1. Startseite
  2. Panorama

Obdachlosigkeit: „Gewalt gegen Wohnungslose ist häufig rechtsextrem motiviert“ 

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Lutz Büge

Kommentare

Schwarz-weiß Foto von einem Straßenübergang. Auf der anderen Straßenseite steht ein mit Tüten und Taschen bepacktes Fahrrad.
Wenn der ganze Besitz in ein paar Plastiktüten passt. © hoffi99 / Photocase

Die Sozialpädagogen Jürgen Malyssek und Klaus Störch sprechen im FR-Blogtalk über Obdachlosigkeit in Zeiten der Corona-Pandemie.

In Zeiten der Pandemie beschäftigen sich Menschen vor allem mit sich selbst - könnte man meinen. Wie erleben Sie gegenwärtig die Hilfsbereitschaft?

Jürgen Störch: Viele Menschen setzen sich weiterhin mit der Lage von Wohnungslosen auseinander und sehen nicht einfach nur zu. Wir bekommen sehr viele Anrufe von Bürger:innen mit der Frage: Wie können wir konkret helfen? Beeindruckt hat mich eine junge Erzieherin aus Eschborn, die uns angerufen hat, um auf einen obdachlosen Mann in ihrer Stadt aufmerksam zu machen. Sie hatte ihn am Bäckereistand eines Supermarkts kennengelernt und spontan Kaffee und ein belegtes Brötchen ausgegeben. Zu dieser Zeit war es sehr kalt. Die Begegnung ließ der Frau keine Ruhe. Sie wusste nur, dass er in einem nahen Park biwakierte. Sie machte sich mit ihrer Freundin auf den Weg, durchkämmte auch das Gestrüpp und fand den Mann endlich nach vier Stunden, um ihm Hilfe anzubieten. Sie hatte sich Rat bei den Mitarbeiter:innen vom Kältebus und in unserer Einrichtung geholt. Wir haben dem Wohnungslosen Schlafsack, Decken, Rucksack, Wäsche, Handschuhe, Essen und heiße Getränke gebracht. Da ist eine junge Frau, die nicht einfach wegschaut, sondern Initiative zeigt. Sie verabredet sich jetzt täglich um acht Uhr in der Früh mit ihm auf eine Tasse Kaffee.

Trotz Pandemie: Unterstützer berichten von viel Solidarität für Wohnungslose

Wünschen Sie sich mehr derartige Unterstützung?

Störch: Wir erhalten im Moment sehr viel Unterstützung aus der Bürgerschaft. Ich denke dabei auch an Artikel in der Rundschau. Als Reaktion darauf bekamen wir mehrere Anrufe. Ja, wir erleben im Moment sehr viel Solidarität, um dieses große Wort zu verwenden.

Malyssek: Die angesprochene Hilfsbereitschaft ist ein Markenzeichen der Wohnungslosenhilfe der Caritas in Limburg. Sie ist vor allem durch das Wechselspiel zwischen Ehrenamtlichkeit und der professionellen Hilfe wirkungsvoll. Das funktioniert richtig gut. Wiesbaden hat nicht gerade eine unproblematische Bürgerschaft, was die soziale Frage, Sicherheit und Ordnung betrifft, aber auch da ist man in den kalten Monaten aufgewacht, und es gab etliche Hilfeangebote aus der Bevölkerung, wie ich in der Diakonie-Teestube erfahren habe. Das ist nicht selbstverständlich.

Corona und Obachlosigkeit: Auf niedrigschwellige Angebote kommt es an

Im Winter ist es bedrohlich kalt für wohnungslose Menschen, aber die Pandemie kommt ja noch hinzu.

