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Besser den Mund zulassen - denn im verschmutzten Wasser können Antibiotika-resistente Bakterien sein, die sich gerne im Darm ansiedeln.

Badegewässer

Getrübter Wasserspaß

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Multiresistente Keime in Seen und Flüssen sind für gesunde Menschen nicht gefährlich. Ein Problem ist aber die Verbreitung der Erreger.

Es war ein Schock für viele Badefreunde und Wassersportler. Wissenschaftler der Uni Dresden und der Uniklinik Gießen hatten Anfang des Jahres multiresistente Keime (MRE) im Wasser und in den Sedimenten von Flüssen, Bächen und Badeseen gefunden – also jene Erreger, von denen die meisten Zeitgenossen bisher nur im Zusammenhang mit Krankenhäusern und Tierställen gehört hatten. Darunter waren auch Keime, gegen die die Reserve-Antibiotika nicht mehr wirken – das letzte Mittel, das Ärzte bei besonders hartnäckigen Infektionen einsetzen. Jetzt, zu Beginn der Badesaison, fragen sich viele Wasserfans: Kann man sich überhaupt noch ohne Bedenken in die Badeseen stürzen?

Die Nachricht hatte selbst Experten erstaunt. Es war zwar klar, dass Antibiotika-resistente Erreger, deren Zunahme in Kliniken seit vielen Jahren zu beobachten ist, irgendwann auch in der Umwelt zu finden sein würden. Doch dass die in Niedersachsen genommenen Proben so stark belastet sind, war nicht erwartet worden, ebenso, welche Arten von Keimen nachgewiesen wurden. Der Antibiotika-Experte des Robert-Koch-Instituts, Tim Eckmanns, sagte dem NDR-Team des Magazins Panorama, das die Untersuchungen in Auftrag gegeben hatte: „Das ist wirklich alarmierend.“

Auslöser für die vom NDR in Auftrag gegebenen Untersuchungen war ein Unfall bei Frankfurt im März 2017 gewesen. Ein Mann war in einen Bach gestürzt und dann in der Uniklinik behandelt worden, wo die Ärzte multiresistente Keime in seiner Lunge fanden. Der Mann starb später in dem Krankenhaus, allerdings aus anderen Gründen. Der Verdacht kam auf: Die Keime stammten aus dem Wasser des Bachs.

Untersuchungen des Frankfurter Gesundheitsamtes ein halbes Jahr später zeigten, dass hier ein mögliches Problem lauert. Multiresistente Erreger wurden in fünf von 19 untersuchten Flüssen, Bächen oder Weihern nachgewiesen; bei einem späteren Test erwies sich, dass sogar alle Frankfurter Gewässer belastet waren – vom Main bis zu den Bächen. Eine akute Gefahr für die Bevölkerung bestehe allerdings nicht, hieß es damals. Allerdings warnte die Vize-Chefin der Behörde, Ursel Heudorf, damals vor dem Baden und Schwimmen „in allen unseren Gewässern“. Wer ganz auf Nummer sicher gehen wolle, solle ins Frei- oder Hallenbad gehen.

Multiresistente Keime gelangen vor allem aus zwei Quellen in die Umwelt. Einmal sind es die Frachten von Gülle aus der Massentierhaltung, Gärresten und Klärschlämmen, die auf die Felder ausgebracht werden und dann mit dem Regenwasser in Bäche und Flüsse fließen. Zum anderen sind es die Abwässer aus Kläranlagen, speziell dort, wo sich Krankenhäuser im Einzugsbereich befinden. Ein Problem sind hier besonders die „Mischwässer“, die bei starkem Regen ungereinigt in die Bäche und Flüsse abgegeben werden, weil die Kapazitäten der Kläranlagen nicht ausreichen. Das Umweltbundesamt in Dessau (UBA) spricht hier von „Hotspots für die Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen“.

Ergebnisse der Proben Ende Juni

Das Problem: Bisher sind Badegewässer in Deutschland nicht systematisch auf resistente Keime untersucht worden. Als erstes Bundesland lässt Niedersachsen, aufgeschreckt von der Panorama-Recherche, Gewässer in größerem Maßstab testen; die Ergebnisse werden für Ende Juni erwartet. Auch andere Bundesländer messen verstärkt. Das UBA hält genauere Daten für dringend notwendig, um die Gefahr besser abschätzen zu können. Laut dem Amt gibt es zwar kein erhöhtes Infektionsrisiko durch die MRE, allerdings sei eine auftretende Infektion dann „oft schwieriger zu therapieren“. Außerdem könnten sich manche Antibiotika-resistente Bakterien, die mit verschmutztem Wasser beim Schwimmen verschluckt werden, im Darm ansiedeln. Das sei aber nur in Einzelfällen zu erwarten. Surfer sind laut Studien hier übrigens einem höheren Risiko ausgesetzt – vor allem, weil sie sich häufiger auf Seen tummeln, die nicht als Badegewässer eingestuft sind.

Eine große Gefahr durch die weitere Ausbreitung der Erreger sieht das UBA allerdings: „Schlimmstenfalls bilden sich neue, multiresistente Krankheitserreger, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind und dann ein Problem für die Therapie gerade von krankenhausvermittelten Infektionen darstellen“, warnt das Amt. Zudem bestehe die Gefahr, dass Menschen resistente Keime in Krankenhäuser oder Pflegeheime tragen. Patienten mit Infektionen könnten dann womöglich nur noch schwer oder gar nicht mehr behandelt werden.

Das UBA jedenfalls fordert, zumindest alle größeren Klärwerke mit einer vierten Reinigungsstufe nachzurüsten, die neben Arzneimittelrückständen auch die Keime im Abwasser deutlich reduziert – neben „normalen“ Bakterien auch die multiresistenten. Technisch sei das machbar, sagte UBA-Chefin Maria Krautzberger. Die Kosten dafür hält sie für tragbar – pro Jahr rund 1,3 Milliarden Euro oder knapp 16 Euro pro Bundesbürger. Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sind Vorreiter bei der Nachrüstung der Kläranlagen, und auch Hessen beginnt damit. So sollen fünf Kläranlagen im Hessischen Ried, das eine wichtige Trinkwasser-Quelle für die Rhein-Main-Region ist, eine vierte Stufe bekommen.

Die Aufrüstung der Kläranlagen gilt unter Medizinern und Umweltexperten jedoch nur als einer der notwendigen Schritte. Sie fordern auch, an der Quelle anzusetzen. So sollten Antibiotika grundsätzlich nur sparsam und zielgerichtet genutzt werden, um deren Wirksamkeit, möglichst lange zu erhalten.

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