam in seinem Geburtsort Sunam verbrannt und seine Asche wurde in den Sutlej-Fluss gestreut. Udam Singh, das darf man nicht vergessen, hatte irgendwann während seiner revolutionären Laufbahn seinen Namen geändert in Ram Mohammad Singh Azad. So hatte er Hinduismus, Islam und Sikhismus vereint unter Azad – und das heißt Freiheit.

Der Jallianwala-Park wurde gleich nach dem Massaker von 1919 zu einer nationalen Pilgerstätte. Es gab schon damals Pläne für ein Denkmal, das an die Untat der Kolonialmacht erinnern sollte. Aber natürlich kam es dazu erst nach der Gründung des unabhängigen Indiens. Am 13. April 1961 wurde ein Denkmal, übrigens entworfen von dem amerikanischen Architekten Benjamin Polk, eingeweiht. Die Inschrift lautet: „Zur Erinnerung an die Märtyrer vom 13. April 1919“. Auf Hindi, Punjabi, Urdu und Englisch. Eine halbkreisförmige Veranda um einen Swimmingpool für Kinder markiert die Stelle, von der aus die 150 Soldaten auf die Menge schossen.

Königin Elizabeth II. verlor bei ihren Staatsbesuchen 1961 und 1983 kein Wort über das Amritsar-Massaker. Aber als sie 1997 dort war, erklärte sie: „Es ist kein Geheimnis, dass es in unserer Vergangenheit schwierige Momente gab – Jallianwala Bagh, das ich morgen besuchen werde, ist ein bedauerliches Beispiel. Aber Geschichte kann nicht umgeschrieben werden, so sehr wir es uns auch manchmal wünschen. Es gibt die Augenblicke der Trauer und die der Freude. Von den traurigen müssen wir lernen und auf den freudigen aufbauen.“ Am nächsten Tag in Jallianwala Bagh legte sie am Denkmal, ihre Schuhe hatte sie ausgezogen, einen Kranz nieder. Und es gab ein dreißig Sekunden langes Schweigen. Keine Schweigeminute.

Im Februar 2013 besuchte mit David Cameron erstmals ein amtierender englischer Premierminister die Gedenkstätte. Auch er legte einen Kranz nieder und erklärte, das Amritsar-Massaker sei „ein zutiefst beschämendes Ereignis der Geschichte Großbritanniens, eines, das Winston Churchill seinerzeit ganz zu Recht als monströs bezeichnete. Wir dürfen niemals vergessen, was hier geschah, und wir müssen sicherstellen, dass das Vereinigte Königreich sich für das Recht auf friedlichen Protest einsetzt.“ Auch von ihm kein Wort der Entschuldigung.

Aber diese Geschichte von Kolonialismus und Antikolonialismus ist nicht vollständig, wenn man nicht daran erinnert, was am 5. Juni 1984 – ganz ohne westlichen Kolonialismus – in Amritsar geschah: Nehrus Tochter, die Ministerpräsidentin Indira Gandhi, ließ den Goldenen Tempel von Regierungstruppen stürmen. Dort hatten sich militante Sikhs verschanzt. Bei der Aktion kamen etwa 500 Menschen ums Leben. Die Antwort kam postwendend. Am 31. Oktober des Jahres wurde Indira Gandhi von zwei Sikhs, Angehörigen ihrer Leibwache, getötet. Daraufhin wurden in den ersten drei Tagen nach dem Anschlag allein in Neu-Delhi von aufgehetzten Massen 4?000 Sikhs getötet. Erst danach intervenierte die Armee zum Schutz der Sikhs.

Ohne Wikipedia hätte dieser Artikel nicht geschrieben werden können und schon gar nicht ohne Richard Attenboroughs großartigen Gandhi-Film.

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