Malyssek: Die Wohnungslosenhilfe musste schon immer über Winter und die Kälte hinausdenken und jetzt auch über die Pandemie. Es kommt darauf an, möglichst niedrigschwellige Angebote zu machen. Das bedeutet, dass die Angebote für die Betroffenen einfach zugänglich und nicht mit Auflagen verbunden sind. Auch müssen die Menschen keine Geschichten erzählen, um die konkrete Hilfe zu bekommen. Ambulante Hilfen, Teestuben, Wärmestuben, Frühstückstreffen, Kurzzeitübernachtungen, um ein paar Beispiele zu nennen.

Störch: Ja, Niedrigschwelligkeit ist für die Wohnungslosenarbeit von besonderer Relevanz. Wir wollen, dass die Menschen einen möglichst einfachen, barrierefreien Zugang zur Infrastruktur und zu sozialen Hilfe- und Beratungsangeboten erhalten. Praktisch funktioniert das über die Tagesstätte, in die jede und jeder voraussetzungslos kommen kann, um einfach nur Kaffee zu trinken, Zeitung zu lesen oder ein „Schwätzchen“ zu halten, also soziale Kontakte zu pflegen.

Zur Person

Jürgen Malyssek ist Sozialtherapeut und war bis 2005 Sozialarbeiter und Fachreferent für Wohnungslosenhilfe, Armut und Soziale Sicherung beim Caritasverband Limburg.

Klaus Störch ist Diplom-Pädagoge und Leiter im Haus Sankt Martin am Autoberg, welches zur Wohnungslosenhilfe des Caritasverbands Main-Taunus gehört.

„Wohnungslose Menschen“ heißt das Buch, in dem die beiden Autoren die Lebenswirklichkeit der Betroffenen beschreiben und soziale Strukturen kritisch hinterfragen. Erschienen 2020 im Lambertus-Verlag, 294 Seiten, 26 Euro.

Das Interview wurde im Online-Forum der FR geführt. Mehr dazu auf: www.frblog.de.

Im vergangenen Winter hat eine 20-jährige Obdachlose in Nürnberg bei Eiseskälte über einem U-Bahn-Abluftschacht ein Kind zur Welt gebracht. Sie versuchte zunächst, das Neugeborene und sich selbst mit einem Schlafsack vor der Kälte zu schützen. Polizei und Rettungswagen trafen noch rechtzeitig ein; Mutter und Kind wurden in eine Klinik gebracht. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Berichte lesen?

Malyssek: Das Nächtigen über einem U-Bahn-Abluftschacht ist nichts Unübliches, aber die Geschichte mit der Geburt ist gewiss nicht alltäglich. Jedenfalls haben die Rettungsaktionen funktioniert. Das finde ich erst mal sehr beruhigend. Dass auch schwangere Frauen draußen oder in Schutzräumen übernachten, ist zumindest nicht ungewöhnlich.

Störch: Dieses Beispiel zeigt die Grenzen des Hilfesystems auf: Nicht alle wohnungslosen Menschen werden erreicht. Viele sind für uns, die in der Wohnungslosenhilfe tätig sind, „unsichtbar“. Manche verweigern sich bewusst. Durch aufsuchende, vertrauensbildende Straßensozialarbeit kann man sicher manche „Dramen“ verhindern. Wichtig ist die Aufklärung und die Sensibilisierung der Gesellschaft. Wir müssen unseren Blick schärfen für die Not und das Elend auf der Straße und dürfen nicht gleichgültig weitergehen.

Sozialer Konflikt: Wenn Wohnungslose sich zur Schicht der „Überflüssigen“ fühlen

Sie beschreiben gewissermaßen eine komplett andere Lebensrealität für Wohnungslose ...

Störch: Das Beispiel der jungen Mutter zeigt vielleicht eine besondere Ausdrucksform eines sozialen Konflikts; die Erfahrung, eben nicht zugehörig zu sein, zur Schicht der „Überflüssigen“ und Ausgeschlossenen zu zählen.

Malyssek: Um diese Erfahrung der Nichtzugehörigkeit geht es ja gerade. Ich meine, dass man das irgendwie kennen muss, um sich auch in die Lage des „Überflüssigen“, des Ausgeschlossenen besser hineinzuversetzen, in die Lage der Wohnungslosen. Das macht auch einen wichtigen Teil der Arbeit in der Wohnungslosenhilfe aus.

Welche extremen Fälle sind Ihnen bei der Arbeit begegnet?

Malysssek: Sehr zu Herzen ist mir in jüngeren Jahren die allmähliche gesundheitliche Verschlechterung eines Betreuten im Wohnheim gegangen, der als berenteter Bergarbeiter mit Staublunge zu uns gekommen war. Er hat in seinen letzten Jahren um die Anerkennung seiner geschiedenen Frau und seiner Tochter gekämpft und dabei gesundheitlich an Kraft verloren. Das Abschiednehmen von diesen besonderen Menschen, die wir, ich, über lange Zeit gekannt haben. Solche Bilder bleiben.

Störch: Der Tod auf der Straße, das ist ein Thema, das mich umtreibt. Da gibt es viele Geschichten, viele einzelne Schicksale. Ich habe viele Wohnungslose bei ihrer letzten Reise begleitet. Und oft war da kein einzelner Trauergast, kein Freund, keine Bekannten, keine Verwandten.

Hartz 4: Grundsicherung schützt nicht vor Obdachlosigkeit als Ursache?

Reden wir über die Ursachen. Hierzulande gibt es in Gestalt von Hartz IV eine Grundsicherung, ein sogenanntes Existenzminimum. Das schützt aber offenbar nicht immer vor dem Absturz. Allein der Stromverbrauch ist ein Riesenthema - gerade für Menschen in Grundsicherung. Für Wohnen und Energie sind im aktuellen Hartz-IV-Regelsatz (449 Euro) 38,07 Euro vorgesehen. Doch 2019 gab es in Deutschland knapp 50 000 Zwangsräumungen.

Malyssek: Wir dürfen nicht zu sehr auf diese Zahlen allein blicken. Zwangsräumungen sind ein Fakt, aber damit lässt sich nicht die Zahl der potenziellen Wohnungslosen ableiten. Selbst bei Zwangsräumung haben Stadt und Kommune dafür zu sorgen, dass den Zwangsgeräumten eine Ersatzunterkunft zur Verfügung gestellt wird, etwa Notunterkünfte. Der Weg in die Wohnungslosigkeit kann ein langer Prozess des gesellschaftlichen Scheiterns des Einzelnen sein, der viele Faktoren aufweist.

Störch: Ob eine persönliche Krise in die Obdachlosigkeit führt, ist auch abhängig von der individuellen psychischen Disposition, der Widerstandskraft des Einzelnen und seiner sozialen „Kompetenz“, auch krisenhafte Lebenssituationen und Konflikte unbeschädigt zu überstehen. Wohnungslos zu sein, das bedeutet vor allem: keinen eigenen Wohn- und Rückzugsraum zu haben, die Tage und Nächte im öffentlichen Raum, in Tiefgaragen, leerstehenden Häusern, bei Freund:innen, Bekannten, in Notunterkünften oder in S- und U-Bahn zu verbringen. Der wenige Besitz passt in einen Rucksack oder in eine Plastiktüte. Hinzu kommen Gewalt und Vertreibung. Diese Erfahrungen sind in unterschiedlicher Ausprägung allen Wohnungslosen gemein.

Gewalt gegen Wohnungslose: „Überdurchschnittlich rechtsextrem und rassistisch motiviert“

Gewalt gegen Wohnungslose – auch durch Wohnungslose? Manche schlafen anscheinend trotz Eiseskälte lieber draußen, um Gewalt und Diebstahl in der Notunterkunft auszuweichen.

Malyssek: Nein, das ist nicht das Thema. Da geht es in der Szene zwar schon etwas hart zur Sache, vielleicht auch, weil zu viel getrunken worden ist oder irgendwelche Eifersüchteleien im Spiel sind. Die Gewalt gegen Wohnungslose, das haben wir auch im Buch festgehalten, ist aber überdurchschnittlich rechtsextrem und rassistisch motiviert. Sie passiert durch einen tiefgründigen Hass gegen alle Menschen, die ganz unten leben.

Störch: Ich habe sehr wohl den Eindruck, dass nicht nur der Ton unter den Wohnungslosen in den letzten Jahren rauer geworden ist, auch physische Gewalt kommt häufiger vor. Wir müssen immer wieder Hausverbote aussprechen, um die Klienten, aber auch die Mitarbeiter zu schützen. Mittlerweile ist bei uns im Haus ein Deeskalationstraining Standard. Noch nie mussten wir so viele Hausverbote aussprechen. Nicht erst seit dem „Corona-Blues“. Dazu kommen häufig auch Gewaltandrohungen. Aus Gesprächen wissen wir, dass viele Einrichtungen gemieden werden, weil sich die Wohnungslosen vor Diebstahl und Gewalt schützen wollen.

Es ist an verschiedenen Ecken und Enden zu beobachten, dass das Gewaltpotenzial in der Gesellschaft steigt. Also auch bei den Wehrlosesten der Wehrlosen, den Wohnungssuchenden und Obdachlosen, wie Sie schon angedeutet haben?

Malyssek: Das Thema hat eine größere Dimension, deshalb hole ich etwas aus: Während des Nazi-Terrorregimes gab es die „Asozialen- und Arbeitsscheuenfrage“. Wir erkennen sie heute wieder an der existierenden Verachtung von sozial benachteiligten Menschen. Es gibt so etwas wie eine Beharrlichkeit von traditionellen Denkweisen im Umgang mit Wohnungslosen und anderen Außenseitern. Während der Nazizeit wurden die Wohnungslosen, „Nichtsesshaften“, „Landstreicher, „Asozialen“, „Volksschädlinge“, „Arbeitsscheuen“ verfolgt, vernichtet, verwahrt oder mit Zwang zur Arbeit der Armenfürsorge übergeben. Nicht viel anders erging es auch den psychisch Kranken. Die nationalsozialistische Ausrottungspolitik fand ohne großen Widerstand der damaligen „Wanderarmenhilfe“ statt. Hier mache ich einen Sprung in den Geist der Agenda 2010, die Renaissance der Bestrafung von Nichtarbeitenden, ich zitiere: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ (Franz Müntefering, SPD) „Hartz IV nur gegen Arbeit“ (Wirtschaftsminister Michael Glos, CSU, 2007): keine Leistung ohne Gegenleistung. „Es gibt kein Recht auf Faulheit“ (Gerhard Schröder, 2001). „Faulheit ist Gift, zersetzt Moral, Charakter und Kultur“ (Ulf Poschardt, „Die Welt“, 2006). Ich denke, dass sich gerade der Blick zurück lohnt, um sich der Frage nach der Gewalt gegen Wohnungslose anzunähern.

Hat die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen Wohnungslose stets rechtsradikale Ursprünge?

Malyssek: Die Gewalttaten sind häufig rechtsextrem und rassistisch motiviert, kommen aber auch aus der Mitte der Gesellschaft. Wohnungslose werden dann als „gesellschaftlich unproduktiv“, als „Parasiten“, „Penner“ und „Assis“ angesehen. Es spielen aber auch andere gesellschaftliche Missstände eine Rolle, da bei jugendlichen Tätern eine große Gefühlskälte und Rücksichtslosigkeit verbunden mit einem erdrückenden Zustand der Langeweile festgestellt werden kann. Die Anklagen, Diffamierungen, der Hass kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Es will nicht in das Bild des Gutbürgerlichen passen, dass sich diese „ekelhaften Typen“ in der Fußgängerzone aufhalten.

Interview: Lutz „Bronski“ Büge

Auch interessant

Kommentare